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Tomáš Randýsek

Für die deutsche Minderheit in Polen war das vergangene Jahr ein ganz besonderes. Die DFKs und der Dachverband VDG feierten mit einem großen Fest ihr 25-jähriges Bestehen. In diesem Jahr sind die meisten deutschen Vereine in Tschechien dran. Wir haben zwei der aktivsten besucht.

 

In der letzten Ausgabe waren wir bei der „Bohemia Troppau“, einem Förderer für kleine bis mittlere Unternehmen, deren Besitzer entweder zur deutschen Minderheit gehören oder zu ihrem Umfeld. Danach ging es mit Bohemia-Chef Richard Neugebauer zum Schlesisch-Deutschen Verein in Troppau (Opava), wo die Vereinsmitglieder Gunthilda Klimešová und Ellen Švábová von der ungewissen Zukunft des Begegnungszentrums berichteten. Das Problem: Nachwuchs fehlt. Der Verein will deshalb jetzt verstärkt Deutschkurse anbieten, um über die deutsche Sprache die jungen Menschen auch für das Vereinsleben zu gewinnen.

 

Retortenstadt ohne deutschen Namen

 

Heute sind wir in Havířov . Die rund 76 000-Einwohner-Stadt sechzig Kilometer nördlich von Troppau (Opava) erreicht man mit dem Zug in gut einer Stunde. Wir rollen in den Bahnhof ein, der erst vor Kurzem für Aufsehen sorgte:  Die tschechische Eisenbahn  (České dráhy / ČD)  hatte in Absprache mit der Stadt den Abriss beschlossen, weil die Kosten für eine Renovierung (300 Millionen Kronen) zu hoch waren. Dagegen aber regte sich Widerstand von Architekten, sie setzten sich unter Demonstrationen für die Erhaltung des Gebäudes als Architekturdenkmal ein. Trotzdem: Seit 1969 hat sich bis auf den Austausch des Logos der tschechischen Eisenbahn am Gebäude nicht viel getan und eine Renovierung wäre dringend notwendig. Optisch ist das Gebäude aber allemal ein echter Hingucker. Es wurde zwischen 1964 und 1969 von dem Architekten Josef Hrejsemnou  im sogenannten Brüsseler Stil erbaut und wird von einer großen Glasfläche an der Stirnseite dominiert.

 

In der Bahnhofshalle wartet schon Hans Mattis, graues Haar, gutmütiger Blick. Der Vorsitzende des Vereins der Deutschen des Teschener Schlesien will uns das Begegnungszentrum zeigen, seinen ganzen Stolz. Er holt schnell sein Auto, das um die Ecke parkt und wir machen uns auf den Weg. Das CD-Radio spielt deutschen Schlager, während Mattis uns die Geschichte der Stadt erzählt. „Einen deutschen Namen hat Havířov  nicht“, sagt er gleich zu Beginn. Denn Havířov sei erst 1955 an stalinistische Architektur angelehnt erbaut worden. Das könne man noch heute an der schnurgeraden Hauptstraße und den sie säumenden Gebäuden erkennen. Weil Havířov aber Wohn- und Ausbildungsstadt für Bergleute war (havíř = Bergmann), gibt Mattis ihr scherzhaft den Namen “Bergmannstadt”.

 

Verein der Deutschen des Teschener Schlesien

 

Als wir das Begegnungszentrum erreichen, ist das Getümmel groß. Der Chor versammelt sich gerade. Mattis nimmt uns mit ins Büro nebenan. Es beherbergt eine kleine Bibliothek mit deutschsprachiger Literatur. „Meistens sind es Studenten, die sich Bücher ausleihen – wenn überhaupt“, sagt er. „Von unseren Mitgliedern eigentlich keiner, es sprechen auch nur wenige gut deutsch“, schiebt er nach. Die innere Vertreibung nach 1945 sollte dafür sorgen, dass keine deutschen Siedlungszentren mehr entstehen können, und so wurde Deutsch immer mehr vom Tschechischen verdrängt. Selbst im Verein sprechen viele untereinander tschechisch. Als der Verein vor 25 Jahren gegründet wurde, sei das noch anders gewesen, sagt Mattis, der von Beginn an dabei ist.

 

Die ersten Organisationen der deutschen Minderheit wurden allerdings schon viel eher zugelassen, und zwar im Zuge der Liberalisierung der Gesellschaft im Prager Frühling. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durfte der Kulturverband aber nur mit Ortsgruppen in Westböhmen an der Grenze zur DDR weitermachen, wo man ihn besser kontrollieren konnte. Im Rest des Landes konnte sich die deutsche Minderheit erst nach der Wende reorganisieren.

 

Am Schreibtisch sitzt Ehefrau Wilma Mattis, haselnussbrauner Kurzhaarschnitt, ein Lächeln. Freude über den Besuch und ein wenig Aufregung. So oft spreche sie nicht Deutsch, erklärt sie. Doch man merkt es ihr nicht an. In der Vereinsarbeit unterstützt Wilma Mattis ihren Mann bei der Projektplanung und Abrechnung. Und sie passt auf, dass er sich nicht zu viel zumutet. Ein Hip-Hop-Konzert für Jugendliche mit 800 Besuchern wie zum Tag der Deutschen Einheit vor zwei Jahren darf er nicht mehr allein auf die Beine stellen. „Er ist ja immerhin schon 77“, sagt Wilma Mattis und blickt mahnend über den Tisch zu ihrem Mann. Er lehnt in seinem Bürostuhl und lächelt. Bis heute ist er auf das Großprojekt besonders stolz. „Das war nur Dank der Unterstützung des damaligen Bürgermeisters und der guten Zusammenarbeit mit den PASCH-Schulen möglich,“ sagt Hans Mattis und freut sich, dass er weitaus mehr Besucher angezogen hat als das Goethe-Institut mit dem gleichen Konzert in Prag. Da kamen nämlich „nur“ 500.

 

Für Projekte dieser Größenordnung sucht Hans Mattis jetzt Unterstützung. Und eigentlich möchte er den Chefsessel ganz und gar jemand anderem überlassen, der jung ist und mit dem Herzen dabei. „Aber uns fehlt der Nachwuchs“, bedauert Mattis. Und wenn sich nicht bald jemand fände, würde er den Laden wohl schließen müssen. „Aber das wäre sehr schlimm für mich“, sagt er. Aus dem Nebenzimmer dringt „Am Brunnen vor dem Tore“. Wo sollte außerdem der Chor hin, wenn das Begegnungszentrum schließt?

 

Zur Zeit lässt es der Verein mit Muttertags- und Weihnachtsfeiern ruhiger angehen, setzt aber weiterhin auf grenzüberschreitenden Austausch und pflegt gute Kontakte zu den Deutschen Freundschaftskreisen (DFK) in Bielitz, Ustron und Teschen im jetzt polnischen Teil Schlesiens. „Wir fühlen uns auch über die Grenzen hinweg als deutsche Minderheit miteinander verbunden“, bekräftigt Wilma Mattis. Mit den Nachbarn in der Grenzregion teilen sie auch ihre Sorge um die Zukunft der Vereine. Die „Bergmannstädter“ wollen jetzt ähnlich wie der Schlesisch-Deutsche Verein in Troppau verstärkt Deutschunterricht anbieten. Denn viele junge Tschechen sehen in der deutschen Sprache eine Chance. Auch für die Vereine in Tschechien könnte es eine sein. „Und wenn ich dazu beitragen kann, die deutsche Sprache in Tschechien wieder zu verwurzeln“, sagt Mattis abschließend, „dann bin ich glücklich.“

 

Marie Baumgarten