Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, June 23, 2021

„Warschau versteht uns nicht“

Erleichterung bei vielen Berufspendlern, als es vergangene Woche heißt: Für sie ist die deutsch-polnische Grenze wieder offen – ohne Quarantäne. Doch nicht jeder kann sich darüber freuen. Ausgerechnet medizinisches Personal ist von der neuen Regelung ausgenommen. Das führte an der Grenze zu Protesten.

 

So war es vor Corona: Rafał und seine Verlobte Ola.
Foto: privat

 

Rafał Krysztopik ist mit seinen Kräften am Ende. Es ist mittlerweile fast zwei Monate her, dass er seine Verlobte Ola in die Arme genommen hat. Rafał ist Arzt in Weiterbildung für Anästhesie an einem Krankenhaus nahe der deutsch-polnischen Grenze im vorpommerschen Pasewalk. Sein Lebensmittelpunkt ist aber in Stettin gemeinsam mit Ola – eigentlich. Denn seit Polen am 14. März im Kampf gegen das Corona-Virus quasi über Nacht die Grenzen dicht gemacht hat, ist für den 29-Jährigen nichts mehr wie es war.

 

 

Gehen oder bleiben?

Er musste eine Entscheidung treffen: Soll er nach Polen fahren, nach Hause zu Ola? Doch dann würde er die Kollegen im Stich lassen, wie sollten sie die Mehrarbeit schultern. Umso mehr, als dass möglicherweise andere Kollegen auch gehen – der Klinikbetrieb wird nicht unwesentlich durch Personal aus Polen am Laufen gehalten. Und was sollte aus seinen Patienten werden, die darauf vertrauten, dass er für sie da sein würde?

Ein klärendes Telefonat mit Ola. Sie ist auch Ärztin, in Stettin, sie weiß, dass der Arzt-Beruf kein Beruf ist wie jeder. Haben sie doch einen Eid geleistet.
Rafał bleibt also. In der Hoffnung, die Situation werde sich bald normalisieren.

 

Acht Wochen später sitzt er noch immer in Pasewalk fest, in einer kleinen Wohnung, die er schon vor Corona angemietet hatte. Für Tage, an denen die Schicht zu lang ist, um noch 40 Minuten bis Stettin zu fahren. Seit letzter Woche hat Polen zwar die Grenzen für Berufspendler wieder geöffnet. Viele Politiker auf beiden Seiten von Oder und Neiße hatten sich dafür stark gemacht, nicht zuletzt Deutschlands Polenbeauftragter Dietmar Woidke, der in dieser Angelegenheit an Polens Deutschlandbeauftragten Bartosz Grodecki geschrieben hat.

 

Die Quarantäne für Ärzte und Pfleger soll endlich aufgehoben werden, fordern diese Protestierenden.
Foto: Kasia Jackowska

 

Es bewegt sich was

Auch die von Marta Szuster organisierten Demonstrationen auf beiden Seiten der Grenze haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die Deutsch-Polin aus der Uckermark ist in ihrem Ort Ansprechpartnerin für die zugezogenen Polen. Ihr breites Netzwerk reicht bis weit über die Grenzen Brandenburgs hinaus. Sie kennt vielerorts die großen und kleinen Probleme der Menschen seit der Grenzschließung. Und nicht zuletzt ist auch ihre Familie betroffen, berichtet die 39-Jährige. „Mein Vater hat jahrelang in Deutschland gearbeitet, bekommt eine deutsche Rente und hat auch seinen Hausarzt in Deutschland. Mittlerweile lebt er aber in Stettin. Er sollte einen Herzschrittmacher bekommen, konnte aber den Termin wegen der Grenzschließung nicht wahrnehmen.“

 

 

Marta Szuster freut sich, dass immerhin, auch dank der Demonstrationen, Bewegung in die Sache gekommen ist. Wer jetzt nachweisen kann, dass er im Nachbarland einer Arbeit oder einem Studium nachgeht, darf ohne Quarantäne einreisen. Mit einer Einschränkung allerdings, und die betrifft Personen aus dem medizinischen Bereich. Unverständnis bei Rafał Krysztopik: „Warum ausgerechnet wir?“ Gerade Ärzte und Pfleger, so argumentiert Rafał Krysztopik, werden regelmäßig auf das Virus getestet. „Von uns geht doch viel weniger Gefahr aus als von vielen anderen Pendlern“, sagt er. Dennoch gilt für ihn: Sollte er jetzt nach Polen, folgen zwei Wochen Quarantäne. Für die Einreise nach Deutschland gilt diese Regel nicht.

 

Die Region gehört zusammen

Rafał Krysztopik stellt eine gewagte These auf. „Das ist eine Strafe aus Warschau. Dafür, dass wir polnischen Ärzte uns für eine Arbeit in Deutschland entschieden haben.“ Viele seiner Kollegen würden das ähnlich sehen, sagt er. Immerhin fehlt es dem polnischen Gesundheitssystem an Personal und Diagnostik, da tut es natürlich weh, die im Land ausgebildeten Mediziner an das Nachbarland zu verlieren. Das eigentliche Problem sei aber ein anderes, sagt Rafał Krysztopik. „Warschau versteht die Grenzregion nicht. Für uns hier existiert die Grenze nur auf der Landkarte. Wir sind eine Region, die zusammengehört, wir sind aufeinander angewiesen.“

 

 

Bis die Botschaft ankommt

Am vergangenen Freitag, dem 8. Mai, als vielerorts in Deutschland an das Ende des Zweiten Weltkriegs erinnert wird, geht Rafał Krysztopik auf die Straße, um mit rund 300 Protestierenden beiderseits der Grenze von Sachsen bis Mecklenburg-Vorpommern (oder lieber: von Süden bis Norden???) genau diese Botschaft nach Warschau zu senden.
Und seine Verlobte Ola? Auch sie ist gekommen. Eine Wand aus Grenzschützern zwischen ihnen. Kein Kuss, keine Berührung, nur ein Gruß aus der Ferne. Eine absurde Situation, und es wird deutlich: So wie ihnen geht es auch anderen. Zum Beispiel dem Kollegen aus der Klinik, dessen Kinder auf der anderen Seite der Grenze „Papa, ich vermisse dich“ rufen.
„Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte“, sagt Rafał Krysztopik. Doch eines ist sicher: Die Proteste werden weitergehen, so lange, bis die Botschaft in Warschau angekommen ist.

 

Marie Baumgarten

 

Hinweis:

Stand 18. Mai 2020: Zur Einreise berechtigte Ärzte, med. Personal und Mitarbeiter in Sozialeinrichtungen müssen mittlerweile bei Einreise nach Polen nicht mehr in Quarantäne. Diese Position ist in der Verordnung sang- und klanglos gestrichen worden.

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