Fast alle von uns hat es schon einmal getroffen: Die Kleidung, die Nationalität oder das Geschlecht beispielsweise waren der Grund, warum andere uns abgewertet oder ausgeschlossen haben – eine schmerzliche Erfahrung. Das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und der Bund der Jugend der Deutschen Minderheit in Oppeln machen auf dieses Problem ein Mal im Jahr mit einem ganz besonderen Projekt aufmerksam.

Die Gewinner 2018: (v.l.) Justus Niebling, Laura Szafarczyk, Alexander Paweł Gratza. Foto: Marie Baumgarten

 

 

Die Insel Bolko – einer der schönsten Plätze in Oppeln. Ein besonderer Ort also für einen besonderen Anlass. Denn Ende September setzen sich hier junge Menschen aus Deutschland, Polen und der Ukraine  gegen Ausgrenzung und Vorurteile ein. Und das nicht mit Plakaten und stumpfen Parolen, sondern mit poetischen Texten, die allesamt aus eigener Feder stammen – so wie die folgenden Zeilen von Julius Niebling aus Mainz, die er mit einem Rhythmus aufsagt, wie man ihn von Rappern kennt:  Ey weißt du was, du solltest dich was schämen/ Du sagst, Rassismus sei für dich ein eher altes Thema/ Dabei verwendest du gerade genau das selbe Schema/ Und weißt du, dieser Streit macht wirklich keinen Sinn/ denn zu ´nem Spiel braucht man immer zwei/ Und das weiß jedes Kind.

 

 

Der kleine Unterschied

Es sind die kleinen, aber feinen Unterschiede im Alltagsleben der Menschen, die Julius thematisiert. Dass beispielsweise jemand eine bestimmt Handymarke benutzt, werten einige Menschen durch beleidigende Kommentare ab. „Neben diesem Thema habe ich mich dafür entschieden, über Fußball zu schreiben – auch in Polen gibt es ja ein großes Problem mit der Hooligan-Szene. Da fügen sich Menschen gegenseitig Schmerzen zu nur wegen Fußball!“, sagt Julius.

 

Rückblick: Bevor sich Julius vor ein Publikum auf die Bühne wagt, bekommt er in einem Workshop für Poetry Slam das nötige Werkzeug an die Hand. Poetry Slam bedeutet übrigens Dichterschlacht und ist die moderne Form des klassischen Gedichts. Slams leben von gelungenen Reimen, einem guten Stück Ironie und starken Bildern, die Kino im Kopf auslösen. Doch das Wichtigste: eine eindringliche Botschaft. „Ein guter Slam bewegt die Leute. Das bedeutet, er hat ein Thema, das relevant ist, und gleichzeitig löst er Emotionen in den Leuten aus, die das Ganze hören und sehen“, erklärt Workshop-Trainerin Jana Bachmann aus Berlin.  Und ein guter Slam komme am besten aus dem tiefsten Inneren, aus einer persönlichen Betroffenheit, sagt Jana Bachmann. Und tatsächlich haben viele der Teilnehmer Diskriminierung schon selbst einmal erlebt so wie Natalija Morys aus der Ukraine. Sie ist in der Schule wegen ihrer guten Leistungen von den Mitschülern gemobbt worden. „Sie haben immer gesagt, dass ich ohne Studium nichts sei und dass sie mich uninteressant fänden. Vielleicht werde ich darüber schreiben“, berichtet Natalija.

 

Auch Julius kennt Diskriminierung. Erst vor Kurzem ist er von Mainz in die Niederlande gezogen – nach Groning, zum Studium. Die Wohngemeinschaft, in die er eingezogen ist, will ihn jetzt vor die Tür setzen. Der Grund: Die Mitbewohner wollen lieber wieder einen Niederländer bei sich aufnehmen. Für Julius ein Schlag vor den Kopf: „Ich habe mich immer um Harmonie bemüht, habe versucht auf die anderen zuzugehen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Ich kann die Reaktion nicht verstehen.“

 

 

Den Geist öffnen

Dieses Erlebnis will Julius aber nicht zum Thema seines Slams machen. Den 21-Jährigen reizen nicht die großen Themen wie Diskriminierung von Nationalitäten, Geschlecht, Hautfarbe oder Religion. Ihn interessiert, wie Ausgrenzung im Alltag funktioniert und was man dagegen tun kann. Vielleicht hilft ja ein guter Slam? Davon ist zumindest Profi Slammer und Coach Wojtek Cichoń aus Warschau überzeugt: „Poetry-Slam-Workshops sind super geeignet, um den Geist junger Menschen zu öffnen – und nicht nur junger Menschen“, sagt Wojtek Cichoń. „Jedes vorgegebene Thema bietet viel Raum für Interpretation und die Menschen können auf einer Bühne ihre Meinung dazu sagen und nebenbei ein Stück wirklich guter Poesie verfassen.“

 

Was die Coaches in drei Tagen Workshop vermittelt haben, trägt am Ende Früchte – Julius wird sogar von der Jury mit dem zweiten Platz ausgezeichnet und Natalija bekommt den Publikumspreis. Den ersten Platz beim Poetry Slam in Oppeln belegt ein Teilnehmer aus Mainz: Alexander Paweł Gratza, dessen Familie aus Oberschlesien stammt. Die Ausgrenzung, die er aufgrund seiner deutsch-polnisch-schlesischen Identität erlebt hat, machte er zum Thema seines Slams und konnte damit die Jury überzeugen. Doch das Wichtigste: Sie alle haben ein klares Zeichen gesetzt: Nein zu Vorurteilen, nein zu Ausgrenzung.

 

Marie Baumgarten

 

 

Über dieses Thema berichtete auch Schlesien Journal: