Das Team von Maciej Michałek hat in den letzten Wochen sehr viel Arbeit geleistet. Foto: Fundacja Pamięć.

Schätzungen zufolge liegen sterbliche Überreste von bis zu 50.000 Deutschen unter polnischer Erde. Ein deutsches Soldatengrab wurde zuletzt in Thorn (Toruń) gefunden. Auf dem Gelände soll ein Wohnhaus entstehen. Für einige Bewohner unerhört.

 

Historiker, die sich mit der deutsch-polnischen Geschichte vor allem im 20. Jahrhundert befassen, stellen sich schon seit Jahren eine Frage: Wie viele Gräber deutscher Soldaten befinden sich noch im heutigen Polen? Schätzungen zufolge sind es noch bis zu 50.000. Dass sich im Thorner Stadtteil Glinki ein deutsches Soldatengrab befinden könnte, war für Kenner der Geschichte der Ortschaft keine Überraschung: „An diesem Ort befand sich ein Lager für Kriegsgefangene. Wie es auch in anderen Regionen üblich war, war das Lager zuerst ein deutsches und wurde nach dem Einmarsch der Roten Armee weiterhin genutzt. Das heißt, die Russen hatten es verwaltet und die Deutschen waren die Gefangenen“, sagt Maciej Milak, der im Namen der Stiftung „Erinnerung“ Exhumierungen auf dem Gelände durchführt. Milak zufolge starben in dem Thorner Lager Deutsche vor allem im Sommer 1945. Diese, die oft nicht durch Kugeln, sondern durch Hunger und Krankheiten starben, wurden gleich vor Ort in Massengräber geworfen. Diese Gräber wurden auf keinerlei Weise markiert, so waren sich praktisch nur Thorner Historiker dessen bewusst, dass die Einwohner auf Gräbern spazierten.

 

Der Fund

 

Die Erinnerung an das Soldatengrab kam wieder auf, nachdem die Stadtverwaltung entschied, auf dem Gelände eine Wohnsiedlung zu bauen. Im Rahmen der Erdarbeiten ist das Bauunternehmen gleich am Anfang auf menschliche Überreste gestoßen. Nach Konsultationen mit entsprechenden Ämtern wandte man sich sofort an den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Dieser nimmt sich in Polen Exhumierungen deutscher Soldaten an. In Zusammenarbeit mit polnischen Stiftungen und Archäologen, werden die Überreste geborgen und auf einen in Polen liegenden Friedhof für deutsche Soldaten der beiden Weltkriege würdig beigesetzt. Was genau haben Milak und sein Team gefunden? Die Zahlen, die er angibt, sind erschütternd: „Nach heutigem Stand haben wir ungefähr 1580 sterbliche Überreste geborgen. Wir schätzen aber, dass auf dem Gelände die Überreste von bis zu 2000 Soldaten sein können. Zudem haben wir sehr viele Abzeichen gefunden, die in einem ziemlich guten Zustand sind. Diese werden uns helfen, die Soldaten zu identifizieren und gegebenenfalls auch ihre Familien zu benachrichtigen“, so der Chef der Ausgrabungen.

 

Wohnsiedlung unter Kritik

 

Trotzdem, dass Wohnhäuser auf einem ehemaligen deutschen Friedhof entstehen sollen, will die Verwaltung von Thorn ihre Pläne nicht ändern. Die Vorstellung von einem unbeschwerten Leben am Schauplatz tragischer Ereignisse löst bei einigen Bewohnern der Stadt jedoch Empörung aus: „Das ist doch wie ein Horrorszenario, ich denke nicht, dass die Menschen dort eine Wohnung kaufen wollen“, meint Herr Dariusz aus Thron. Der Historiker der Kopernikus-Universität in Thorn, Wojciech Polak, geht sogar noch weiter und fordert eine Gedenkstätte am Ort des ehemaligen Lagers sowie eine dauerhafte Aufhebung jeglicher Investitionen.

 

Ein Fall von vielen

Maciej Milak ist da als Archäologe etwas pragmatischer. Zwar verstehe er, „dass einige Menschen empört sein und sich auf einem ehemaligen Friedhof den Bau von Wohnhäusern nicht vorstellen können“, doch „bei sehr vielen Investitionen in Polen habe es man mit ähnlichen Fällen zu tun“, dies zeige nur „wie viele nicht erfasste Gräber deutscher Soldaten sich noch im heutigen Polen befinden.“ Dazu unterstreicht Milak, dass „erst die Arbeitet an der geplanten Wohnsiedlung ein Anlass war, die Überreste der Soldaten aus ungepflegten Gräbern zu bergen und ihnen einen würdigen  Ruheort zu geben“. Im Moment werden in dem Stadtteil keine Bauarbeiten vorgenommen. Die Investition ist zur Zeit gestoppt, bis die Mannschaft von Milak alle Überreste ausgegraben und gesichert hat. Die Exhumierungen in Thorn sollen noch einige Tage dauern. Nach Ende der Arbeiten werden die Soldaten auf dem deutschen Gefallenenfriedhof in Bartossen (Bartosze) beigesetzt.

 

Łukasz Biły