Über Fördermöglichkeiten für die Deutsche Minderheit in Schlesien sowie die Bedeutung der Minderheiten in einer Gesellschaft sprach mit Dr. Jens Baumann vom Sächsischen Innenministerium Rudolf Urban

Dr. Jens Baumann Foto: Rudolf Urban

 

Sie kamen vergangene Woche nach Oppeln, um hier mit Vertretern der Organisationen der Deutschen Minderheit über mögliche Felder der Zusammenarbeit zu sprechen. Wie kommt das?

 

Im Sächsischen Innenministerium gibt es einen speziellen Fördertopf, aus dem Projekte finanziert werden, in denen es um die Kultur und Geschichte der ehemals deutschen Ostgebiete geht. Daraus unterstützen wir z.B. seit einigen Jahren schon das Schlesienseminar des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit. Dabei geht es aber vor allem um Projekte, die sächsische Vereine oder Kommunen auch in Zusammenarbeit mit polnischen Einrichtungen ins Leben rufen, bei denen im Vordergrund die deutsche Kulturgeschichte der Ostgebiete steht, was aus diesem Erbe geworden ist und wie dies heute auf die Identität der Menschen ausstrahlt. Die meisten dieser Aktivitäten sind zwar mit der Region Niederschlesien verbunden, weil das ja auch die Partnerwoiwodschaft von Sachsen ist, aber mit dem Schlesienseminar haben wir auch nach Oberschlesien Verbindungen und haben dadurch auch mehrere Partner kennengelernt, mit denen wir nun schauen wollen, was gemeinsam realisiert werden könnte.

 

 

Das Schlesienseminar ist aber nicht das einzige Projekt, an dem Oberschlesien vertreten ist.

 

Das ist wahr. Wir hatten schon letztes Jahr einen deutsch-polnischen Schülerwettbewerb, bei dem es um Heimat und Identität ging. Die Schüler haben sich mit dem Begriff Heimat ganz frei beschäftigt und es haben sich sechs Schulen aus Polen beteiligt, drei davon aus Oberschlesien. Das Zentrum für berufliche Aus- und Weiterbildung aus Groß Strehlitz hat dann letztendlich den Wettbewerb auch gewonnen. Da wir sehen, dass dieser Wettbewerb positiv aufgenommen wurde, wollen wir ihn in diesem Jahr wieder ausschreiben, diesmal sollen aber die Partner aus Ober- und Niederschlesien gleich von Beginn an miteinbezogen werden. Darüber sprach ich mit Vertretern der Deutschen Bildungsgesellschaft in Oppeln, denn es ist wichtig die Ziele eines solchen Wettbewerbs so zu formulieren, dass sie auf beiden Seiten der Grenze richtig verstanden und aufgenommen werden. Wenn alles gut geht, wird der Wettbewerb im April und Mai vorbereitet und startet dann im kommenden Schuljahr. Wir bleiben wohl beim Hauptthema Heimat, doch die genaue Ausrichtung muss noch ausgearbeitet werden.

 

 

Es ist aber doch so, dass nicht das Land Sachsen diese Projekte organisiert und durchführt.

 

Nein, wir sind die Mittelgeber. Organisatoren und Veranstalter sind immer die Kommunen oder Vereine, die im besten Fall mit Partnern aus Schlesien zusammenarbeiten. Ich sehe aber unsere Aufgabe auch darin, mögliche Partner zusammenzubringen und das wollte ich bei meinem Besuch in Oppeln ausloten. Denn die hiesige Deutsche Minderheit könnte z.B. für unsere Vertriebenenverbände ein guter Partner sein. Wenn man konkret an Minderheit denkt, sind auch die bei uns lebenden Sorben ein Ansprechpartner. Ich könnte mir z.B. gut eine Minderheitentagung vorstellen, bei der sich die Deutschen in Polen und die Sorben in Deutschland austauschen. Letztendlich ist ja jede Minderheit in einem Land eine Bereicherung und bringt einen Mehrwert, nicht nur sprachlich und kulturell, sondern auch mit einem anderen Blick auf die uns umgebende Realität.

 

 

Sie sprechen von Minderheiten als Mehrwert. Wie wichtig sind für Sachsen die Sorben?

 

Es gibt ca. 60.000 Sorben in Deutschland, wovon etwa 20.000 in Brandenburg leben, 40.000 in Sachsen. Es ist keine große Minderheit, doch nicht die Größe spielt eine Rolle, sondern einfach die Tatsache, dass sie da sind. Sie sind ja auf ihren Gebieten seit vielen Jahrhunderten beheimatet, haben einen eigenen kulturellen Hintergrund und für mich als Sachsen ist es immer eine Bereicherung, wenn ich in das Sorbengebiet fahre, die dortige Zweisprachigkeit in der Öffentlichkeit oder zu Ostern die dort gelebten Bräuche sehe. Es ist aber auch viel mehr. Eine Minderheit, die in ihrer Heimat wohnt, bleibt auch lieber dort und siedelt seltener um. Wenn die Möglichkeiten geschaffen sind, wie z.B. eine Schule, in der man in der Minderheitensprache unterrichtet wird oder das Kulturleben organisiert ist, zieht man nicht so einfach irgendwo hin, wo man als Minderheitenvertreter allein bleibt. In meinen Augen sind Menschen aus einer Minderheit auch immer diejenigen, die sich ganz besonders für ihre Heimat einsetzen, anders als andere. Und das ist dann sowohl für die Region als auch ihre Bewohner allgemein von Vorteil. Minderheitenschutz ist mithin ein Maßstab der Integrationsfähigkeit und das Verantwortungsethos einer Gesellschaft, er befördert zudem eigene Identität.