Am 16. Februar 1990 wurde die Organisation der deutschen Minderheit in der Oppelner Region offiziell ins Vereinsregister eingetragen. Zum Jubiläum präsentieren wir ęinige der wichtigsten Ereignisse und Initiativen der letzten 30 Jahre. Von der Gründnung, über die erste zweisprachige Schule, das Minderheitengesetz, die Deutschen Kulturtage in Oppeln bis hin zu den Miro Deutschen Fußballschulen. Begeben Sie sich mit uns auf eine Zeitreise in die drei letzten Jahrzehnte.

 

 

Gründnungsdokument der SKGD vom März 1989. Bis zur Registrierung sollte aber fast noch ein ganzes Jahr vergehen.
Quelle: R.Urban

Von Listen bis zur Anerkennung

Der 16. Februar 1990 markiert die offizielle Registrierung der Sozial-Kulturellen Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien, damals noch mit dem Zusatz “Minderheit” im Namen. Davor haben sich hunderte Menschen für diese Anerkennung engagiert, interne Treffen wie auch Gespräche mit Politikern, zumeist aus Deutschland, geführt. Und all diese Arbeiten liefen im Haus von Johann Kroll, dem Gründervater der deutschen Minderheit zusammen.

Die Gogoliner Gründer der Deutschen Minderheit: Helmut Stannek, Johann Kroll und Erich Stannek
Foto: Archiv

Berühmt sind seine “Listen”, in denen sich bis zu 250.000 Einwohner der Region eintragen ließen, um so ihre deutsche Herkunft zu zeigen. Diese waren damals, in der zweiten Hälfte der 80er Jahre, der materielle Beweis für die Existenz einer deutschen Minderheit und wurden nicht nur von Johann Kroll selbst gesammelt. Im Archiv des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit, das beim Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit tätig ist, gibt es viele Zeitzeugeninterviews, aus denen hervorgeht, dass die Listensammlung auch spotan in den einzelnen Ortschaften der Region initiiert und dann bei Johann Kroll abgegeben wurden. Er legte sie dann der Deutschen Botschaft in Warschau vor, denn vor allem von den westdeutschen Politikern erhoffte man sich Unterstützung, solange die Existenz einer Minderheit in Polen offiziell immer noch verneint wurde.

 

November 1989 – im Rahmen seines Staatsbesuches in Polen traf sich Bundeskanzler Helmut Kohl auch mit Vertretern der deutschen Minderheit in Oberschlesien.
Foto: privat

Dies ging dann aber spätestens im Jahr 1989 nicht mehr, als Erzbischof Nossoll am 4. Juni die deutschsprachigen Messen auf dem St. Annaberg eingeführt hatte und diese sonntags hunderte Menschen auf den heiligen Berg der Schlesier anzogen. An demselben Tag gab es auch die ersten halbfreien Wahlen in Polen, die den Soldarność-Abgeordneten Tadeusz Mazowiecki zum Premierminister machten und er in seinem Expose sagte, die Minderheiten sollten sich in Polen heimisch fühlen. Außerdem hat die Minderheit selbst für Aufsehen gesorgt mit einer Reihe von Transparenten und vielen Teilnehmern bei der sog. deutsch-polnischen Versöhnungsmesse in Kreisau im November 1989.
Die offiziellen Zeichen einer Anerkennung der Deutschen in Oberschlesien als Minderheit führten aber nicht automatisch zur gerichtlichen Registrierungen. So heißt es in der Begründung des Oppelner Gerichtes zum Registrierungsversuch vom 14. Juni 1990: Das Aufsichtsorgan [das Woiwodschaftsamt – Anm. d. Red.] stellte fest, dass die Aktivitäten der Initiativgruppe von der revisionistischen Kampagne in der BRD inspiriert seien und dass diese Gruppe durch die Vertretung ihrer politischen Interessen in organisierter Form auf die Verwaltungsorgane Druck ausüben wolle, um bestimmte Vorteile zu erzielen. Die Registrierung eines solchen Vereins kann eine Gefahr für die öffentliche Ruhe und Ordnung bedeuten, kann aber der Bevölkerung der Oppelner Gegend keine positiven Werte vermitteln.“
Auch wenn die Registrierung im Oppelner Woiwodschaftsgericht nicht erfolgt ist, war der juristische Weg nicht zu Ende. Bereits einige Wochen später legten die Initiatoren am 11. August 1989 einen Revisionsantrag am Obersten Gericht in Warschau ein, der im Sinne der Kläger entschieden wurde. Somit musste das Woiwodschaftsgericht nochmals über die Registrierung einer Organisation der Deutschen im Oppelner Schlesien entscheiden. Dies sollte dann am 16. Februar 1990 geschehen und mit der Eintragung ins Register enden.

 

 

Vertreter der deutschen Minderheit kamen auch mit Politikern der Landsmannschaften und Vertriebenenverbänden zu Gesprächen zusammen, aus denen für Jahre eine Kooperation erwachsen ist.
Foto: privat

Seitdem konnte nun also die Organisation der Deutschen in der Oppelner Region offiziell tätig sein und die ohnehin schon fast vollständig aufgebauten Strukturen begannen ihre Arbeit. Die wichtigste Aufgabe war es jedoch, einen Vorstand zu wählen, da die Deutschen bisher von den Gründungsmitgliedern vertreten waren. Als ein zweites historisches Datum für die SKGD im Oppelner Schlesien im Gründungsjahr 1990 ist also der 7. April zu sehen, da für diesen Tag die erste Jahresversammlung der SKGDM anberaumt wurde, bei der die Wahl des ersten Vorstandes der Gesellschaft stattfand. Die Zusammensetzung dieses Vorstandes ist dabei keine Überraschung, da er zum größten Teil aus Mitgliedern des Organisationskomitees bestand: Vorsitzender wurde Johann Kroll und die weiteren Mitglieder waren Henryk Kroll, Erich Schmidt, Herbert Stanek, Richard Urban, Herbert Materla, Ryszard Donitza, Bernard Sojka, Herbert Wiesiolek, Ernest Mittmann und Jan Lenort.


 

Dr. Zbigniew Bereszyński
Foto: R.Urban/wochenblatt.pl

Nicht nur Gogolin

Heute verbindet man die deutsche Minderheit in der Oppelner Region vor allem mit Johann Kroll. Vor ihm und seinen Weggefährten gab es aber eine Reihe von Versuchen eine deutsche Minderheit offiziell anzuerkennen. Sie alle sind allerdings gescheitert.

Darüber schrieb in einer 2018 erschienenen Publikation im Rahmen des Forschungszentrums der Deutschen Minderheit der Oppelner Historiker Dr. Zbigniew Bereszyński. „Der kommunistische Sicherheitsapparat und die deutsche Bevölkerung in Oberschlesien 1945-1990“ heißt das Buch, in dem nicht nur kleinere Gruppen genannt werden, die sich bis in die 50er Jahre konspirativ getroffen haben, sondern vor allem viele Initiativen zur Gründung einer deutschen Minderheit in der ersten Hälfte der 80er Jahre, wobei diese zum Großteil ein Ziel hatten – eine Ausreisegenehmigung. “Wenn wir damit beginnen, uns als deutsche Minderheit zu bezeichnen, werden die Regierenden uns loswerden wollen”, sagten die Menschen damals. Genau das geschah dann auch. 1987 wurde die Reisepass-Politik insbesondere deshalb liberalisiert, um sich eben der Aktivisten der deutschen Minderheit zu entledigen. Aber das Phänomen als solches – eine zum Vorschein kommende deutsche Minderheit – ließ sich nun nicht mehr aus der Welt schaffen”, sagt Dr. Bereszyński über die “vorgogoliner” Zeit. Die Minderheit kam also nicht aus dem Nichts, die Menschen suchten nur nach Wegen, ihre Identität wieder leben zu können.
Auch die deutsche Sprache war, wenn auch offiziell verpönt, keinesfalls ein Tabu bei vielen Einwohnern der Region. “Noch in den 60er und 70er Jahren rechneten Verkäuferinnen in Läden auf Deutsch, da viele Kunden deutschsprachig waren. Meine Mutter, die in einem Geschäft in Sakrau bei Oppeln arbeitete, rechnete ebenfalls auf Deutsch, da ihre Kunden sie sonst nicht verstanden hätten”, sagt der Historiker.

 


 

“Jugend trägt Gedichte vor” ist eines der ältesten Wettbewerbe in der SKGD.
Foto: SKGD

Kinder- und Jugendarbeit

Seit den Anfängen der organisierten Tätigkeit der deutschen Minderheit standen Kinder- und Jugendförderung ganz oben auf der Liste. Anfangs haben diese die einzelnen DFKs betrieben, später kamen regionalübergreifende Projekte dazu.

Seit den 90er Jahren gab es fast keinen DFK, in dem nicht eine Sing- oder Tanzgruppe oder ein Chor tätig waren bzw, tätig sind. Einige haben sich kurz nach der Gründung wieder aufgelöst, andere, wie z.B. die Volkstanzgruppen Silesia aus Rosmierz oder Wal-Nak aus Schulenburg sind bis heute aktiv. In den letzten Jahren sind auch einige neue Ensembles – darunter Theatergruppen und Kabaretts – entstanden, sodass die Minderheit auf eine breite Palette an Kulturgruppen zurückgreifen kann.

 

Heute erfreuen sich die Märchennnächte großer Beliebtheit bei den Kleinen.
Foto: Archiv

Mit den Jahren kamen aber auch neue Initiativen, um die Jugend für die deutsche Kultur und Sprache zu begeistern. Neben Ausflügen und Jugendfreizeiten wird seit 1994 z.B. der Rezitationswettbewerb “Jugend trägt Gedichte vor” veranstaltet und im Jahr 1996 kam der literarische Wettbewerb “In der Sprache des Herzens” hinzu. Ebenso der Singwettbewerb “Superstar”, der sich seit 2008 großer Beliebtheit erfreut.
In den letzten Jahren wurde das Angebot für Kinder und Jugendliche dann um die Samstagskurse, Märchennächte sowie die Theaterworkshops “Jugendbox” erweitert.

 


 

Anfang der 90er Jahre war der Deustchunterricht noch nicht sllebstverständlich und oftmals erteilten ihn emeritierte Lehrer aus Deutschland.
Foto: Archiv

Bildung

Mit der Registrierung der Organisation der deutschen Minderheit im Jahr 1990 fand auch die deutsche Sprache Einzug in die Schulen der Region. Ein flächendeckendes Angebot an zweisprachigen bzw. deutschen Schulen gibt es seitens staatlicher Behörden bis heute nicht. Und so wie ab dem Jahr 1995 in Rosenberg und 1996 in Solarnia die ersten von der deutschen Minderheit initiierten zweisprachigen Schulen ins Leben gerufen wurden, so sind heute die drei Grundschulen des Vereins Pro Liberis Silesiae (Raschau, Oppeln-Malino, Goslawitz) sowie die Einrichtung des Bildungsvereins Cosel-Rogau ebenfalls die einzigen mit einem deutsch-polnischen Bildungsauftrag. Zudem steht die deutsche Minderheit aktuell in Konflikt mit dem Bildungsministerium über den Deutschunterricht in den letzten beiden Grundschulklassen. Bei Bildung gibt es also noch viel Nachholbedarf.

 

 


 

Im Jahr 1998 standen Sejmabgeordnete unterschiedlicher politischer Lager für die gemeinsame Sache – die Sicherung der Woiwodschaft – ein. 2.v.l. in der ersten Reihe: Tadeusz Jarmuziewicz von der Bürgerplattform, Henryk Kroll von der Deutschen Minderheit und Aleksandra Jakubowska von der Sozialdemokratischen Partei.
Foto: Archiv

Gebietsreform

Polen war bis Ende 1998 in 49 Woiwodschaften eingeteilt und die Gebietsreform sah vor, das Land in nicht mehr als 15 Woiwodschaften neu zu ordnen. Als 16. Woiwodschaft kam schließlich Oppeln dazu, erweitert um den Landkreis Rosenberg. Dies war das Ergebnis einer breiten Bürgerbewegung in der Oppelner Region, in die sich auch die Deutsche Minderheit engagiert hatte. Unterschriftenaktionen, Konferenzen, Beschlüsse von Gemeinden sowie eine Protestaktion auf 90 Kilometern der damaligen Hauptverkehrsroute durch die Region, der Landesstraße 94, sicherten das weitere Bestehen der Woiwodschaft, in der die deutsche Minderheit bis heute eine sichtbare und einflussreiche politische, kulturelle und gesellschaftliche Kraft ist.

 


 

Ryszard Galla
Foto: Abgeordnetenb[ro

Ryszard Galla wird Marschall von Oppeln

Oppeln, Januar 2001. Ein absolutes Novum und bis heute unerreicht. Ein Vertreter der Deutschen Minderheit wird Marschall der Woiwodschaft Oppeln.
Nach der Koalition der Deutschen Minderheit mit der SLD hat Vize-Marschall Ryszard Galla das Amt übernommen. „Es war eine Zeit voller Emotionen“, erinnert sich Galla, denn die noch junge Woiwodschaft Oppeln stand vor vielen Herausforderungen. Gerade als Vertreter der Deutschen Minderheit, als den man ihn immer gesehen habe, sei ihm eine kluge diplomatische Vorsicht besonders wichtig gewesen. „Ich habe sehr auf meine Wortwahl geachtet, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Ich wollte zeigen, dass ich verantwortungsvoll gegenüber allen Bewohnern der Woiwodschaft handle“, sagt Galla.
Trotz der kurzen Amtszeit, die schon im November des selben Jahres endete, ist Galla heute mit diesem Abschnitt seines Lebens zufrieden: „Eine Aufgabe von sehr persönlicher Natur war der Jura-Park Krascheow. Dort haben wir praktisch bei null angefangen und heute kann man sagen: Es ist ein Juwel, das nicht nur Krascheow und Malapane, sondern vor allem auch der Woiwodschaft Oppeln ganz stark Reklame macht.“
Nach Ende seiner Amtszeit hat Ryszard Galla die Deutsche Minderheit zunächst wieder als Vize-Marschall und später als Abgeordneter im polnischen Parlament vertreten.
Für die Zukunft wünscht er der Deutschen Minderheit, „dass sie stets als ehrlicher und transparenter Partner wahrgenommen wird, dass sie weiterhin die Identität pflegt und dabei die Jugend stärker einbindet. Denn nur wer sich um die Jugend kümmert, kann fortbestehen.“

 


 

Enthüllung der Gedenktafel für die Opfer des Lagers Lamsdorf. Von links: Oppelns Marschall Ryszard Galla, der Generalsekretär des Gedenkstättenrates Andrzej Przewoźnik, Landgraf Dietz, Vizevorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und der VdG-Vorsitzende Friedrich Petrach.
Foto: K. Świderski/Archiv

Die Opfer werden niemals vergessen!

„Nie wieder Krieg. Soldatengräber auf der ganzen Welt sind großer Prediger des Friedens, so wie auch die Gräber der ermordeten Zivilbevölkerung – Frauen, Kinder und Greise – hier in Lamsdorf in Schlesien“, sagte am 16. September 2002 in Lamsdorf Erzbischof Alfons Nossol. An dem Tag wurde offiziell der Friedhof der Opfer des Nachkriegslagers in Lamsdorf eröffnet.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten lokale Vertreter der kommunistischen Sicherheitspolizei in einem Teil des ehemaligen deutschen Kriegsgefangenenlagers das Arbeitslager Lamsdorf, das von Juli 1945 bis Oktober 1946 betrieben wurde. In dieses Lager wurden deutsche und schlesische Zivilpersonen aus den nahe gelegenen Dörfern und Ortschaften, hauptsächlich des Landkreises Falkenberg, festgehalten. Sie sollten „auf unbestimmte Zeit“ Zwangsarbeit verrichten und dann aus Polen ausgesiedelt werden. Die Zahl der Todesopfer des Arbeitslagers konnte nicht eindeutig ermittelt werden. Bestimmt sind es aber mehr als die 1137 Namen, die auf steinernen Tafeln eingemeißelt wurden.
Bereits 1995 errichteten Angehörige der deutschen Minderheit zusammen mit der örtlichen Selbstverwaltung und Staatsbehörden ein steinernes Kreuz. Der 16. September 2002 ging dann in die Geschichte ein, als der Friedhof der Opfer des Arbeitslagers Lamsdorf offiziell eröffnet wurde. Die Feierlichkeiten fanden in Anwesenheit von Gästen aus Deutschland und Polen statt. Darunter waren auch Familien jener, die im Arbeitslager ums Leben gekommen sind und ehemalige Insassen.
Seit der Friedhof in Lamsdorf offiziell eröffnet wurde, werden dort von der Deutschen Minderheit regelmäßig Gedenkfeier organisiert. Im Januar, dem Monat der Oberschlesischen Tragödie, gedenkt man der Toten mit einer Andacht in der Lamsdorfer Pfarrkirche und anschließender Kranzniederlegung auf dem Friedhof.


Deutsch-polnische Ortsschilder gehören heute in vielen Gemeinden zur Normalität.
Foto: Anselm Urban/Archiv

Minderheitengesetz

15 Jahre nach dem Fall des Kommunismus hat sich Polen zur Multinationalität bekannt. Am 7. Januar 2005 hat der polnische Sejm das „Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten sowie die Regionalsprachen“ verabschiedet, das die Rechte der Minderheiten erweitert hat. Die wichtigsten Gesetzesänderungen sind das Recht der Minderheiten auf den Gebrauch ihrer Muttersprache in Wort und Schrift. In Gemeinden, in denen der Minderheitenanteil mindestens 20 Prozent beträgt, dürfen demnach Deutsch oder andere Regionalsprachen als zweite Amtssprache eingeführt werden. Auch die Verwendung von zweisprachigen Ortsschildern ist in diesen Gemeinden seitdem zulässig.
„Ich bin sehr zufrieden mit dem Gesetz. Es kann anderen Ländern als Vorbild dienen. Jetzt liegt es an den Minderheiten, wie sie von dem Gesetz am sinnvollsten Gebrauch machen“, kommentierte der damalige Parlamentsabgeordnete und Spitzenvertreter der Deutschen in Polen Henryk Kroll.
Die deutsche Minderheit hat ihre Chance genutzt. Im September 2008 hat als erste die oberschlesische Gemeinde Radlau (Radlow) im Südwesten des Landes deutsch-polnische Ortsschilder aufgestellt. Der Gemeindevorsteher Wladyslaw Kierat und der damalige Chef der deutschen Minderheit in Oppeln Norbert Rasch, enthüllten die grünen Tafeln mit dem zweisprachigen Ortsnamen. Deutsche Bezeichnungen gehören zur Geschichte dieses Ortes, sagte Kierat und unterstreicht: „Wir stellen die historische Identität dieser Region wieder her und handeln damit im Geiste des 21. Jahrhunderts.“

 

Am 12. September 2008 ist die erste deutsch-polnische Ortstafel enthüllt worden.
Foto: Archiv

 

Kierats Gemeinde hatte vom Warschauer Innenministerium als erste in Polen die Genehmigung für die Verwendung deutscher Bezeichnung erhalten. Die Veranstaltung in der Gemeinde Radlau war als feierliche Premiere der deutsch-polnischen Ortsschilder geplant gewesen. Allerdings hatte das kleine schlesische 300-Seelendorf Lubowitz (Łubowice) schon eine Woche zuvor erste Tafeln aufgestellt. Als erste Minderheit stellten die Kaschuben im Juli 2008 zweisprachige Ortsschilder auf.
Dann der Rückschlag für die deutsche Minderheit: Im Zuge von Eingemeindungen haben im Januar 2017 zwölf Ortschaften in der Oppelner Woiwodschaft, die an die Stadt Oppeln angeschlossen wurden, ihre zweisprachigen Ortsschilder verloren. „Das schmerzt uns sehr“, sagte Rafał Bartek, seit 2015 als Nachfolger von Norbert Rasch Chef der Oppelner Deutschen Minderheit. Er sieht in den Eingemeindungen einen Bruch der Minderheitenrechte. „Das Gesetz besagt klar, dass auf dem Gebiet, wo die Minderheit lebt, Grenzen nicht verschoben werden dürfen.“ Der Rechtsbruch blieb ohne Konsequenzen. Darüber hinaus blieb die Hoffnung auf zweisprachige Begrüßungstafeln, die die Stadt Oppeln in Aussicht gestellt hatte, unerfüllt.
Derzeit sind es laut polnischem Ministerium für Inneres und Verwaltung 31 Gemeinden in Polen, die sich über deutsche Ortsschilder freuen dürfen (davon 29 in der Woiwodschaft Oppeln und zwei in der Woiwodschaft Schlesien).

 

 


Der Höhepunkt der Deutschen Kulturtage ist seit Jahren das Oktoberfest der deutschen Minderheit in Krappitz.
Foto: SKGD

Größtes Kulturprojekt der Minderheit

Als die Deutschen Kulturtage im Oppelner Schlesien zum ersten Mal im Jahr 2004 veranstaltet wurden, da bezeichnete die damalige SKGD-Kulturreferentin Zuzanna Donath-Kasiura das Programm noch als „bescheiden aber ausdrucksstark”. Inzwischen ist die Veranstaltungsreihe das größte Kulturprojekt der Deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Oppeln.
In diesem Jahr werden die Deutschen Kulturtage im Oppelner Schlesien zum 17. Mal stattfinden. Bereits seit 16 Jahren lädt die Oppelner Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen die Einwohner der Woiwodschaft zur Ausstellungen, Konzerten, Vortragsreihen, literarischen Treffen, Theateraufführungen und Diskussionsrunden ein mit dem Ziel, die deutsche Kultur „an den Mann zu bringen“. Seit einigen Jahren ist der Höhepunkt der Kulturtage das Oktoberfest der deutschen Minderheit in Krappitz, das mit der Präsentation der deutschen Kulturgruppen verbunden ist und zahlreiche Besucher anlockt. Aber auch vor der „höheren“ Kultur scheuen sich die Veranstalter nicht. Jedes Jahr findet das Eröffnungskonzert in der Oppelner Philharmonie statt und jedes Mal ist der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Oppelner Philharmonie ist übrigens seit Anfang an Partner bei der Veranstaltung der Deutschen Kulturtage. So wie auch das Oppelner Diözesanmuseum und die Oppelner Öffentliche Woiwodschaftsbibliothek. Inzwischen beteiligen sich auch Kulturhäuser- und zentren in verschiedenen Oppelner Gemeinden an dem Projekt. Denn die Deutschen Kulturtage finden nicht nur in der Hauptstadt der Woiwodschaft statt, sondern auch in anderen Ortschaften und Städten wie Neisse, Guttentag oder Roswadze. Die SKGD lädt oft Künstler aus Deutschland ein. So luden die Veranstalter bereits zur Theateraufführung der deutschen Theatergruppe „Wilde & Vogel” aus Leipzig und Stuttgart ein oder zum Autorentreffen mit dem Schriftsteller Matthias Nawrat. Was die SKGD für die Deutschen Kulturtage in diesem Jahr plant, das werden wir spätestens Ende September erfahren.


Im jahr 2011 unterzeichneten Vertreter beider Regierungen sowie der deutschen Minderheit und der Polonia in Deutschland eine gemeinsame Erklärung.
Foto: Archiv

Runder Tisch

Der deutsch-polnische Runde Tisch war ein Gesprächsformat, in dem sowohl Regierungsvertreter beider Länder als auch der deutschen Minderheit in Polen und der Polen in Deutschland zum 20. Jubiläum des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages ein Resümee der bisherigen Förderung der Volksgruppen ziehen und Ausblicke in die Zukunft geben sollten.

Die Bestandsaufnahme der Errungenschaften 20 Jahre nach dem Nachbarschaftsvertrag von 1991 endete am 12. Juni 2011. Sowohl die deutsche als auch die polnische Regierungsseite haben sich damals verpflichtet, weitere konkrete Punkte für die jeweilige Volksgruppe zu realisieren. Zu den wichtigsten Anliegen der deutschen Minderheit gehörten damals die Aufarbeitung der kommunistischen Repressionen nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber den Deutschen in Polen, der Aufbau eines Forschungszentrums der Deutschen Minderheit, die Berufung von Minderheitenbeauftragten bei den Woiwoden, bessere Finanzierung der Minderheiten, Überarbeitung der Bildungsstrategie für die deutsche Minderheit sowie Unterstützung beim Aufbau eines Museums der Geschichte der Deutschen in Polen.

Vieles davon wurde bis heute nicht erreicht, wenn man von den Minderheitenbeauftragten sowie dem Projekt Forschungszentrum der Minderheit beim Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit absieht. Auch das Format selbst war seit 2015, als sich die Regierungsvertreter zum letzten Mal getroffen haben, auf Eis gelegt. Erst im Juni 2019 wurde wieder ein Treffen angesetzt, das für die deutsche Minderheit allerdings keine konkreten Schritte nach vorne brachte. Seitdem kommt aber zumindest in zwei Punkten Bewegung, jedoch nicht mit Hilfe der polnischen Seite, wie in der Vereinbarung des Runden Tisches festgeschrieben, sondern durch den deutschen Staat, der Gelder bereitgestellt hat für die Gründung eines eigenständigen Forschungszentrums und eines Museums, in dem die Geschichte der Deutschen in Polen dargestellt wird. “Es ist für die gesamte Gesellschaft wichtig, von der Existenz der deutschen Minderheit, ihrer Kultur und den Bräuchen in dieser Region zu wissen”, meint Prof. Dr. Bernd Fabritius, der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten.

Beide Institutionen sollen noch im Jahr 2020 ihre Tore öffnen.


2008 überbrachte eine Delegation aus Oppeln die erste Goldene Brücke des Dialogs Altbundeskanzler Helmut Kohl.
Foto: K. Swiderski/Archiv

Brücke des Dialogs

Mit dem Preis „Brücke des Dialogs“ fördert das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit und die Selbstverwaltung der Woiwodschaft Oppeln lokale Initiativen, die zur Verständigung, Pflege der Geschichte der Region oder der Multikulturalität beitragen. Die Ehrung findet alle drei Jahre statt, jedes Mal in den Kategorien Menschen, Nichtregierungsorganisationen und Institutionen.

 

 

Zudem gibt es bei jeder Edition auch eine „Goldene Brücke des Dialogs“ als besondere Anerkennung für das Engagement. Die Preisträger der „Goldenen Brücke des Dialogs“ waren bislang Bundeskanzler Helmut Kohl und Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki sowie das Deutsch-Polnische Jugendwerk. 2019 ging die besondere Ehrung an die Politikerinnen Rita Süssmuth und Dorota Simonides – die sich für ihr Engagement in den deutsch-polnischen Beziehungen besonders verdient gemacht haben. „Es geht vor allem darum, Menschen, die sich wirklich engagieren, die Toleranz zeigen, die auch Multikulturalität fördern auf eine ganz besondere Weise zu ehren. Deshalb fordern wir die Bewohner der Woiwodschaft Oppeln immer auf, das Anmeldeformular auszufüllen und abzuschicken, aber selbst nominieren darf man sich nicht, das muss schon jemand anderes tun“, sagt Magdalena Prochota Projektmanagerin im HDPZ.

 


 

Miroslav Klose ist der Namenspatron der Fußballschulen.
Foto: K. Swierc

Fußballschule

Die Miro Deutsche Fußballschule (MDSF) wurde am 7. Februar 2015 in Chronstau als polenweites Pilotprojekt gegründet. Mittlerweile trainieren in 13 Miro Deutschen Fußballschulen in verschiedenen Ortschaften der Woiwodschaft Oppeln 446 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren Fußball.

Und nicht nur dass, die Kinder lernen bei den Trainingseinheiten zwei Mal in der Woche Deutsch: hauptsächlich verbunden mit Fußball und Sport, aber nicht nur. Oft werden Turniere zwischen den jeweiligen Schulen veranstaltet, bei denen die jungen Fußballer ihre Fähigkeiten und Sprachkompetenzen unter Beweis stellen können. Auch zahlreiche andere Initiativen, wie ein Fußballcamp im Sommer oder Ausflüge zu Turnieren oder Trainingslagern ins Ausland werden vom Träger der Fußballschulen, der SKGD, unternommen. Die Trainer sind zweisprachig und schulen sich sowohl sportlich als auch sprachlich und didaktisch ständig weiter. Mit dem Projekt will die SKGD nicht nur eine Lücke im Sportangebot der Deutschen Minderheit schließen, sondern möchte durch die trainierenden Mädchen und Jungen in Kontakt mit ihren Eltern treten und sie an die Deutsche Minderheit binden. 2018 besuchte der Namenspatron der Schule Miroslav Klose die Kinder der Fußballschulen. Das Treffen in der Sporthalle in Chronstau war für alle beteiligten Kinder, Eltern, Trainer und Organisatoren ein großes Erlebnis. Seit kurzem hat die MDFS auch eine eigene deutschsprachige Hymne, die bei Turnieren gespielt und von den Kindern begeistert gesungen wird.

 


 

Sejmabgeordneter Ryszard Galla (li.), VdG-Präsident Bernard Gaida (2.v.r.) und SKGD-Chef Rafał Bartek (1.v.r.) hatten nach dem Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel auch ein Geschenk für sie. Foto: Steffen Seibert/twitter.com

Merkel trifft Minderheit

Im Februar 2017 besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel Warschau. Dabei kam es zu einem der seltenen Gespräche mit Vertretern der deutschen Minderheit. Thema war die damalige Lage der Volksgruppe in Polen, besonders um Oppeln, nach der Vergrößerung der der Regionalhaupstadt. Außerdem machten der VdG-Vorsitzender Bernard Gaida, SKGD-Chef Rafał Bartek und der Sejmabgeordnete Ryszard Galla auf die fehlenden Umsetzungen des deutsch-polnischen Runden Tisches aufmerksam. Als kleines Geschenk erhielt die Bundeskanzlerin von der Deutschen Minderheit einen Fanschal der Miro Deutschen Fußballschule.

 


 

Ende 2018 wird Rafał Bartek als erster Vertreter der Deutschen MInderheit Vorsitzender des Oppelner Sejmiks.
Foto: opolskie.pl

Deutscher Vorsitzender

Die deutsche Minderheit regiert seit Jahren in der Selbstverwaltung der Oppelner Region mit. Doch erst seit den Wahlen im Jahr 2018 stellt sie den Vorsitzenden des Oppelner Sejmiks, also des Regionalparlaments.

Bislang ging der Posten des Vorsitzenden des Sejmiks immer an andere Koalitionspartner, nicht so aber nach den Kommunalwahlen 2018. Da wurde in der fortgeführten Koalition zwischen Bürgerplattform, Deutscher Minderheit und der Bauernpartei eben die Minderheit zum zweitgrößten Koalitionspartner. Damit fiel bei den Koalitionsgesprächen auch jenes Amt der Deutschen Minderheit zu. Rafał Bartek, der es als erster Vertreter der SKGD bekleidet, sagte zu Beginn der Wahlperiode: “Ich betrachte es vor allem als einen Erfolg für die gesamte deutsche Volksgruppe in der Oppelner Region. Wenn wir als Volksgruppe in der Selbstverwaltung auf der Woiwodschaftsebene in den letzten 20 Jahren keine gute und konstruktive Arbeit geleistet hätten, dann würde uns wohl niemand dieses Amt anvertrauen”.

Neben dem Vorsitz des Sejmiks bekleiden Vertreter der Minderheit noch in zwei Ausschüssen des Regionalparlaments den Chefsessel, außerdem wird sie durch Roman Kolek als Vizemarschall im Vorstand der Woiwodschaft vertreten. Insgesamt hat die Deutsche Minderheit in der aktuellen Wahlperiode fünf Abgeordnete im Sejmik.

 

 

Autoren: Marie Baumgarten, Anna Durecka, Manuela Leibig, Rudolf Urban