Mutter Eva (Mitte) und ihre Schwestern
Foto: muzeum.bytom.pl

Eine Ausstellung, ein Film und Publikationen widmen sich dem Leben und Wirken der Beuthener Diakonisse Eva von Tiele-Winckler, einer Adligen, die ihr Leben den Armen und Schwachen konfessionsübergreifend widmete.

 

Zu den wichtigen Zentren des Protestantismus in Oberschlesien zählte die Stadt Beuthen (Bytom). Noch lange bevor Luthers Lehre hier Fuß faste, hinterließen Hussiten in Beuthen ihre Spuren. Nach dem Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (ome-lexikon.uni-oldenburg.de) besetzten Hussiten 1432 die Stadt und plünderten die Beuthener Marienkirche. Da der Hussitismus in Beuthen offensichtlich an Einfluss gewonnen hatte, entsandte Papst Nikolaus V. 1451 Johannes Capistranus (1386-1456) nach Schlesien, der sich drei Jahren bemühte, die Beuthener Bevölkerung zum katholischen Glauben zu bekehren. Doch so ganz scheint es dem Wanderprediger, Heerführer und Inquisitor nicht gelungen zu sein, denn die Beuthener Marienkirche wurde 1632 protestantisch. Zwischen 1852 und 1857 wurde das Gotteshaus im neugotischen Stil renoviert und dient heute als katholische Stadtpfarrkirche.

 

Das Beuthener Minoritenkloster wurde 1810 im Zuge der Säkularisation aufgelöst und zu einer Schule umfunktioniert, die Minoritenkirche wurde ab 1833 evangelische Pfarrkirche. Nach 1945 diente sie vertriebenen Polen aus den Ostgebieten als katholische Adalbertkirche (Kościół św. Wojciecha).

 

Mit Rat und Tat

 

Das Oberschlesische Museum in Beuthen widmet sich der Blütezeit des Protestantismus in Beuthen. Die Ausstellung „Mit Rat und Tat. Portestanten in Beuthen im 19. und 20. Jahrhundert” zeigt u.a. eine Standarte des Evangelischen Jugendverbandes, ein Vorkriegsbuch der Gottesdienstordnung oder Grabsteine vom nicht mehr existenten evangelischen Friedhof in der Bahnstraße. In einem dem Kloster-Platz gewidmeten Teil der Präsentation kann sich der Ausstellungsbesucher auf eine Zeitreise bis in die Anfänge der Reformation in Schlesien zurückversetzten.

 

Ein weiterer Teil der Ausstellung ist dem Stadtteil Miechowitz (Miechowice) gewidmet und im Besonderen dem Wirken Eva von Tiele-Winckler. Neben Lutherbibeln aus dem 17. Jahrhundert, die aus dem Mutter-Eva-Häuschen in Miechowitz stammen, kann man sehen, wie eine Sonntagsschule für Kinder aus armen Familien funktionierte oder wie ein Konfirmationsunterricht Jugendliche in das Erwachsenenleben einführte.

 

Eva von Tiele-Winckler wurde am 31. Oktober 1866 in Miechowitz in einer adligen und einer der wohlhabendsten Familien Deutschlands geboren. Sie wächst in einem großen Geschwisterkreis als jüngste Tochter wohlbehütet auf. Die Frömmigkeit der katholischen Mutter und die Erziehung durch den evangelischen Vater stärken in Eva den Glauben und lassen sie aufmerksam werden auf die Not der Menschen in ihrer Heimat. Immer wieder sucht Eva Mittel und Wege den Schwächsten in der Gesellschaft zu helfen.

 

Gott Unmögliches zuzutrauen

 

Eva von Tiele-Winckler reist nach Bielefeld-Bethel und erhält dort eine Ausbildung in der Krankenpflege, denn sie wollte den Hilfsbedürftigen mit Fachwissen entgegentreten.

 

Ihr wichtigster Berater in Bielefeld war der Krankenschwesternseelsorger Friedrich von Bodelschwingh, der die Betheler Anstalt leitete.
„Das Wichtigste in jener Zeit war, dass ich anfing, Gott Unmögliches zuzutrauen. So hat Eva, die spätere Diakonisse über die Anfänge ihrer Wohltätigkeitsarbeit gesprochen“, berichtet Martin Brzóska, Pfarrer der evangelischen Gemeinde in Schwientochlowitz (Świętochłowice) währen seiner Führungen auf den Spuren der Protestanten in Oberschlesien.

 

Ihr Gottvertrauen hilf Eva von Tiele-Winckler dermaßen, dass sie es bald schafft ein Hilfs-Netz zu flechten, das später für die Kinder- und Jugendarbeit wegweisend wird.

 

Haus Friedenshort

Im September 1890 zieht Eva von Tiele-Winckler in das neuerbaute Haus „Friedenshort“ in Miechowitz, wo bedürftige oberschlesische Kinder und kranke alte Menschen versorgt wurden. Die junge, 23-jährige Adlige wird unter den Armen liebevoll „Mutter Eva“ genannt und es wird ihr große Dankbarkeit und Respekt der Miechowitzer Bevölkerung geschenkt.

 

1892 besucht Friedrich von Bodelschwingh Eva von Tiele-Winckler in Miechowitz und motiviert die junge Frau eine Schwesternschaft zu gründen. Ein Jahr später wird Eva in Bethel zur Diakonisse gesegnet. 1900 übernimmt sie die Leitung des Friedenshortwerkes und der Schwesternschaft in Miechowitz. Ihr besonderes Augenmerk widmet Eva der Arbeit in den sogenannten Kinderheimaten. Dort leben die Diakonissen mit den betreuten Kindern in kleinen, familienähnlichen Gruppen. Mutter Evas Idee dabei ist Kindern unterschiedlichen Alters ein Zuhause mit festen Bezugspersonen zu geben.

 

Erste gemeinnützige GmbH

 

Eva von Tiele-Winckler schöpfte von Zuhause nicht nur ihre Gläubigkeit, sonder auch den Geschäftssinn. 1913 gründet die Unternehmerstochter die „Heimat für Heimatlose GmbH“, ein Zusammenschluss der bis dahin 42 entstandenen Kinderheimaten. Damit schafft Mutter Eva die weltweit erste Gesellschaft mit beschränkter Haftung im Bereich der Diakonie.
1912 reisen die ersten Diakonissen nach China. Auch in Norwegen, Indien, Ägypten, Guatemala, Syrien und auf den Samoa-Inseln entstehen Friedenshorte.

 

1930 verstirbt Mutter Eva in ihrem Heimatort Miechowitz. Auf ihrem schlichten Grabstein steht die Lebenslosung Mutter Evas: Ancilla Domini (Magd des Herren). Auch das Mutter-Eva-Häuschen überdauerte in unsere Zeit und bezeugt, dass „Nichts unmöglich ist dem, der da glaubt“. Ebenso erinnert ein Gedenkweg in Miechowitz an den „Oberschlesischen Engel der Barmherzigkeit“. Die Beuthner Ausstellung, die noch bis zum 31. Januar 2018 zu sehen ist, reiht sich in das Gedenken an die Wohltäterin ein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mussten die Schwestern und ihre Schützlinge Schlesien verlassen. Heute gibt es in Deutschland zahlreiche Friedenshort-Einrichtungen. Ihre Zentrale befindet sich in Freudenberg (Nordrhein-Westfalen).

 

Klaudia Kandzia