In Schlesien gab es zu deutscher Zeit am Sonntag Laetare in der Mitte der Fastenzeit am vierten Fastensonntag den Brauch des Sommersingens oder „Summerns”, wie es auf Schlesisch heißt, mit dem freudig der Winter ausgetrieben wurde.

 

Es ist nicht ganz einfach zu ergründen, woher der gerade in Schlesien geübte Brauch des „Sommersonntags” seinen Namen hat. Zu Zeiten des sagenhaften Königs Mieszko von Polen sollen nach der Bunzlauer Chronik die alten heidnischen Götter am 7. März, dem vierten Sonntag der Fastenzeit, zerbrochen, hinausgetragen und in den Sumpf gestürzt worden sein, als das neue Licht des Christentums erglänzte.

 

Das Sommersingen in einem schlesischen Dorf. Foto:privat

 

Der Wintertod

Dies lebt in der Sitte der „Winteraustreibung” weiter, bei der der Wintertod als Strohpuppe auf einer langen Stange im „Märzumgange” vom stärksten Burschen am Nachmittag rings um das Dorf der untergehenden Sonne entgegen getragen und am Abend schließlich auf den Äckern verbrannt, im Dorfteich ertränkt oder in Fetzen gerissen wird. Die Überreste wirft man ins Wasser oder streut sie auf die Äcker des Nachbardorfes.

 

Das Ganze geht als recht fideles Begräbnis unter Beteiligung der gesamten Dorfbevölkerung vor sich. An der Spitze des „Leichenzuges” geht der Bürgermeister, dann kommt die Musik, die zuerst traurige Weisen spielt; Männer, Frauen und Kinder schließen sich in bunter Reihenfolge an. Die Kinder rufen: „Tud aus! Tud aus! Treibt a Tud zum Durfe naus” und singen: „Woas troan mir, wan hoan mir? A lebendiga Tud begroaba mir, mir begroab’n under der Eeche, doaß a voo ins weeche, mir begroaba ihn under dar Tunne, doaß bale scheint de liebe Sunne.” Vor dem Verbrennen hält der Bürgermeister dem Strohgespenst eine Leichenrede, die alle Vergehen des Winters noch einmal hervorhebt. Der Name des Winters darf erst genannt werden, wenn er sich nicht mehr wehren kann.

 

Jetzt muss ja alles wieder besser werden. Die Kinder jubeln jetzt: „A Tuta honn mer ausgetrieba, a lieba Summer breng mer wieda”! Die Menschen freuen sich, tanzen und singen, die Musikanten blasen aus Leibeskräften: Der Winter ist vorbei! Vor der Heimkehr schmücken sich die Kinder mit Tannengrün, Palmkätzchen, Schneeglöckchen und Primeln und singen bei der Rückkehr ins Dorf: „A Winter honn mer jitzt vertrieba, weil mer ju a Summer lieba, a Friehling und a Mai mit Bliemlan moncherlei. Hätt merr a Tud nich ausgetrieba, wär dar Friehling nich doo geblieba.”

 

 

Und dann kommt der Frühling

 

Zum Lätare-Sonntag der Kirche gehört seit alten Zeiten das Evangelium von der „Speisung der Fünftausend”. Es liegt durchaus nahe, dass die Sitte der um Kuchen, Eier und Brezeln bittenden Kinder in Beziehung zu dem Gottesdienste dieses Tages steht: So mag in Schlesien die Botschaft von der Speisung der Hungernden dazu geführt haben, dass gerade an diesem Sonntage doppelte Bereitwilligkeit erweckt war, mit anderen das Brot zu brechen. Mag es nur eine Brezel, Zuckerkringel oder eine Handvoll gedörrtes Obst vom Vorjahre sein, ein paar Schnecken, „Moofinken” oder „Mookatschla”. Wer geerntet hat, muss geben, damit sein Geben zur Bitte werde um einen fruchtbaren Sommer für eine gute Ernte.

 

In Haus und Backstube werden „Mehlweißen”, „Mogaken”, „Tollsäcke” oder „Mogimpeln” und die unvermeidlichen, schaumgebackenen „Wasserbegel” vorbereitet, denn welche Hand greift nicht freigiebig tief in dem bereitstehenden Korb, wenn neugierig-erwartungsfroh die mittelalterlich, erregenden Zauber- und Märchenworte „Rotgewand” oder „Die goldene Schnur” voll Begeisterung an sein Ohr klingen:

 

Dar Bäcker hoot gebacka

Präzeln, doaß se knacka.

Gatt mer woas ei’s Kerbla nei,
doaß iech koan zefrieden sein!

Volkstümliche Verse aus der Odergegend schildern anschaulich, wie es bei „dam elenden Gebettel asu zugieht”.

 

Is doas a schienes Schniegestäber.
Doas sull a Summersunntich sein?
Ma meßte denka, bei dam Water

tät olles hiebsch derrheeme blein.
Nu gell, oa su em wicht’ga Tage,
doo muuß doas klenne Vulk schunt naus,

und wenns oo Keulen schneien werde,
die machte sich oo nischte draus.

Se boada nei bis oa de Kniee,

doas stiert se nischt, de sein vergniegt.
Doas is bluuß drim, doaß hinte jedes
recht viel eis leere Kerbla kriegt.

Doo giehn se hin, de Klenn und Grußen,
eelitzig und zu zween und drein,

doo singse ihre schinnsta Liede.

War nich koan sing’n dar tutt se schrein.

 

 

 

Die Sommersinger

 

Die Sommersinger tragen in der Rechten einen mit buntem Seidenpapier in den Farben Grün, Weiß, Rot oder Gelb girlandenartig umwickelten, geschälten Weidenstock, ein Birkenreis oder ein Tannenbäumchen, gekrönt von einer oder mehreren bunten Papierrosen, sogenannte „Summersteckla”, die freudig auf und ab bewegt werden. Die Außenkante der Papierspirale, die den glatten Stab verziert, ist ausgefranst wie das verwirrende Geäst eines lebendigen Baumes. Aus den Blütenblättern ringeln sich goldene Fäden. An diesem Stab vollzog sich schon das Wunder des Grünens und Blühens. In der Linken halten sie ein Säcklein für die ersungenen Gaben, die nicht mehr als einen kleinen Dank des Hauses bedeuten sollen.

 

Sommergruß

Ich kumm zum Summer,

‘ch bin a klenner Pummer,

breng mer a Packsla Berna raus,
dann renn ich glei zum Terla naus.
Ich kumm zum Summer,

‘ch bin a klenner Pummer.

gatt merr noch a Gickel-Gackel,

doaß iech koan a Häusle wetter wackeln.

 

 

Rotgewand

Rotgewand, rotgewand, schöne grüne Linden,

suchen wir, suchen wir, wo wir etwas finden

Gehn wir in den grünen Wald,
da sing’n die Vögel jung und alt.
Sie singen ihre Stimme –
Frau Wirtin sind Sie drinne?

sind Sie drin, so komm’n Sie raus
und bring’n sie uns den Sommer raus.

Laßt mich nicht zu lange stehen,
ich muß a Häusle weiter gehen.

 

 

Ein Spiel für die Kinder

Nun singen vor allen Türen die Sommerkinder nach der bekannten Kinderliedweise ihre Sprüchlein aus einer einmaligen Mischung von anspruchsvollem Kinderstolz, dankendem Lob, genußfrohem Heischen um eine Gabe und gutmütiger Zufriedenheit.

 

 

Summer, Summer, Summer,
iech bien a klenner Pummer,
iech bien a klenner Keenig,
gatt mer nick zu wenig! –

Iech bien a klenner Gernegruß,
iech mechte garne a Faffernuuß.
Lußt mich nick zu lange stiehn,
iech muuß a Häusla wettergiehn.
Summer, Summer Maia, gatt mer ock poor Eia

und a Stickla Speck, doo gieh iech bale weg. –

Speck und Eier sein ze wenig,
gatt mer nooch an Fafferkeenig,
gatt mer ock a Fafferding,
a Begla ies wull goar zu wing!

 

Kinder beim Sommersingen in Dittersbach im Jahr 1930 Foto: www.lueben-damals.de


 

 

Welcher Hausfrau ginge nicht das Herz auf bei der unbedachten Schmeichelei dieser Reime:

 

 

De guldne Schnure gieht

De guldne Schnure gieht im doas Haus,
de schiene Froo Wirt’n gieht ei und aus,

se ies ols wie ein Tugend, ein Tugend!

Des Murgens, wenn se frieh uffstieht
und ei de liebe Kerche gieht, do setzt se sich uff ihra Oort

und hiert goar fleißig Gootes Woort!

Se gieht wie eene Taube ei ihra guldna Haube.

Se gieht wie eene Tocke (Puppe) ei ihrem seidna Rooke.

De Wirtin gieht eim Hause rim, se hoot an schiene Scherze im

mit am seidna Bande, se is de schinnste eim Lande.

 

Und welcher Hausherr könnte sich wohl eines wohlwollenden Lächelns erwehren, wenn es von ihm heißt:

 

Rute Rusa, rute bliehen uff ’em Stengel,

derr Herr is schien, derr Herr is schien,

de Froo is wie a Engel.

Derr Herr, dar hoot ane huche Mitze,
a hoot se vull Tukata sitzen.

 

oder:

 

Derr Herr sitzt oa derr Hingerwand
und hoot a Geldsaak ei derr Hand,

a werd sich wull bedenka
und werd mer wull woas schenka?

Dar Herr, dar hoot a hucha Hutt,

drim sein em olle Madla gutt,

de Klenn und oo de Gruußa tun sich im a derstuußa.

Der zweite Vers schließt dann:

De werd wull meiner gedenka und a poar Eela schenka.

De Froo, de hoot enn ruta Rook, de greift wull ei a Eertoop;

Wo die Kinder aber auf Geiz treffen, ist es ihr altes Vorrecht, ein Spottlied anzustimmen, so etwa:

Dar Froo, dar scheint doas nich ze possn,

die macht derzu a bies Gesicht.

Und weil doo kees kriegt a Geschenke,

do kimmt der Sänger Stroofgericht:

Hiehnermist, Taubamist,

ei dar Bude kriegt ma nischt.

Ies doas nich aan Schande ei dam ganza Lande?

 

Aus “Der Schlesier – Ein Hauskalender für 1951”

 

Die alte schlesische Tradition wird heute nicht mehr gepflegt. Während die Kinder den Winter noch gemeinsam austreiben und dazu die heute in Polen “Marzanna” genannte Puppe verbrennen oder ertränken, wird der Sommer nicht mehr so gemeinschaftlich herbeigesungen.

 

 

Joachim Engelmann/ru