Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, November 30, 2022

Wie Phönix aus der Asche

 

 

Die Familie von Tiele-Winckler gehört zu den wichtigsten Adels- und Industriellengeschlechtern Oberschlesiens. Der Stammsitz der Familie liegt im heutigen Beuthener Stadtteil Miechowitz, doch vom einstigen prächtigen Palast sind nur Teile geblieben, die aber nun liebevoll restauriert werden. Schon bald soll hier Kultur ihren festen Platz bekommen.

 

Das Bild Alexander Dunckers zeigt das neogothische Schloss von südöstlicher Seite aus umgeben vom Park.
Quelle: Oberschlesisches Landesmuseum w Ratingen

 

 

Die Geschichte des Komplexes beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts, als der Mähre Ignatz Domes Land und Güter in Miechowitz erwarb. In den Jahren 1812–1817 errichtete er dort ein klassizistisches Schloss für seine Tochter Maria und ihren Ehemann Franz Aresin. Es handelte sich um ein zweigeschossiges Gebäude auf einer rechteckigen Fläche mit Dachgeschoss und zwei Eingängen von Nord und Süd. 1823 errichtete Franz Aresin gemeinsam mit Karl Godulla das Galmei-Bergwerk „Maria“, eines der größten in Europa. 1832, nach dem Tod von Aresin, heiratete Marie den Bergwerksleiter Franz Winckler. Sie vervielfältigten das Vermögen rasch, indem sie Grundbesitz, Bergwerke und Hütten in weiten Teilen der Region erwarben. Das führte dazu, dass Franz Winckler 1840 in den Adelsstand erhoben wurde. Als 1844 durch einen Windsturm das Dach abgerissen und das Schloss beschädigt wurde, zogen die Wincklers zeitweise in ihre Villa in Kattowitz. Aufgrund des hohen gesellschaftlichen Status der Familie beschloss man, in Miechowitz einen repräsentativen Sitz zu errichten.

Franz Winckler verstarb aber plötzlich im Jahr 1851. Zwei Jahre später starb seine Frau Maria. Die Erbin des riesigen Vermögens wurde die Tochter von Franz Winckler aus erster Ehe, Valeska von Winckler-Domes, die 1854 den Oberleutnant Hubert von Tiele heiratete. Man vereinigte die Geburtsnamen und die Wappen der Eheleute und ihre Nachfahren trugen fortan den Nachnamen Tiele-Winckler. Sie bildeten somit den Ursprung einer der mächtigsten Adelsfamilien in Schlesien.

 

Der revitalisierte Teil des Westflügels des Schlosses Quelle: Stadtverwaltung Beuthen

 

Großer Umbau

Hubert von Tiele-Winckler griff das Vorhaben von Franz Winckler auf und wurde zum Initiator der Modernisierung des Schlosses. Die Arbeiten (nach einem Entwurf des Berliner Architekten Richard Lucae) wurden seit 1855 in mehreren Etappen durchgeführt und dauerten vier Jahre. Damals entstanden zwei Flügel der neuen Anlage im Stil der englischen Neogotik. Mit ihrer Aufteilung in Blöcke, den vier Türmen und Zinnen, erinnerte die Residenz an ein mittelalterliches Schloss. Aufgrund der gefallenen Zinkpreise auf dem europäischen Markt und der daraus resultierenden finanziellen Schwierigkeiten wurde das erste Projekt von 1854 nur teilweise realisiert. Auf den Umbau des ältesten, klassizistischen Schlossteils wurde verzichtet. Die Baumeister, Heinrich August Nottebohm und Koeppen (Schüler der Berliner Bauakademie), haben während der Errichtung des Objekts zahlreiche korrigierende Änderungen vorgenommen. Bis 1859 wurden 145.000 Taler für den Bau verausgabt.

 

Die senkrechte Dominante des östlichen neogotischen Flügels des gesamten Komplexes bildete der ca. 35 m hohe achteckige Schwalbenturm. Seinen Namen verdankte der Turm einem über der Eingangstür angebrachten Flachrelief, das ein Schwalbennest abbildete. Zum Turm führte eine repräsentative Auffahrt und vor dem Turm befanden sich eine ovale Grünfläche und ein Springbrunnen, der mit der Skulptur „Knabe mit Schwan“ des bekannten oberschlesischen Bildhauers Theodor Kalide verziert war. Die nördliche Ecke des Flügels wurde von einem runden Wasserturm flankiert, in dem ein Wasserbehälter und Wasserleitungen verbaut waren, die das Wasser aus dem Untergrund des Bergwerks „Maria“ beförderten. In diesem Teil des Schlosses befand sich auch die Küche. Der Westflügel, der sich fragmentarisch bis heute erhalten hat, wurde von einem rechteckigen Pulverturm dominiert, der von Verteidigungstürmen mittelalterlicher Schlösser inspiriert war. Von Nordwesten schloss ein runder Turm ohne genauere Bezeichnung die Gesamtheit ab. Von innen war der Turm mit einem Fries von Pflanzen verziert. In diesem Teil des Schlosses lag ein großer Saal mit einem hohen, neogotischen Gewölbe, der Blumenhalle genannt wurde. In dessen nördlichem Teil befand sich eine Taufkapelle, in der, mit Ausnahme der ältesten Tochter, alle Kinder von Valeska und Hubert von Tiele-Winckler getauft wurden. Die gotischen Spitzbogenfenster waren mit bunten Glasfenstern verziert (eines davon zeigte die heilige Hedwig). Im Obergeschoss befand sich ein Bildersaal und ein von Valeska von Tiele-Winckler errichtetes Museum.

 


Hubert von Tiele-Winckler, 1823 – 1893 Quelle: Evangelisch-Augsburgische Gemeinde in Miechowitz

 

Der Schlosspark

Zeitgleich mit dem Bau des Schlosses dauerten die Umbauarbeiten des von Franz Aresin angelegten Schlossgartens an. Dieser wurde in einen englischen Landschaftspark umgestaltet. Hubert von Tiele-Winckler entwarf ebenfalls Konzepte zum Umbau der umgebenden Wälder in Landschaftsparks. Zu diesem Zweck stellte er 1854 den bekannten Gärtner Gustav Stoll ein. Es wurden zahlreiche Arbeiten im Zusammenhang mit der Gestaltung der Umgebung und der Anlage von Verkehrswegen durchgeführt. Auf dem Parkgelände, auf dem sich bis 1853 die alte Heiligkreuz-Kirche befand, gab es auch eine kleine Schule aus dem Jahr 1818 sowie ein Mausoleum der Familie Domes (welches 1872 abgerissen wurde). Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts kümmerte sich der Gartenbauinspektor B. Becker um den Park. Er legte vor allem Wert auf die Einführung neuer Baumarten (es kamen 360 Pflanzengattungen und -sorten vor). Ebenfalls entstanden ein Wintergarten und zahlreiche Gewächshäuser. Der Park war durch einen Zaun eingegrenzt. Der Öffentlichkeit wurde er erst am 1. Mai 1938 als Volkspark zugänglich gemacht.

 

Valeska und Hubert hatten vier Söhne und fünf Töchter. Zur Geburt der Nachkommen pflanzten sie in der Umgebung des Schlosses ringsum Eichen, in deren Rinde die Namen der Kinder eingeritzt waren. Valeska von Tiele-Winckler starb am 14. Februar 1880 nach langer Krankheit in Berlin. Drei Jahre später heiratete Hubert die Gräfin Rosa von der Schulenburg. Aus dieser Ehe ging 1887 der Sohn Raban hervor. Hubert starb 1893 in Partenkirchen (Bayern). 1906 zog die Familie von Miechowitz in die Residenz nach Moschen unweit von Krappitz. Ein Jahr später brachte der älteste Sohn von Valeska und Hubert ihre Leichname aus der Krypta in der Heiligkreuz-Kirche in Miechowitz auf den Friedhof in Moschen. 1925 verkaufte der Enkel von Hubert, Graf Claus von Tiele-Winckler, die Residenz samt Park an die Preussengrube AG.

 

Valeska von Tiele-Winckler, 1829-1880 Quelle: Evangelisch-Augsburgische Gemeinde in Miechowitz

 

Mutter Eva

Lediglich Eva von Tiele-Winckler verblieb in Miechowitz. „Mutter Eva“ genannt, war sie die Gründerin und Förderin der Pflegeheime und des Evangelischen Diakonats „Friedenshort“. Sie gehört zu den bekanntesten Personen Oberschlesiens und hat sich um das oberschlesische Volk besonders verdient gemacht. Im Bereich der sozialen Hilfe waren ihre Errungenschaften besonders pionierhaft. Ihr Lebenswerk wirkt bis heute an dem Ort, wo es seinen Anfang nahm, fort. Die Idee des „Friedenshorts“ führt die Evangelisch-Augsburgische Pfarrei in Beuthen-Miechowitz weiter. Sie ist darum bemüht, das materielle und geistige Erbe Mutter Evas zu erhalten.

 

Gegenwärtig befindet sich das Mutterhaus des „Friedenshorts“ in Freudenberg in Nordrhein -Westfalen. Es bildet das Zentrum der Tätigkeit von 170 Stätten in Deutschland. Die Stiftung beschäftigt etwa 1400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dort leben die letzten emeritierten Schwestern, die nach einem bewegten Leben voller Opfer Ruhe und Pflege finden.

 

 

Nachkriegsgeschichte

Nach dem Einmarsch der Roten Armee am 27. Januar 1945 wurde das Schloss geplündert und zum Teil verbrannt. Im Juli desselben Jahres führte ein erneuter Brand zum weiteren Verfall. Nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich Büros und Wohnungen des Staatlichen Landwirtschaftlichen Betriebs in den nutzbaren Teilen des Schlosses. In der Silvesternacht 1954/1955 sprengten Pioniere der Polnischen Volksarmee einen beträchtlichen Teil des Schlosses. Das bis heute erhalten gebliebene Fragment des Westflügels stellt etwa 10% des damaligen Umfangs dar.

 

Der Schloss- und Parkkomplex in Miechowitz wurde am 30. Juni 1995 in das Denkmalregister der Woiwodschaft Schlesien eingetragen. Im Januar 2019 haben Renovierungsarbeiten im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau des Schlosses begonnen. Das Projekt wird vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung im Rahmen des regionalen operationellen Programms der Woiwodschaft Schlesien für den Zeitraum 2014-2020 kofinanziert. Der führende Investor ist die Stadt Beuthen, die Baumaßnahmen wurden Anfang Dezember abgeschlossen. Für die Besucher und Stadtbewohner wird das Gebäude aber erst ab Mitte 2021 zugänglich sein.

 

Nach Beendigung der Renovierung und der Arbeiten an der Innenausstattung werden im Schloss Kulturangebote durch das Kulturzentrum in Beuthen (Bytomskie Centrum Kultury) angeboten. Das Hauptziel wird darin bestehen, das kulturelle Angebot in der Einrichtung verfügbar zu machen, indem eine kulturelle, soziale und pädagogische Infrastruktur geschaffen wird, die die soziale Situation in Miechowice verbessert.

 

 

Izabella Kühnel
Übersetzung Katharina Gucia

 

 

Mehr zu Eva von Tiele-Winckler hier KLICK

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