Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, January 20, 2022

Rathaus kehrt zurück

Nach 73-jähriger Nichtexistenz steht am Osteroder Plac Tysiąclecia, dem einstigen Alten Marktplatz, nun wieder das alte Rathaus. Alt, aber dennoch ganz neu – noch ist dort nicht einmal alles fertig.

 

Gesamtansicht des Rathauses. Im Vordergrund die Säule der europäischen Einheit, einst Drei-Kaiser-Säule. Foto: lek

Die Eröffnung des neugebauten Alten Rathauses war eingeflochten in die woiwodschaftlichen Feierlichkeiten des Welttourismustages. Ein Banddurchschneiden gab es nicht, nur kurze Ansprachen des Osteroder Bürgermeisters Czesław Najmowicz und des Woiwodschaftsmarschalls Gustaw Marek Brzezin, welcher der Stadt Osterode zur Eröffnung des Rathauses gratulierte. Auch Burghard Gieseler, Vorsitzender der Kreisgemeinschaft Osterode aus Osterode/Harz, ergriff das Wort.

„Dieses Rathaus hat eine große symbolische Bedeutung. Es ist ein Zeichen der Freundschaft, die zwischen Polen und Deutschen gedeiht. Wir sind glücklich, dass wir als Kreisgemeinschaft Osterode ebenfalls an diesem Wiederaufbau teilnehmen konnten, indem wir die Turmuhr stifteten. Möge diese Uhr für die Bewohner dieser Stadt und deren zukünftige Generationen die Zeit im vereinten Europa messen“, sagte Burghard Gieseler.

Anlässlich der Eröffnungsfeier wurde im neuen Alten Rathaus eine Ausstellung mit alten und neuen Fotografien verschiedener Objekte des Oberländischen Kanals eingerichtet. Zu sehen war dort auch ein Modell des Rollberges von Schönfeld im Maßstab von 1:150 mit beweglichen Schiffchen.

Das Rathaus wurde, ähnlich wie die gesamte Vorkriegsbebauung der Osteroder Altstadt, im Jahr 1945 von sowjetischen Soldaten in Brand gesetzt und anschließend zerlegt. Bis in die 1990er-Jahre fehlte von ihm jede Spur. Als die Stadt in den 90er-Jahren eine neue Fahrbahndecke auf dem Rathausplatz in Auftrag gab, musste man auf Druck der Denkmalbehörde auch rote Pflastersteine um das Rathaus herum verlegen. Henryk Hoch, der Vorsitzende der Gesellschaft der deutschen Minderheit „Tannen“ in Osterode und langjähriges Mitglied des Osteroder Stadtrats sowie Vorsitzender des Verbandes der deutschen Gesellschaften in Ermland-Masuren, hat jahrelang die Firma Ekobud, eines der größten und dynamischsten Bauunternehmen in der Woiwodschaft Ermland-Masuren, zum Wiederaufbau des Rathauses überredet. Die Firma ist allerdings auf Wohnungsbau und gemeinnützige Gebäude spezialisiert und hatte daher an einem solchen Bauwerk zunächst nur wenig Interesse. Da aber der Ekobud-Chef Ryszard Klonowski ebenfalls ein gebürtiger Osteroder ist, ließ er sich letztlich doch herumkriegen.

 

Die Eröffnung des Rathauses. Es spricht Burghard Gieseler. Hinten von links: Gustaw Marek Brzezin, Marschall der Woiwodschaft Ermland-Masuren, Czesław Najmowicz, Bürgermeister von Osterode, und Henryk Hoch, Vorsitzender der Gesellschaft „Tannen”. Foto: lek

„Das lag mir sehr am Herzen. Der heutige Plac Tysiąclecia war einst der zentrale Platz von Osterode. Alle wichtigsten städtischen Feierlichkeiten spielten sich dort ab. Nach dem Krieg verschob sich das Stadtzentrum nach Süden und er geriet in Verfall. Dabei hat er noch immer eine sehr gute Lage unweit eines Sees, einer Promenade und eines Schlosses und ist es daher wert, wiederbelebt zu werden. Genau das könnte nun das neue Alte Rathaus tun. Und ich habe noch einen sentimentalen Grund. Am Alten Marktplatz hatte mein Vater bis 1945 eine Wohnung und einen Laden“, erklärt Henryk Hoch.
Ekobud kaufte den Platz von der Stadt bei einer Ausschreibung im Jahr 2010 und beauftragte anschließend das Projektbüro Włodzimierz Podonowski aus Kalisch mit dem Bauentwurf für das Rathaus. Die Baumaßnahme begann im Herbst 2016 und dauerte zwei Jahre. Heute sieht das Alte Rathaus so aus wie im Jahr 1927, also nach dem letzten Umbau. Das Innere ist allerdings völlig modern. Das Bauwerk hat eine Fläche von 660 m2 und drei Stockwerke.

„Die Bestimmung des Gebäudes steht noch nicht fest. Vielleicht werden wir es vermieten, vielleicht aber verkaufen“, sagt Grzegorz Pietrucha, der stellvertretenden Vorstandsvorsitzende bei Ekobud.´
Auf das Alte Rathaus hat der Bürgermeister von Osterode Lust. „Vor meinem geistigen Auge sehe ich dort einen Hochzeitspalast, eine Traditionsstube in Kooperation mit unserer Partnerstadt Osterode/Harz und ein Tourismusbüro. Ich weiß aber noch nicht, ob wir uns mit Ekobud wegen der Mietpreise verständigen können“, sagt Czesław Najmowicz.

 

lek

Das Rathaus in Osterode entstand vermutlich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts anstelle des mittelalterlichen Vorbaus. Es befand sich am Alten Marktplatz (heute Plac Tysiąclecia). Es wurde viele Male umgebaut, darunter auch im 20. Jahrhundert. Seit 1920 war es nicht mehr Sitz der Stadtverwaltung, da es zu klein geworden war. Osterode errichtete damals ein neues Rathaus. 1945 setzten russische Soldaten den gesamten Alten und Neuen Marktplatz in Brand. Die polnische Stadtverwaltung Osterode ließ die verbrannte Bebauung nicht wiederaufbauen. Vor einigen Jahren baute die Stadt dank des Bemühens von Henryk Hoch den daneben stehenden historischen Drei-Kaiser-Brunnen wieder auf. Dieser nennt sich heute „Säule der europäischen Einheit“.
Bildunterschriften

 

Foto Rathaus 1. Gesamtansicht des Rathauses. Im Vordergrund die Säule der europäischen Einheit, einst Drei-Kaiser-Säule.
Foto Rathaus 2. Die Uhr am Rathausturm, gestiftet von der deutschen Kreisgemeinschaft Osterode.
Foto Rathaus 3. Die Eröffnung des Rathauses. Es spricht Burghard Gieseler. Hinten von links: Gustaw Marek Brzezin, Marschall der Woiwodschaft Ermland-Masuren, Czesław Najmowicz, Bürgermeister von Osterode, und Henryk Hoch, Vorsitzender der Gesellschaft „Tannen”.

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