Vor genau 20 Jahren ist der Verein deutscher Hochschüler in Polen zu Ratibor gegründet worden. Nun droht der Studentenverbindung das Aus. Ob und wie man das Blatt noch wenden kann, war Thema bei dem diesjährigen Stiftungsfest.

 

Fotos: Marie Baumgarten

 

 

In den Kellergewölben des alten Gasthauses, das 1784 erbaut worden ist, legt Paweł Jaskółka seine Festbekleidung an: die samtene schwarze Jacke, die kniehohen Stiefel, das Band in den Farben des Vereins um die Schultern und auf dem Kopf die kleine runde Mütze, genannt Cerevis. Was Laien wohl lapidar als Uniform bezeichnen würden, heißt in Vereinssprache „Vollwix“. Eine Tradition fast so alt wie die Gemäuer, in der sie an diesem Tag gelebt wird.

 

Nicht in jedem Jahr nimmt Paweł den langen Weg von Bayern in seine alte Heimat Ratibor auf sich, um bei dem gemeinsamen Stiftungsfest des Vereins deutscher Hochschüler (VDH) in Polen zu Oppeln und Ratibor dabei zu sein. An diesem Wochenende ist es anders. Immerhin ist der Ratiborer Bund vor genau 20 Jahren ins Leben gerufen worden. „Ein bedeutendes Jubiläum“, findet Paweł .

 

Unter dem antreibenden Klatschen der über 50 Gäste, unter denen sich auch die deutsche Konsulin in Oppeln, Birgit Fisel-Rösle befindet, marschiert Paweł in Begleitung von Vereinsstudenten aus Oppeln und Dresden in den Saal ein, wo der „Festkommers“ des Stiftungsfestes eröffnet wird.

An einer langen Tafel mit weißem Tischtuch bei einer Maß Bier ein Treffen der Generationen. Unter ihnen Arne Riedel, seit Kurzem Senior der Dresdner Studentenverbindung VdSt – Senior heißt übrigens Vorsitzender. Die Dresdner pflegen mit den Oberschlesiern seit vielen Jahren eine enge Freundschaft. Arne ist allerdings zum ersten Mal beim Ratiborer Stiftungsfest dabei. „Ich freue mich, in Polen zu sein“, rutscht ihm manchmal heraus. Oberschlesien meint er natürlich. Macht nichts. Man singt gemeinsam alte deutsche Studentenlieder und pflegt eine besondere Tradition –  das verbindet. Und zwar ein Leben lang. Denn wer einmal Mitglied in einer Studentenverbindung wird, bleibt es bis zum Ende.

 

Wie eine Familie

Dahinter steht die Idee des Lebensbundprinzips. „Ich weiß, dass wir uns im Verein in jeder Lebenslage aufeinander verlassen können. Das ist ein schönes Gefühl“, sagt Paweł .

Das findet auch Magdalena Wagner, die sich besonders darüber freut, dass der VDH keine Burschenschaft ist, sondern als gemischte Verbindung auch Frauen aufnimmt – eine Tradition der Studentenverbindungen aus der Zwischenkriegszeit. Magdalena ist heute aus ihrer Wahlheimat Dresden angereist – zusammen mit ihrem Mann, den sie als Studentin bei einem Stiftungsfest kennengelernt hat. „Wenn ich zum Stiftungsfest komme, dann ist das wie nach Hause kommen. Wir sind wie eine Familie.“

 

Doch diese Familie ist jetzt in Gefahr. Dem Ratiborer Bund droht die Auflösung, weil es keinen Nachwuchs gibt. Die Zahl der aktiven Mitglieder beträgt genau Null. Da sind auch 20 Jahre Bestehensjubiläum kein Trost. „Wir gehen zwar in die Hochschulen und werben für unseren Verein, es rücken aber seit einigen Jahren keine Studenten nach.“ Grund dafür, so vermutet Paweł , sei die sinkende Frequenz in der Ratiborer Germanistik, aus der der VDH den größten Zulauf erhalten habe. Magdalena erinnert sich: „Ich habe damals Sozialpädagogik studiert und war eine der wenigen, die nicht aus der Germanistik in den Verein gekommen sind.“

 

Aussichten für den Ratiborer Bund

Nur – was tun? Eine Frage, die auch die Gäste aus der Bundesrepublik bewegt. „Wir hoffen, ihr könnt eine Auflösung verhindern“, so der Appell. Bei einem vereinsinternen Treffen des Stiftungsfestes werden die Zukunftsperspektiven des VDH Ratibor kritisch austariert. Am Ende steht als mögliche Lösung eine Fusion mit dem Oppelner Bund. Der VDH Oppeln ist im Jahr 2003 aus dem VDH Ratibor herausgegangen und hat derzeit immerhin zwölf aktive Mitglieder – sie sind es auch, die das Stiftungsfest in Eigenregie auf die Beine stellen.

Über Details einer möglichen Zusammenführung könne man derzeit noch nicht sprechen. Doch Pawełs Hoffnung ist groß, dass der Plan aufgeht und dass wieder neuer Schwung nach Ratibor kommt – vielleicht schon zum nächsten Stiftungsfest in einem Jahr. Dann wäre auch der lange Anfahrtsweg sicher leichter zu verschmerzen.

 

Marie Baumgarten

 

Über den VDH berichtet auch Schlesien Journal: