Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Sunday, September 25, 2022

„Wir brauchen mehr Disziplin“

 

 

Mit der 94-jährigen Ingeborg Odelga sprach Manuela Leibig über die Anfänge des Deutschen Freundschaftskreises in Proskau.

 

 

Frau Odelga, Sie waren bei der Gründung des Deutschen Freundschaftskreises in Proskau dabei. Wie hat alles angefangen?

Wir wurden zu einem Treffen bei Gogolin in einen Saal eingeladen. Einige Personen aus Proskau und aus vielen anderen Ortschaften. Wann genau das war, das weiß ich nicht mehr.

 

 

Haben Sie persönlich auch Unterschriften gesammelt auf den Listen, die Johann Kroll in die Wege geleitet hat?

Ja, aber nur in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis. Zu den anderen habe ich mich nicht gewagt. Und selbst da wollten nicht alle sich einschreiben. Aber ich habe keinen gezwungen, wenn nicht, dann nicht.

 

 

Was haben Sie gefühlt, als Sie von der Deutschen Minderheit als einer registrierten Organisation zu hören bekommen haben?

Als der Herr Kroll das bestätigt bekam vom Gericht, da war ich überglücklich. Ich war euphorisch! Ich wollte sofort in den Garten und da einen Volkstanz machen. Ja, aber da kam ich dann zur Besinnung. Mensch, du bist wohl nicht ganz! Die kommen doch gleich und sperren dich ein. Und da habe ich das unterlassen. Aber, ich habe was anderes gemacht. Ich habe dann gleich am nächsten Sonntag meine Bekannten und Verwandten hier von der Schlossstraße zu mir in die Küche eingeladen und sagte: Wir werden singen, deutsch singen. Deutsche Lieder! Hohe Tannen, Lustig ist das Zigeunerleben, Am Brunnen vor dem Tore, und und und! Auch Kirchenlieder sangen wir, vor Freude haben wir das gemacht. Einige Male hat das hier bei mir stattgefunden, eine Nachbarin hat sogar die Ziehharmonika gespielt. Es kamen junge und ältere Leute. Und da sagte dann meine Kollegin: „Bei dir geht das nicht, das müssen wir woanders machen”. Ich habe mit der Erna gesprochen, die am Ring wohnte, und się war einverstanden. Und da haben wir uns einmal hier, einmal da getroffen. Aber dann hatte die Deutsche Minderheit in dem Kulturhaus ein kleines Büro bekommen und dann haben wir uns dort getroffen. Und dieser Singerkreis existiert bis heute. Wir mussten letztes Jahr leider zeitweise eine Pause einlegen und ich gehe aufgrund der aktuellen Situation und meines Alters im Moment nicht hin. Aber es fehlt mir sehr, es war ein Treffpunkt für uns, wo man einfach quatschen konnte und singen, man kam etwas unter die Leute. Auch wenn es von den ganz ersten DFK-Mitgliedern immer weniger werden. Ich habe bei jedem Treffen in einem Heft eine Anwesenheitsliste geführt, die Hefte aus all den Jahren habe ich bis heute.

 

 

Was war Ihre Rolle beim DFK am Anfang?

Ich war Schriftführerin. Denn man musste ein Protokoll schreiben von unseren Versammlungen. Ich habe es mal probiert, vielleicht gibt es auch Fehler, dachte ich mir, aber das wichtigste ist ja der Inhalt. Als Johann Kroll gestorben ist, dann hat sein Sohn Henryk die Leitung der Minderheit von ihm übernommen und da fragte ich: „Sagen sie mal, Herr Kroll, wenn ich hier die ganzen Protokolle schreibe, und so weiter, hat das überhaupt einen Zweck? Denn wenn nicht, dann werde ich das nicht schreiben”. Er meinte, es sei wichtig. Na ja, dann habe ich weitergeschrieben, 20 Jahre lang. Und dann dachte ich: abgeben! Die Jugend soll ran!

 

 

Wollten Sie nie nach Deutschland ausreisen?

Ja, ich wollte ausreisen. Man hat mich einst, vor der Wende, im Krankenhaus derartig schlecht behandelt… Ich weiß, dass das Schlimmste war, dass ich nicht richtig Polnisch konnte. Und da dachte ich, nein, Schluss, da fahren wir raus mit meinem Vater. Nach Berlin, da hatte ich eine Freundin gehabt. Doch Gedanken habe ich mir darüber gemacht, dass mein Vater ein älterer Mann war, er war hier zu Hause, und im hohen Alter umzuziehen… Die Papiere zur Ausreise habe ich abgegeben, aber abgelehnt bekommen. Das zweite Mal habe ich nicht mehr gemacht.

 

 

Warum kamen Menschen zum DFK einige Zeit später, als sich der erste Boom gelegt hat, was denken Sie?

Jeder wollte was anderes. Teilweise zum Singen, teilweise, um Gesellschaft zu haben. Mit einer Frau habe ich gesprochen, deren Mann gestorben ist und jetzt kommt sie auch zu uns. Ich fragte sie, warum sie nicht früher schon kam. „Ja, der Mann hat mich nicht gelassen“. Und so entwickelt sich das.

 

 

Gab es vielleicht Menschen, die in den Deutschen Freundschaftskreis eingetreten sind, weil sie sich dort Hilfe bei der Ausreise nach Deutschland erhofften?

Unser Vorsitzender, der Herr Krüger, er hat den Menschen dabei geholfen, wenn sie ihn darum baten. Aber seitdem die Deutsche Minderheit entstanden ist, habe ich sie hier, auf der linken Seite, im Herzen. Zu unserem DFK kamen anfangs immer Menschen dazu, sie zahlten den Mitgliedsbeitrag, dann waren es weniger. Ich denke, der Oberschlesier ist so wie ein Birnenbaum. Da steht die Birne in der Mitte zwischen Deutschland und Polen. Und seine Früchte wirft der Baum auf beide Seiten ab.

 

 

Waren Sie bei den ersten deutschsprachigen Messen auf dem Sankt Annaberg dabei?

Leider nicht, ich hatte kein Auto. Und die Menschen, die Autos hatten, haben ihre nächsten Verwandten mitgenommen. Meine Verwandten hatten damals einen Traktor und mit dem Traktor wollten sie nicht fahren. Aber bei der Versöhnungsmesse in Kreisau, da war ich dabei.

 

 

Wie war es denn mit der deutschsprachigen Messe in Proskau?

Der DFK-Vorstand ging zu dem Pfarrer Heinrich mit der Bitte, dass wir die deutschen Messen haben wollen. Die erste deutsche Messe nach dem Krieg in Proskau, die habe ich so erlebt, als wenn ich im Himmel wäre! Zuerst war das wohl einmal im Monat, es kamen auch DFK-Mitglieder aus den Nachbardörfern.

 

Wo sahen Sie Nachteile bei der deutschen Minderheit?

Anstatt Deutsch haben sie Polnisch gesprochen! Aber das ist ja bequem, Polnisch oder Wasserpolnisch zu sprechen. Obwohl, Wasserpolnisch konnte in Proskau kaum jemand.

 

 

Was würden Sie in der Deutschen Minderheit ändern?

Unbedingt Deutsch sprechen. Das ist mein größter Kummer. Denn nur die deutsche Sprache erhält uns. Aber der Deutschunterricht wird auch in der Schule immer schwerer. Denn es wird gestrichen, dann soll das Muttersprache sein, dann wieder Fremdsprache und die Eltern wissen ja selbst nicht, was sie machen sollen. Sie sprechen ja nicht Deutsch und dann können sie den Kindern nicht helfen, also entscheiden sie sich lieber für Englisch, weil das ja so eine Weltsprache ist. Das gefällt mir nicht. Das ist zu locker. Wir brauchen mehr…. Disziplin.

 

 

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