Jubiläum: BdV-Landesverband und Dachverband der Deutschen Minderheit in Polen (VdG)

Peter Gallwitz (85) und Frau Susanne (82) kommen 1994 von Thüringen nach Oberschlesien. Sie bleiben ein Jahr lang und helfen den Menschen, der deutschen Sprache nach fast 50-jährigem Verbot wieder einen Platz im Alltag zu geben. Seitdem lässt sie die Region nicht mehr los.

 

Susanne und Peter Gallwitz
Foto: BdV Thüringen

 

Sie lesen es in der Zeitung: Deutschlehrer gesucht. Wer geht für ein Jahr nach Oberschlesien?
„Wir sind selbst in Schlesien geboren. Ich in Breslau, meine Frau in Glogau. Für uns stand fest: Wir wollen unseren Landsleuten helfen“, erinnert sich Peter Gallwitz.

 

So melden sich die beiden Rentner, die noch keine Lust auf ein ruhiges Leben haben, beim Landesverband Thüringen des Bundes der Vertriebenen (BdV), der das Vorhaben damals unterstützt. Diese Unterstützung ist ein Ergebnis des kurz zuvor geschlossenen Freundschaftsertrages mit dem Dachverband der Deutschen Minderheit in Polen (VdG). Darin heißt es unter anderem: Der BDV-Landesverband Thüringen unterstützt das Erlernen der Muttersprache, wirbt Deutschlehrer aus Thüringen, die in Abstimmung mit dem VdG in den Regionen Schlesien, Ostpreußen, Westpreußen und Pommern tätig werden.

 

„Dem VdG lag es am Herzen, dass die deutsche Minderheit die deutsche Sprache wieder gut beherrscht. Die Situation in der Heimat war damals schwierig. Fast 50 Jahre lang war es bei Strafe verboten, Deutsch zu benutzen“, erklärt Joachim Niemann, damals VdG-Geschäftsführer, der damals persönlich nach Thüringen fährt, um den BdV um Hilfe zu bitten.

 

 

Ein Jahr in Oberschlesien

Inzwischen steht bei Susanne und Peter Gallwitz der Entschluss fest. Sie gehen nach Oberschlesien in die Gemeinde Birawa und unterrichten hier an drei Grundschulen 340 Schüler von der ersten bis zur achten Klasse. Zu Beginn drei Stunden in der Woche, später vier. „Man hat damals mit der deutschen Sprache erst wieder angefangen. Es gab kein Lehrmaterial, keine Lehrprogramme. Wir haben das Material, das wir verwendet haben, selbst erarbeitet“, sagt Peter Gallwitz. In den weiteren Jahren gibt das Ehepaar sogar einige Lehrbücher heraus. Darunter das „Arbeitsbuch für Deutsch. Regionale Landeskunde. Schlesische Gebiete kennenlernen“. Es wird vom Thüringischen Kultusministerium und der Warschauer Akademie der Wissenschaften als Arbeitsmaterial offiziell anerkannt. „Der BdV Thüringen hat über 4000 Exemplare drucken lassen. Diese Exemplare sind nach Oberschlesien gekommen“, berichtet Peter Gallwitz.

 

Das Ehepaar geht in seinen Aufgaben auf und fühlt sich in der Gemeinde heimisch, Susanne Gallwitz wird Mitglied im Dziergowitzer Chor. Als das Schuljahr zu Ende geht und damit auch die vom BdV vorgesehene Mission für die beiden, nehmen Peter und Susanne Gallwitz viele Eindrücke mit zurück nach Thüringen. Und die Überzeugung: Wir müssen mehr tun.

 

Freundschaftsvertrag wird erweitert

Schon bald reisen sie wieder ins Oberschlesierland und dann geht es Schlag auf Schlag.
1996 gründen sie den ersten Pädagogenverband und die Arbeitsgemeinschaft Oberschlesischer Deutsch-Pädagogen. Der Zulauf der Deutschlehrer ist groß. Mehr als 50 Pädagogen kommen aus den Woiwodschaften Schlesien und Oppeln nach Birawa, um hier an den Fortbildungsseminaren der beiden Thüringer teilzunehmen. Im gleichen Jahr bringen Susanne und Peter Gallwitz die Gründung der ersten zweisprachigen Eichendorff-Schule in Solarnia mit auf den Weg, danach vier weitere. Die Arbeit an den Eichendorff-Schulen wird ab dem Jahr 2003 noch einmal intensiviert, nachdem BdV und VdG den Freundschaftsvertrag von 1994 durch einen Anhang ergänzen, der folgende Erweiterung enthält:

 

„Der BdV-Landesverband Thüringen, Arbeitsgruppe Jugend und Schule, unterstützt die deutsche Minderheit beim Lernen Deutsch als Muttersprache und der regionalen Landeskunde auf der Grundlage des Konzepts zur Deutschförderung der deutschen Minderheit in Polen und den Lehrerprogrammen für den Deutschunterricht in den Regionen Schlesien, Pommern, Ost- und Westpreußen.“

 

Die engen Kontakte zu der Eichendorff-Schule in Solarnia, in der Deutsch als Minderheitensprache unterrichtet wird, bestehen bis heute. Man profitiert von dem lebendigen Kontakt mit der deutschen Sprache. Ein Mal im Jahr besucht eine Schulgruppe aus Thüringen die oberschlesischen Altersgenossen. Eine Begegnung, die zum Ziel hat, sprachliche und landeskundliche Kompetenzen zu stärken, aber auch das zwischenmenschliche Miteinander. Um das zu erreichen, setzt man auf gemeinsame Unterrichtsstunden, aber auch auf Ausflüge in die Region „Es sind bereits einige Freundschaften daraus erwachsen. Die Kinder halten Kontakt über E-Mail und soziale Netzwerke“, sagt Schulleiterin Ilona Wochnik-Kukawska.

 

Auf Initiative ihrer Schule wird Peter Gallwitz sogar zum Ehrenbürger der Gemeinde Birawa ernannt. Eine große Ehre für den 85-Jährigen, die natürlich auch seiner Frau gelte, so Peter Gallwitz. Heute blickt er mit Stolz auf die letzten 25 Jahre zurück: „Man muss sich vorstellen: Man darf fast 50 Jahre lang die Muttersprache nicht sprechen. Diese Menschen und die Kinder sowie Kindeskinder dabei zu unterstützen, war unsere schönste Aufgabe.“

 

Die Verankerung der deutschen Sprache habe sich sehr positiv entwickelt, sagt Peter Gallwitz. „Im vergangenen Jahr haben wir alle schlesischen Eichendorff-Schulen besucht und dort am Unterricht teilgenommen. Wenn ich höre, wie gut die Schüler die deutsche Sprache sprechen, kann ich sagen, seit damals hat sich viel getan.“

 

 

Blick nach Ermland-Masuren

Doch auch in anderen Regionen leistet der Thüringer Landesverband Hilfe. In Ermland-Masuren sind es Christine und Fred Manthey, die die deutsche Minderheit unterstützen. In Zusammenarbeit mit der Gesellschaft „Herder“ in Mohrungen (Morąg) führen sie Weiterbildungen für Deutschlehrer durch. Bei dem für Schüler organisierten und vom BdV Thüringen finanziell unterstützten Wissenswettbewerb „Die Deutschen, unsere Nachbarn“ sitzen sie häufig in der Jury. Auf die Gewinner des Wettbewerbs wartet ein Aufenthalt in einem Thüringischen Ferienlager.

Die Mantheys sind auch in dem Ersten Lyzeum „Leon Kruczkowski“ (ehemals Herderschule) in Mohrungen aktiv und geben hier Deutsch-Seminare, bei denen der aus Mohrungen stammende deutsche Dichter und Aufklärer Johann Gottfried Herder häufig im Mittelpunkt steht. Das Ehepaar Manthey bringt das Lehrbuch „Johann Gottfried Herder. Wir auf dem Weg zu Dir“ heraus. Der Einsatz lohnt sich, denn langsam entdecken die Mohrunger ihren wohl bekanntesten Sohn wieder für sich: Im Jahr 2009 wird die Aula im Ersten Lyzeum nach Herder benannt. Derzeit unterstützt der BdV Thüringen die deutsche Minderheit dabei, dass die Schule wieder Herder-Schule heißen soll sowie die Idee, anlässlich des diesjährigen 275. Geburtstags Herders den Namen der Stadt Mohrungen auf Mohrungen – Stadt Herders zu erweitern.

 

Neue Pläne im Gepäck
„Ich freue mich, dass die Zusammenarbeit mit dem BdV Thüringen so große Früchte getragen hat“, sagt Ex-VdG-Geschäftsführer Joachim Niemann. Diese Freude teilt auch Norbert Schütz vom Landesverband: „Unsere Arbeit ist noch lange nicht zu Ende. Wir wünschen uns, dass auch in Zukunft die jungen Schlesier von den alten lernen können. Wir machen weiter, solange es uns möglich ist.“ Bei einem feierlichen Treffen auf dem St. Annaberg am 11. Mai wollen beide Seiten dieser Freude auch offiziell Ausdruck verleihen und ihren Zusammenhalt noch einmal bekunden.

 

Auch Susanne und Peter Gallwitz werden dabei sein – mit neuen Plänen im Gepäck: „Der Baumeister, der den Kölner Dom vollendet hat, Ernst Friedrich Zwirner, stammt aus Jakobswalde (Kotlarnia), aus der Gemeinde Birawa. Vor einigen Jahren ist nach unserer Idee eine zweisprachige Gedenktafel an die Kirche angebracht worden. In dem vorigen Jahr ist eine Straße nach ihm benannt worden. Jetzt sind wir dabei, ein kleines Museum dort einzurichten“, verrät Peter Gallwitz.

 

Ein Maler aus Thüringen habe bereits ein Gemälde angefertigt, im Hintergrund der Kölner Dom und davor der Baumeister, der ihn vollendet hat. „Jetzt geht es um Materialien aus der Zeit, in der Zwirner an dem Dom gewirkt hat, damit wir das Museum im kommenden Jahr einrichten können. Ich stehe gerade in Verhandlungen mit dem Kölner Dom“, so Gallwitz.

 

Ihm ist es wichtig, dass vor allem die junge Generation erfährt, dass Schlesier für Europa und die Welt große Leistungen vollbracht haben.
Natürlich werden Peter und Susanne Gallwitz auch wieder die Gemeinde Bierawa besuchen, wo alles begann. „ Birawa ist mein zweites Zuhause geworden, wir haben dort sehr viele deutsche und polnische Freunde.“ Auch das sind die Früchte einer 25-jährigen Zusammenarbeit.

 

 

Marie Baumgarten, Uwe Hahnkamp