Mit Egon Primas MdL (CDU), dem Vorsitzenden des Landesverbandes Thüringen des Bundes der Vertriebenen, sprach Rudolf Urban über die bisherige Zusammenarbeit der Deutschen diesseits und jenseits der Grenze sowie Zukunftsperspektiven.

 

Egon Primas ist neben seiner Tätigkeit als Chef des Landesverbandes Thüringen des BdV seit zwei Jahren Bundesvorsitzender der OMV.
Foto: Rudolf Urban

 

Am vergangenen Wochenende feierte ihr Landesverband und der Verband deutscher Gesellschaften 25 Jahre Partnerschaft. Was bedeutet für sie diese Zusammenarbeit?

Ich bin stolz darauf, dass wir vor 25 Jahren damit begonnen haben und heute das Jubiläum hier auf dem Sankt Annaberg, wo ich zum ersten Mal bin, feiern können. In all den Jahren waren für uns die Bemühungen um die deutsche Sprache das Wichtigste. Wir haben viel Lehrhilfen erstellt und unterschiedliche Materialien den Schulen zukommen lassen. Wir hatten auch ca. 25 Freiwillige, die gern nach Schlesien gekommen wären, um hier Deutschunterricht zu erteilen, aber die deutsche Bürokratie konnten wir nicht überwinden, sodass nur das Ehepaar Gallwitz tatsächlich für ein Jahr hier war, an den Schulen gelehrt und schließlich in der Gemeinde Bierawa fast schon heimisch geworden ist (Wir berichteten ausführlich in der letzten Ausgabe – Anm. d. Red.). Wir freuen uns, dass wir über die Jahre weiterhin einige Schulen auf ihrem Weg begleiten können.

Und damit wir auch bei uns in Thüringen die Bedeutung der Zusammenarbeit unterstreichen, werden wir auch einen zweiten Teil der Jubiläumsfeierlichkeiten im September auf Einladung der Landtagspräsidentin in unserem Landtag organisieren. Wir laden dann die Gäste aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen zu uns ein, wobei wir nicht nur feiern, sondern uns auch vergewissern wollen, dass wir auf einem guten Weg sind.

 

 

Dann stellt sich bestimmt auch die Frage nach der Zukunft.

 

Wir wollen die bisherige Arbeit fortsetzen und wir setzen dabei großen Wert auf die Jugend, der wir das Schicksal der Vertreibung näherbringen wollen. Das tun wir u.a. in Form von Sommerfreizeiten, zu denen seit 20 Jahren zu uns Kinder und Jugendliche aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten kommen und sich mit Thüringer Schülern treffen, Freizeit machen, dabei aber auch von uns begleitet werden, um ihnen Wissen über die Vertreibung zu vermitteln und sie damit vor den Auswirkungen von Nationalismus zu warnen sowie für ein gemeinsames Europa zu begeistern.

 

 

Der Bund der Vertriebenen, aber auch die Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung der CDU (OMV), deren Bundesvorsitzender Sie sind, arbeiten mit der deutschen Minderheit in Polen aber nicht nur im kulturellen und Bildungsbereich zusammen. Man kann sie auch als politische Fürsprecher der Heimatverbliebenen bezeichnen.

 

Ja, die OMV ist innerhalb der CDU die Vertretung der Vertriebenen. Wir haben Landes- und Kreisverbände, in denen CDU-Mitglieder und uns Nahestehende sind mit dem Ziel, die Vertriebenenpolitik in die Partei hineinzutragen, um die nötigen Beschlüsse politisch zu untermauern. Wir verstehen uns als OMV aber genauso als Sprachrohr für die Heimatverbliebenen, um das was hier abläuft auch in die deutsche Politik, zumindest in die CDU hineinzubringen. Das ist ganz wichtig, dass wir uns als Anwalt und Sprachrohr verstehen.

So war es auch bei der im Frühjahr bekanntgegebenen Haushaltsvorsorge im Auswärtigen Amt, die drastische Fördermittelkürzungen für die Deutschen Minderheiten zur Folge haben konnte. Der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida war in der OMV-Vorstandssitzung und hat das Problem vorgetragen, die anwesenden Bundespolitiker, haben auch gleich zugesagt, man müsse sich um dieses Problem kümmern. Das ist ein sehr gutes Beispiel für den kurzen Weg, der schneller Entscheidungen bringt. Wichtig ist, dass man sich kennt und versteht und nachvollziehen kann, was vor Ort wirklich Fakt ist. Und das weiß man ja nur, wenn man wie die Vertriebenen mittendrin ist und nicht nur von Außen darauf schaut.

 

Sie selbst sind kein Vertriebener, haben sich aber als Nachgeborener dem BdV verschrieben. Wie kam es dazu, vor allem wenn man bedenkt, dass Sie in der DDR aufgewachsen sind, wo ein öffentliches Erinnern an Vertreibung doch erst nach der politischen Wende möglich wurde.

Ich bin 1952 in Deutschland geboren, meine Eltern kamen aus der Nähe von Lodsch, wo ich mittlerweile auch schon gewesen bin und vieles so vorgefunden habe, wie mein Vater es beschrieben hat. Mein Vater war auch die Ursache für mein Engagement für die Vertriebenen. Seit 1990 sitze ich im thüringischen Landtag und 1993 hat mein Vater gesagt: “Junge, du musst dich auch um die Vertriebenen kümmern. Ich habe das Schicksal erlitten als 17-Jähriger ohne im Krieg gewesen zu sein, in russische Gefangenschaft geraten zu sein. So etwas darf nicht wieder geschehen”. Seitdem bin ich Kreisvorsitzender des BdV in Nordhausen. Die Vertriebenenthematik hat mich aber nicht losgelassen und es wurde immer mehr, bis ich nun Bundesvorsitzender der OMV geworden bin. Ich engagiere mich aus tiefstem Herzen, aus Überzeugung und wir sind es den Heimatvertriebenen und Heimatverbliebenen schuldig, dass man ihr Schicksal in die Zukunft trägt.

 

Stichwort Zukunft. Was steht vor dem BdV?

 

Ich fange einmal ganz oben an. Unsere wichtigste Aufgabe ist die Europapolitik. Gerade jetzt ist es wichtig, den Jugendlichen klar zu machen, dass Europa unsere Zukunft ist. Wir müssen die Jugend überzeugen, dass Nationalismus nicht der Weg für die Zukunft ist, sondern wir nur gemeinsam stark sein können. Da gibt es aber noch viele Baustellen auf dem Weg dazu, die abzuarbeiten sind.
Zum zweiten müssen wir uns dessen klar werden, dass die Heimatvertriebenen und die Heimatverbliebenen Träger der ostdeutschen Kultur sind. Und nur wir sind in der Lage, die ostdeutsche Kultur auch in die Zukunft Deutschlands zu tragen. Wenn man bedenkt, wie viel allein in Schlesien Dichter, Denker oder Nobelpreisträger auf die Welt gekommen sind, sollte das Wissen darüber präsenter sein, ist es aber leider nicht. Damit sind wir schon sehr beschäftigt.

Drittens müssen wir den Heimatvertriebenen und Heimatverbliebenen auch eine Plattform geben zum Treffen, zu Gesprächen und zum Erinnern an die Heimat, die Traditionen und die Erlebnisse. Das ist sehr wichtig für unsere Mitglieder. Dabei geht es nicht um eine politische Aussage, sondern um das Zusammenkommen, die Chance sich auszutauschen und das Wissen an die Enkel weiterzugeben. Vor allem bei uns in den sog neuen Ländern haben wir es nicht geschafft dieses Wissen und diese Erinnerung an die Heimat an die Kinder weiterzugeben, denn wir konnten und durften jahrzehntelang bis 1989 nicht darüber sprechen. Nun sagen auch unsere Kinder, dass sie heute daran nicht interessiert sind. Deshalb müssen wir zumindest versuchen, die Enkel zu erreichen und das klappt relativ gut in vielen Fällen. Unsere Mitglieder gehen in die Schulen, stellen ihr Schicksal den Schülern vor, die damit Geschichte authentisch von Zeitzeugen hören. Dann wachen diese jungen Menschen plötzlich auf und stellen zuhause selbst Fragen. Damit können wir die Geschichte der Vertreibung wachhalten, gleichzeitig unser Schicksal wirksam als Mahnung für die Zukunft präsentieren.