Mit Sara Bonin, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, die über schlesische Familien forscht, sprach Rudolf Urban

Sara Bonin forscht zu schlesischen Familien. Foto: Rudolf Urban

Ihr Forschungsthema klingt ungewöhnlich, denn es handelt sich um schlesische Familien, und zwar nicht die bekannten, adeligen, industriellen Familien, sondern die heutigen Familien in Schlesien. Wieso haben Sie sich so ein Thema ausgewählt und was genau wollen Sie erforschen?

Ich möchte zunächst nichts ausgrenzen in meiner Forschung und es ist für mich bei den Interviews, die ich nun in den Familien führe, sehr interessant, wie vielfältig das Themenspektrum ist. Welche Rolle z.B. die politischen Sachverhalte für die Menschen hierzulande gespielt haben, was nach 1945 in der Region passiert ist, wie es in den Familien und dann genauer bei den einzelnen Familienmitgliedern unterschiedliche Spuren hinterlassen hat. Ich möchte also generell für alle Themen offen sein, um eine Bandbreite zu sehen und nicht von vornherein nur mit einem bestimmten Blick die Personen und Familie aussuchen.

Es geht also schon um die Menschen, die zur deutschen Minderheit gehören, oder zumindest deutsche Vorfahren haben?

Genau. Diese Region hier ist einzigartig, speziell, gerade auch für die Betrachtung der Zeit nach 1945, was politisch im Land geschehen ist, aber auch was heutzutage für Veränderungen noch vor sich gehen, z.B. die Stadterweiterung Oppelns. Das längst vergangene genauso wie die aktuellen Geschehnisse Spuren hinterlassen und diese lassen sich besser nachvollziehen, wenn man die Geschichten aus der Vergangenheit nochmals hört und auch schaut, wie sie durch die Familien getragen werden.

Wie kommen Sie auf die einzelnen Familien, die Sie interviewen?

Einerseits suche ich selbständig nach Kontakten, andererseits habe ich aber auch Menschen gefunden, die mir gute Tipps geben. Zunächst habe ich angefangen, die ersten Kontakte über das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit zu sammeln, denn dort bin ich zweimal in der Woche Praktikantin und habe dadurch die Möglichkeit zu sehen, wie die deutsche Minderheit und Menschen mit deutschen Vorfahren hier regional verortet sind, wie sie sich organisieren. Dadurch erhalte ich nicht nur interessante Einblicke, sondern natürlich auch gute Kontakte zu potenziellen Interviewpartnern. Und dann nach und nach komme ich über das Schneeballprinzip an weitere Kontakte. Letztendlich suchen sich die Menschen quasi von alleine aus, ob Sie mit mir sprechen und ihre Geschichte erzählen wollen und nehmen dann mit mir Kontakt auf.

Haben Sie eine bestimmte Anzahl von Familien, die Sie befragen müssen oder sollten, damit Ihre Arbeit anerkannt wird oder spielt das keine Rolle?

Mir geht es um kein spezielles Bild nach dem Motto: So leben hier die Menschen in Schlesien und so ist deren Geschichte. Ich will also keinen Prototypen herstellen, sondern eine Bandbreite. Und da ich sowieso weiß, dass ich nicht alle Menschen, deren Kontakte ich erhalten habe und noch immer erhalte, interviewen kann, habe ich mir vorgenommen, zunächst bei meinem ersten Besuch jetzt zehn Familien zu interviewen. Dabei habe ich natürlich vor wieder zu kommen und weitere Interviews zu führen. Ich will auch, so weit es geht, die Region selbst erleben, durch die Straßen gehen, ein bisschen fühlen, wie es ist hier zu leben. Ich merke auch schon nach den ersten Interviews, wie sich mein Bild von der Region verändert hat, dass ich anfange mit den Menschen die erzählten Geschichten ein wenig mitzuerleben. Bislang habe ich zwei Familien vollständig interviewt, also alle Familienmitglieder. Aber ich habe viele, bei denen mir jeweils nur noch ein Familienmitglied aus einer Generation zur Verfügung steht. Ich habe aber wie gesagt noch viele, mit denen ich Kontakt aufnehmen will und bin generell offen, wenn sich noch jemand bei mir melden möchte, um die eigene Geschichte zu erzählen. Am besten geht das über meine E-Mail-Adresse Bonin@europa-uni.de.

Zuletzt stellt sich aber noch die Frage, wieso Sie gerade Schlesien gewählt haben?

Als ich mein Projekt begonnen habe, wollte ich eigentlich in ganz Polen nach Familiengeschichten suchen, aber ich merkte schnell, dass es unmöglich ist. Polen ist nicht nur groß, sondern es ist auch schwierig die Menschen mit deutschen Vorfahren im ganzen Land zu verorten, denn sie leben nun mal nicht in ganz Polen. Ich bin also immer weiter in die Regionen eingetaucht und landete schließlich in Schlesien. Dabei habe ich bislang vor allem mit Menschen aus Oppeln und den umliegenden Ortschaften gesprochen, will aber auch nach Gleiwitz fahren, um da Familien zu finden und denke, dass mich mein Weg auch nach Breslau führt. Ich bin da wirklich offen, sodass die Menschen, die ich finde, oder die sich bei mir melden, den weiteren Fortgang der Arbeit mitbestimmten. Die Anderen sind ja die Experten und ich bin diejenige, die ihr Sprachrohr für die Geschichten wird. Ich sehe mich eher als Werkzeug für die Erzählungen anderer.