Marie Roncka (rechts)

Das Wissen um die Geschichte und aktuelle Situation der deutschen Minderheiten in Europa ist in Deutschland bekanntlich gering. Dies in Bezug auf die Deutschen in Tschechien zu ändern, versuchte vor Kurzem der öffentlich-rechtliche TV-Sender ARD in seiner Reportage „Heimat mit Hindernissen“.

 

Die 30-minütige Reportage ist seit letzter Woche in der ARD-Mediathek zu sehen und wurde im Mitteldeutschen Rundfunk ausgestrahlt. Um dem Zuschauer einen groben Überblick über die Größe der jeweiligen Minderheit zu geben, beginnen Berichte dieser Art mit Zahlen, die darstellen sollen, wie stark die Zahl der Deutschen in Tschechien im Laufe der Jahre abgenommen hat. Von den etwa drei Millionen, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg in diesem Land lebten, gibt es heute etwa 20.000, wie der Sender berichtet. Grund dafür seien wie in anderen Ländern die Vertreibung nach dem Krieg und auch die Ausreisen nach Deutschland danach, wobei diese zahlreiche Gründe hatten, von ökonomischen bis hin zu kulturellen.

 

Die eigentliche Geschichte, die Jürgen Osterhage, der ARD–Korrespondent in Tschechien erzählt, hat jedoch ihren Ursprung im Egerland, einer Region im Westen Tschechiens, die unmittelbar an das heutige Deutschland grenzt und vor dem Krieg bis zu 90 Prozent von Deutschen bewohnt wurde. Die Schicksale der Protagonisten, wie des Landwirtes Richard Sulko, sind denen der Deutschen in Polen sehr ähnlich. Seine Familie wurde von der Vertreibung verschont, weil sie in ihrem Arbeitsbereich Fachleute waren. Sie wurden in der Landwirtschaft gebraucht und durften deswegen bleiben. Selber sind die Sulkos nicht ausgereist, weil ihnen ihr Eigentum in Tschechien zu schade war, um es aufzugeben, auch wenn sie in Deutschland ein leichteres Leben gehabt hätten. Richard Sulko gibt aber nicht nur einen Einblick in die Geschichte seiner Region, sondern auch über das heutige Leben als Minderheit in Tschechien. Zwar sei das Wort „Deutsch“ ein Reizwort für die meisten Tschechen, was eine offenes Bekenntnis zum Deutschtum im Land nicht einfach mache, doch es sei auch „eine Pflicht zu zeigen, dass man Deutscher ist“, so Richard Sulko, der sogar sein Haus im alten deutsch-tschechischen Stil bauen ließ.

 

Doch nicht nur einzelne Personen, sondern auch die Strukturen der Deutschen Minderheit in Tschechien werden in der Reportage präsentiert. Die Sendung hat nämlich auch einige Protagonisten, die der deutschen Minderheit in Polen bestens bekannt sein sollten. Die Reise von Jürgen Osterhage führt ihn durchs ganze Land, unter anderem auch in das Hultschiner Ländchen, das an der tschechischen Grenze zu Oberschlesien liegt. Dort filmte das Fernsehteam unter anderem Marie Ronczka, die ein Sportfest sowohl für Kinder der deutschen Minderheit in Tschechien wie auch aus Polen organisierte. Dabei waren unter anderem Vertreter des Schulträgervereins Pro Liberis Silesiae aus Oppeln zu Gast. In einem Interview im Rahmen der Sendung bedauert Marie Ronczka zwar, dass in dem Verein der deutschen Minderheit, den sie leitet, sich meistens nur Senioren engagieren, doch Projekte wie das Sportfest für die Kinder geben Hoffnung für eine Zukunft des Deutschtums in Tschechien.

 

Interessierte können die Reportage unter www.ardmediathek.de aufrufen.

 

Łukasz Biły