Das ehemalige Lager Zgoda in Schwientochlowitz, Oberschlesien ist heute ein Ort des Gedenkens. Foto: Marie Baumgarten

 

 

Die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen hat am Sonntag, dem 21. Oktober, in der Paulskirche in Frankfurt am Main die Ausstellung „In Lagern. Schicksale deutscher Zivilisten im östlichen Europa 1941-1955“ eröffnet. Teil der Ausstellung ist ein Zeitzeugenfilm, in dem Überlebende der Lager ihre persönliche Geschichte erzählen. Einer von ihnen ist der aus Gleiwitz stammende Gerhard Gruschka. Mit ihm sprach Marie Baumgarten.

 

Gerhard Gruschka. Foto: Rosalie Gruschka

 

 

Herr Gruschka, Sie sind im April 1945 in das Lager Zgoda in Schwientochlowitz/ Oberschlesien gekommen, einem ehemaligen Nebenlager von Auschwitz. Sie waren damals 14. Nach der Auflösung des Lagers im November 1945 wurden Sie in das Lager Jaworzno überstellt, ein anderes ehemaliges Nebenlager von Auschwitz. Kennen Sie den Grund für Ihre Inhaftierung?

Konkretes darüber weiß ich bis heute nicht. Meine Eltern waren Gegner des Naziregimes und ich selbst bin als Zwölfjähriger aus dem Deutschen Jungvolk unehrenhaft entlassen worden. Aus diesem Grund fühlte ich mich nach der Eroberung von Gleiwitz durch die Rote Armee vor einer Verhaftung verhältnismäßig sicher.

 

 

Wie erinnern Sie sich an die Ankunft im Lager, was ging Ihnen damals durch den Kopf?

Ich erinnere mich noch deutlich an die Angst, die mich erfaßt hat, als vor unserer Häftlingskolonne die Wachttürme und Baracken des Lagers sichtbar wurden. Ich vergesse auch nicht, wie bedrohlich beim Warten vor dem Lager der Stacheldraht-Doppelzaun auf mich wirkte, vor allem durch das Schild mit dem Totenkopf und der Aufschrift „Vorsicht-Hochspannung-Lebensgefahr“. Als ich dann bei der Zuweisung der Blöcke in den sogenannten „Braunen Block“ geriet, in dem die Angehörigen von NS-Organisationen untergebracht wurden, ahnte ich, was in diesem Lager auf mich zukommt.

 

 

Wie sah Ihr Alltag im Lager aus und wie waren die hygienischen Bedingungen?

Der Tag begann in Zgoda bereits gegen fünf Uhr. Wenn die Lagerglocke läutete, hieß dies, möglichst schnell aus den überfüllten Pritschen herauskommen und vor der Baracke in einer dreireihigen Gruppe Aufstellung nehmen. Angezogen haben wir uns nicht, denn die Kleidung, die man besaß, behielt man bei Tag und Nacht auf seinem Körper. Wir haben uns auch nicht gewaschen, das gehörte nicht zur Lagerordnung. Was also Ihre Frage zur Hygiene betrifft: im Lager Zgoda gab es keine.

 

Nach einem ersten Zählen marschierten die einzelnen Häftlingsblöcke zum Appellplatz. Nach dem Rapport an die Blockmilizianten erschien der Lagerkommandant, an den der Gesamtrapport erstattet wurde. Danach wurde regelmäßig ein kirchliches Morgenlied gesungen, und die Blöcke marschierten zurück in ihre Baracken. Die Häftlinge der Blöcke eins, zwei und drei wurden gleich in die nahegelegene Hütte zur Arbeit geführt. Den zurückgebliebenen Häftlingen stand dann meist ein dumpfes Dahindösen bevor, es sei denn, man knüpfte ein Gespräch mit einem Pritschennachbarn an, oder man reihte sich in eine Zehnergruppe zur WC-Baracke ein.

 

Allerdings verging kaum ein Tag, an dem nicht Milizianten oder sogenannte “Blokowy” in der Baracke erschienen und durch Prügelei ihre Art von Abwechslung suchten. Gegen fünf Uhr nachmittags kamen die Häftlinge von ihrer Arbeit in der Hütte zurück, und es erfolgte die erste und einzige Essensausgabe des Tages: eine Kelle dünne Suppe und ein Stück Brot.

 

Der Tag endete mit dem Abendappell auf dem Appellplatz, der mit einem Kirchenlied abgeschlossen wurde. Im Braunen Block verlief allerdings kaum eine Nacht ohne das ab, was wir Razzia nannten. Schlägertrupps aus Milizianten, unter denen sich mitunter auch der Lagerkommandant Salomon Morel befand, wählten sich einzelne Gruppen von Gefangenen aus und übten an ihnen blindlings Rache.

 

 

Wie haben Sie den jüdischen Lagerkommandanten Salomon Morel in Erinnerung, der seine Familie im Holocaust verloren hatte und sich nun an den Deutschen rächen wollte?

Wie ich eben erwähnt habe, befand sich manches Mal auch Salomon Morel in der nächtlichen Schlägertruppe. Öfters kam er aber auch mit nur wenigen Begleitern, die nicht zum Wachpersonal gehörten, in den Braunen Block zum Foltern.

 

Er befahl dann meist, dass wir das Horst-Wessel-Lied singen sollen, die ehemalige Kampfhymne der SA. Wir mußten dabei den rechten Arm zum Hitlergruß heben, während Morel auf uns einschlug. Ich erinnere mich, daß er dann oft in einen eigenartigen Rauschzustand geriet und jegliche Beherrschung verlor. In diesem Zustand war er äußerst gefährlich, vor allem, wenn er sich einen einzelnen Häftling vornahm und ihn mit einem Holzschemel traktierte.

 

 

Wie haben Sie es aus dem Lager herausgeschafft?

Zum Zeitpunkt meiner Entlassung befand ich mich nicht mehr im Lager Zgoda, sondern in einem Krakauer Gefängnis. Mein Weg in die Freiheit verlief in fast rechtsstaatlicher Weise. Meine Eltern hatten die vorläufige polnische Staatsbürgerschaft angenommen und einen polnischen Rechtsanwalt engagiert, der es schaffte, meine Freilassung zu erreichen. Einige Jahre nach der politischen Wende in Polen erhielt ich von der polnischen Generalstaatsanwaltschaft überraschend meine Anerkennung als politischer Häftling.

 

 

Wie ist es Ihnen gelungen, an der Unmenschlichkeit nicht zu zerbrechen?

Ich bin in einem Alter in Gefangenschaft geraten, in dem jeder Junge und jedes Mädchen beginnt, sich Vorstellungen über die Zukunft zu machen und Träume zu haben. Je länger und konkreter ich die Grausamkeiten und Demütigungen des Häftlingsalltags erlebte, umso mehr verfestigte sich bei mir der Gedanke, daß meine Träume und Hoffnungen nicht in Zgoda ihr Ende finden dürfen. Ich vermute, daß mich dieser Gedanke in gewisser Weise gegen das immun gemacht hat, was im Lager täglich und nächtlich an Unmenschlichkeiten geschehen ist.

 

Im Rückblick auf jene Zeit bin ich jedoch davon überzeugt, daß es vor allem mein religiöser Unterbau gewesen ist, aus dem ich die Kraft zum körperlichen und psychischen Überleben gefunden habe, und die Wirkung des solidarischen Gebetes meiner Eltern und anderer.

 

 

Wie präsent ist das Lager Zgoda heute noch in Ihrem Leben? Und ist es Ihnen gelungen, das Trauma zu verarbeiten?

In der ersten Zeit nach der Entlassung beanspruchten mich die vielen Neuerungen, die das zurückliegende Jahr zu Hause gebracht hatte. Aus Gleiwitz war ja inzwischen Gliwice geworden. Dann erlebten wir die Vertreibung, und nach unserer Ankunft in der damaligen Sowjetzone ging es darum, eine neue Existenz zu finden. Für mich bedeutete das, nach zwei Jahren Unterbrechung Anschluß an meine bisherigen vier Schuljahre im Gleiwitzer Gymnasium zu bekommen.

 

Natürlich war das Lager Zgoda in meiner Erinnerung ständig gegenwärtig. Doch in dieser Zeit war eine gezielte Aufarbeitung der Lagerzeit einfach nicht möglich. Es gab nirgendwo eine sachgerechte Betreuung, weil es an entsprechend geschulten Fachkräften fehlte.

 

Wenn ich heute zurückschaue, so habe ich es hauptsächlich den vielen Gesprächen mit meiner Mutter und später mit meiner Ehefrau zu verdanken, daß ich allmählich einen inneren Abstand zu den Jahren 1945/46 gefunden habe. Diese Entwicklung wurde durch die Lektüre von Büchern und Berichten von Häftlingen unterstützt, die die deutschen Konzentrationslager überlebt hatten, und in denen ich die quälende Frage „Warum Zgoda?“ in gewisser Weise beantwortet fand. Im übrigen habe ich im Lauf der Zeit festgestellt, daß Verzeihen heilend wirken kann.

 

Heute ist für mich das Thema Zgoda hauptsächlich dadurch präsent, daß ich mich nach meinen Möglichkeiten darum bemühe, die Erinnerung an die Opfer des Lagers und ihren Leidensweg wach zu halten und zu festigen und Dokumente und Veröffentlichungen zum Lager zu sammeln und zu archivieren.

 

 

Zuletzt ist in Polen ein Spielfilm über das Lager Zgoda entstanden. Der Regisseur Meciej Sobieszczanski hat damit ein Thema öffentlich gemacht, das lange ein Tabu war. Für wie wichtig halten Sie diesen Film?

Lassen Sie mich zunächst anmerken, daß es in Polen relativ bald nach der politischen Wende 1989/90 bereits einen von TVP Katowice hergestellten dreiteiligen Film über oberschlesische Nachkriegslager mit dem Titel „Losy tragiczne i nieznane“ (Tragische und unbekannte Schicksale) gegeben hat (1998) und zehn Jahre später den von TVP 1 produzierten einstündigen Dokumentarfilm „Zgoda-miejsce niezgody“ (Zgoda – ein friedloser Ort). Offensichtlich war die Zeit damals noch nicht reif für das schwierige Thema, denn den Durchbruch in die polnische Gesellschaft hinein schaffte erst „Zgoda – w imię milosci“ (Zgoda – im Namen der Liebe) von Regisseur Maciej Sobieszczański, ein Spielfilm. Möglichweise war es gerade dieses Format, das den Film erfolgreich machte. Ich halte ihn insofern für wichtig, als er weiten Teilen der polnischen Bevölkerung eine Phase ihrer Zeitgeschichte vermittelt hat, über die lange geschwiegen oder gelogen worden ist.

 

 

Am 21. Oktober hat  das Zentrum gegen Vertreibungen in Frankfurt eine Ausstellung über Nachkriegslager eröffnet. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wie viel wissen die Menschen in Deutschland über Nachkriegslager?

 

 

 

 

 

 

 

Wie viele Menschen in Deutschland etwas über Nachkriegslager wissen, entzieht sich meiner Kenntnis. Meiner Ansicht nach müßten es einige Millionen sein. Denn seit der Wende haben die meisten bekannten deutschen Printmedien wie zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine („Im Rausch von Macht und Blut“), die Süddeutsche Zeitung („Der Garten, der ein Todesacker war“), Die Welt („Wir wollen unsere ganze Geschichte“), Die Zeit („Die Rache des Kommandanten“) und auch die ARD („Späte Opfer“) und das ZDF („Hitlers Opfer“) über das Lager Zgoda berichtet.

 

In diesem Jahr brachte sowohl der Sender rbb („Geschichte als Minenfeld“) als auch Das Erste („Verklärte Geschichtspolitik“) einen TV-Beitrag zum erwähnten Kinofilm „Zgoda-w imię milosci“.

 

Außerdem gibt es zum Lager Zgoda bereits in dritter Auflage das Buch „Zgoda – Ein Ort des Schreckens“. Der Autor bin ich, und das Buch erzählt meine Geschichte.

 

 

Werden Sie die Ausstellung besuchen?

Leider werde ich die Wanderausstellung „Im Lager“ über die Nachkriegslager wegen meines fortgeschrittenen Alters in Frankfurt nicht besuchen können. Ich hoffe aber, daß diese Ausstellung auf ihrer Wanderung durch Deutschland auch in einer meinem Wohnort benachbarten Stadt Station machen wird.

 

 

 

Die Ausstellung “In Lagern – Schicksale deutscher Zivilisten im östlichen Europa 1941-1955” wird bis zum 4.11.2018 zu sehen sein. 

Öffnungszeiten Frankfurter Paulskirche:

Montag bis Sonntag 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr