Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Tuesday, January 25, 2022

Urgestein kirchlicher Kunstwerke – Zum Tod von Georg Mitschke

Georg Mitschke (1930 -2020)
Foto: J. Rasim

 

Wie die Franziskaner vom St. Annaberg informieren, ist am 2. November Georg Mitschke verstorben. Seit fast 30 Jahren war er es, der die St. Annaberger Basilika in mühevoller Handarbeit restauriert hatte. Georg Mitschke findet auf dem Friedhof in St. Annaberg seine letzte Ruhe, die Beerdigung findet am 5. November statt.

 

Der aus Ziegenhals stammende Georg Mitschke hatte ein bewegtes Leben, das von Heimatverlust und Wiederkehr geprägt gewesen ist. Als er 1992 aus Deutschland wieder in die schlesische Heimat kam, konzentrierte er sich auf die Restaurierung des Inneren der Basilika der Hl. Anna auf dem St. Annaberg. Bei den Franziskanerpatres hat er dann auch seinen Alterswohnsitz gehabt, um sich seiner Arbeit für die Basilika zu widmen.

Für seine Verdienste in der Kunst und der Restaurierung wurde er mehrmals ausgezeichnet und war auch Ehrenbürger von St. Annaberg.

 

Mehr zu Georg Mitschkes Leben erfahren Sie hier aus einem Wochenblatt-Artikel aus dem Jahr 2016:

 

Georg Mitschke in der Basilika auf dem St. Annaberg
Foto: Andrzej Morciniec

 

Georg Mitschke ist der Inbegriff der Restaurierung kirchlicher Kunstwerke und sakraler Kunstmalerei in Schlesien. Nach fast 30 Jahren kehrte er in seine Heimat zurück, um das Lebenswerk seines Vaters zu beenden. Die Familiengeschichte nach 1945 ist filmreif.

 

Die Mitschkes wurden nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wie die anderen Deutschen aus Schlesien vertrieben – unter dem Schutz der bischöflichen Kurie zogen sie von Pfarrei zu Pfarrei und restaurierten Kirchen, Kapellen und Kreuzwege. Einen polnischen Personalausweis bekamen sie aber nicht. Der jüngste Sohn Georg, der 1930 in Ziegenhals (Głuchołazy) geboren wurde, konnte sogar auf Deutsch studieren. Wie kam es, dass sie in Schlesien geblieben sind?

 

„Es gab bei uns in Ziegenhals eine evangelische Kirche. Der polnische Garnisonspfarrer wollte 1945/46 diese Kirche zur Garnisonskirche umfunktionieren. Deshalb wurden wir hier behalten und konnten dann die Umgestaltung der Kirche ausführen: Vor allem musste dort ein Altar entworfen werden. Die Garnison zog aber schnell wieder ab und es kam ein neuer Pfarrer, der Gymnasialpfarrer Dominik Pyka. Er ließ die Kirche für die Gymnasiasten umgestalten und so entstand die Sankt-Franziskus-Kirche, wie wir sie heute kennen. Der Umstand, dass wir unsere Arbeit weiter ausführen konnten, war wohl der wichtigste Grund, dass wir in Schlesien blieben“, erinnert sich Georg Mitschke.

 

Sie bekamen weitere Aufträge der Pfarreien und Empfehlungsschreiben für gute Arbeiten sowie die Zusicherung, dass sie in Polen als anerkannte Handwerker gebraucht werden. Unter der Führung seines Vaters Josef war Georg Mitschke ein fester Bestandteil eines eingespielten Teams – die sechs Jahre ältere Schwester Maria sowie Tante Martha Hanke vervollständigten das „Familienunternehmen“. So wurden Kirchen neu gestaltet, Altäre restauriert, Deckenbilder rekonstruiert, Kreuzwege erneuert, Orgeln entworfen und wieder hergerichtet. Dazu gehörte auch die Kurienkapelle in Oppeln auszumalen – Auftraggeber war der Apostolische Administrator von Oppeln Bolesław Kominek. „Das war meine erste künstlerische Arbeit hier in Oppeln. Mein Vater malte die zwölf Apostel an die Decke und ich durfte den Rahmen, das Ornamentwerk malen“, bestätigt Georg Mitschke.

 

Wurde ihm das Künstlerische in die Wiege gelegt? Zumindest von Kindesbeinen an war er mit der Entstehung und Restaurierung sakraler Kunst tagtäglich konfrontiert: „Unsere Wohnung in Ziegenhals war gleichzeitig das Atelier meines Vaters. Es war selbstverständlich, dass ich als kleiner Bub im Atelier mich aufhielt und meinem Vater zuschaute, wie er zeichnete, für Bildhauer entwarf. Deshalb kannte ich seine Arbeiten, wie er das fühlte“, erklärt der Künstler.

 

1957 bekamen die Mitschkes eine neue Aufgabe zugeteilt: Die Wallfahrtskirche auf dem Sankt Annaberg sollte in eine Barockkirche umgestaltet werden. „Der St. Annaberg, sollte das letzte Werk meines Vaters werden. Für mich hatte es eine besondere Bedeutung. Doch 1966 entschlossen wir uns die Arbeit abzubrechen und nach Westdeutschland auszureisen. Für uns wurde es aussichtslos in Polen weiter zu arbeiten. Die Repressalien gegenüber der Kirche und gegenüber uns Deutschen wurden unerträglich. Wir siedelten nach Münster in Westfalen über, weil dort mein Onkel wohnte und ich dort in einer Denkmalswerkstatt arbeiten konnte. Dann bekam ich eine Aushilfslehrerstelle in einer Realschule in Dülmen, wo ich Kunstunterricht und Werkunterricht gab“, bestätigt Georg Mitschke. Es folgte ein Studium der Fächer Kunstgeschichte und Philosophie.

 

Doch studieren konnte Georg Mitschke bereits in Polen: „Deutsch zu sprechen war ja damals verboten, ganz zu schweigen vom Schulunterricht oder sogar Studium in deutscher Sprache. Doch bei mir war es anders. In Ziegenhals gab es einen Kaplan aus der Posener Gegend, der mich an seinen Studienfreund, einen polnischen Professor in Krakau, vermittelte. Bei ihm konnte ich privat studieren, und zwar von 1950 bis zu unserer Ausreise“, sagt 85-Jährige schmunzelnd.

 

Im Rahmen des Projekts „Wir alle sind Schlesier – Wszyscy jesteśmy Ślązakami”, das vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) organisiert wurde, sprach am 9. Dezember 2016 in der Eichendorff-Bibliothek Georg Mitschke (links) mit Pfarrer Peter Tarlinski.
Foto: Johannes Rasim

 

1992 kam Georg Mitschke wieder nach Oberschlesien und beschloss, die unterbrochene Arbeit fortzuführen, um das Werk seines Vaters zu vollenden. Seit seiner Pensionierung 1994 ist er ein Dauergast auf dem Sankt Annaberg. Neugestaltung der Altäre, Stuckarbeit, Ornamente, Waldmalereien, Orgelbau, Neugestaltung der Chorbrüstung… „Der Klosterbruder Hyazinth hatte seiner Zeit sehr viele alte Figuren in den Klöstern gesammelt und auf den  Annaberg gebracht, damit sie nicht vernichtet werden. Derzeit bin ich damit beschäftigt, zwei alte Figuren wieder herzurichten und bildhauermäßig zu erneuern“, erklärt der Künstler.

 

Dank Georg Mitschkes Hingabe erscheint die Basilika auf dem Sankt Annaberg heute in einer neuen Pracht und ruft bei den Besuchern Staunen und Bewunderung hervor. Die Harmonie des Kunstwerks zwingt so manchen zum Nachdenken, zur Stille.

 

Johannes Rasim

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