Pfarrer Andrzej Fober (Rechts) leitet die deutschsprachige Gemeinde seit 17 Jahren.

Sie wirkt etwas verloren, eingequetscht zwischen modernen Hochhäusern und der belebten Schnellstraße. Und dennoch ist die St.-Christophori-Kirche zu Breslau nicht zu übersehen, da dieses gotische Gebäude schon allein optisch hervorsticht. In dieser Kirche versammeln sich Gläubige evangelischer Konfession und deutscher Sprache zum Gottesdienst. Dieses Jahr feiert die Kirche ihren 750. Geburtstag. Zum Jubiläum wird am 10. September um 10:00 Uhr dort ein Festgottesdienst stattfinden. Die Predigt hält Bischof Waldemar Pytel.

 

Die 1267 damals noch aus Holz erbaute und außerhalb der Stadt gelegene Kirche befindet sich nun, sieben Jahrhunderte später, im Stadtzentrum. Ihre Erwähnung findet das Gotteshaus in der Stiftungsurkunde Wladislaus von Schlesiens, Erzbischof von Salzburg und ab 1268 Administrator von Breslau. Damals hieß die Kirche noch „Heilige Maria von Ägypten“ nach der Schutzpatronin der Büßenden. Erst um die Wende vom 14. zum 15. Jh. ist die heutige, gotische Kirche vom Meister Heinrich Frankenstein gebaut worden. Damals hatte sie jedoch noch keinen Turm, denn dieser wurde erst 1461 fertig gestellt.

 

Polnischsprachige Seelsorge

 

„Als im 13. Jahrhundert  das Wasser der Ohle in den inneren Graben rund um die Stadt geleitet wurde, sind in seiner Nähe Werkstätten eingerichtet worden, die fließendes Wasser benötigten, darunter auch Gerbereien. „Diese Tatsache lässt vielleicht leichter verstehen, welche Rolle im Leben unserer Kirche die Kürschner gespielt haben“, erklärt Andrzej Fober, Pfarrer in St.-Christophori. Die Gerber und Kürschner stifteten Gelder für einen Altarbau, der unter dem Patronat der Zunft stehen sollte. 1416 stiftet der Kürschner Gregor Deutschländer der Kirche jährlich zwölf Mark um einen Pfarrer zu unterhalten, der die polnische und deutsche Sprache beherrschte. „Diese Tatsache belegt, dass die Kirche auch für die Seelsorge der polnischsprachigen Gemeinschaft zuständig war“, so Propst Fober, dessen Aufgabe es ist, die heute deutschsprachige Gemeinde zu betreuen.

 

Es ist nicht einfach den charismatischen Leiter der St.-Christophori-Gemeinde anzutreffen, er hat nämlich allerhand zu tun. Neben den evangelischen Breslauern ist er auch noch für die Seelsorge in Liegnitz (Legnica), Waldenburg (Wałbrzych), Lauban (Lubań) und Bad Warmbrunn (Cieplice Zdrój) verantwortlich. Gleich nach dem Sonntagsgottesdienst in Breslau steigt er ins Auto und rollt kilometerweit durch Niederschlesien, um seinen wenigen, meist älteren Gläubigen das Wort Gottes zu bringen.

 

Die Reformation

 

Die St. Christophori-Kirche war als Filialkirche der Stadthauptkirche St. Maria Magdalena untergeordnet. Und dort hielt bereits 1523 Johann Hess den ersten lutherischen Gottesdienst. Bald schon passte sich die St. Christophori-Gemeinde den neuen liturgischen und seelsorgerischen Anforderungen der neuen Lehre an. Anfangs diente ein hölzerner Predigerstuhl als Kanzel. Im 17. Jahrhundert wurde dieser jedoch durch eine richtige Kanzel ersetzt. Im Presbyterium wurde ein barockes Taufbecken mit Polychromie aufgestellt, das von 1765 bis  Kriegsende seine Dienste tat.

 

„Der Altar, den wir heute in der Kirche bewundern können, stand früher in der Dorfkirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Massel (Masłów) bei Trebnitz (Trzebnica). 1957 wurde das Werk schlesischer Künstler nach Breslau gebracht. „Dieses, wahrscheinlich von einem Breslauer Holzschnitzer in den Jahren 1591-92 angefertigte Triptychon stellt die Quintessenz des lutherischen Bekenntnisses dar. Nirgendwo in Schlesien finden wir eine so plastische Darstellung der konfessionellen Identität der Schüler und Nachfolger des Dr. Martin Luther“, preist Prof. Piotr Oszczanowski vom Institut für Kunstgeschichte der Universität Breslau und Leiter des Nationalmuseums zu Breslau das Werk auf der Internetseite der St. Christophorie-Gemeinde an.

 

Deutsche Gottesdienste

 

Wer sich von der Schönheit des Altars überzeugen möchte, sollte dies mit dem Besuch eines Sonntagsgottesdienstes verbinden. In Breslau ticken die Uhren noch anders. Der Gottesdienstbesucher, der einen Sitzplatz ergattern möchte, sollte nicht unbedingt kurz vor 10:00 Uhr eintreffen. Die Kirche ist nämlich richtig voll. Und wer hauptsächlich ältere Menschen erwartet, wird staunen wie viele junge Familien am Gottesdienst teilnehmen. Kinder sind stets willkommen, für sie gibt es Kinderbetreuung in der Sakristei.

 

Wer automatisch zu den modernen Gesangbüchern in Kirchvorraum greift, wird auf nette, aber bestimmte Weise darauf hingewiesen: „Wir singen aus den Schlesischen Provinzialbüchern“. Diese, eine Spende aus Deutschland, sind stilgerecht noch in Sütterlinschrift gehalten.

 

Pfarrer Andrzej Fober betet mit dem Gesicht zum Altar und die Predigt hält er von der Kanzel und der gesamte Gottesdienst ist natürlich in Deutsch.

 

Neben Gottesdiensten setzt sich die St.-Christophori-Gemeinde für Kultur und Soziales ein. Mit der Wiederbelebung der Montagskonzerte Gerhard Zeggert in Memoriam knüpft die Gemeinde an eine Vorkriegstradition an und schafft wichtige  Impulse im Breslauer Kulturleben.

 

Von November bis März wird in der St.-Christophori-Kirche nach dem Sonntagsgottesdienst eine Suppenküche für Bedürftige geöffnet. Das Projekt wird ausschließlich aus Spenden finanziert, die der agile Gemeindeleiter Fober an Land zieht.

 

Klaudia Kandzia