Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, September 18, 2021

Wort zum Sonntag von Pfarrer Wojciech Pracki

Wort zum Sonntag von Pfarrer Wojciech Pracki, Evangeliche Kirchengemeinde Oppeln

14. Sonntag nach Trinitatis
Altes Testament: 1. Buch Mose 28,10-19
Evangelium: Lukas 17,11-19
Predigttext: 1.Thessalonicherbrief 5,14-24

Seht zu, dass nicht jemand Böses mit Bösem vergelte, sondern strebt allezeit nach dem Guten, sowohl untereinander als auch gegenüber allen (anderen)! 1.Thess 5,15

In letzten Wochen beobachten wir alle eine erstaunliche Situation, die sich an der polnisch-weißrussischen Grenze abspielt. Eine Gruppe von Flüchtlingen aus Afghanistan, Irak und anderen nahöstlichen Gebieten lagert auf dem Niemandsland zwischen zwei Ländern. Die eine Regierung sagt„Es ist nicht unser Problem, siekönnen nicht zurück”. Die andere „Wir lassen euch nicht rein, wir sorgen dafür, dass ihr hierbleibt, aber auf Fürsorge, Verpflegung und medizinische Hilfe macht euch bitte keine Hoffnungen”. Dazu hat die polnische Regierung noch Hunderte von schwer bewaffneten Soldaten und Grenzschutzbeamten an die Stelle des Lagers geschickt – ein „Lager“ohne Verpflegung, auf bloßem Boden, im Wind und Regen…

Meines Erachtens wäre es viel günstiger, Speisen und warme Betten anzubieten, anstatt die Kosten des traurigen Spektakels für unser Land zu tragen. Diese Situation erinnert mich an meine Großeltern. 1975 kamen sie für ein paar Wochen in ein Flüchtlingslager im Ruhrgebiet. Der Aufenthalt dauerte, bis sie deutschen Dokumente bekamen. Sie wurden nicht groß erwartet in Deutschland, aber sie konnten, beide damals über50, ein neues Leben beginnen. Die Chance wurde ihnen gegeben. Für die deutschen Nachbarn blieben sie immer Polen. Als sie aber regelmäßig nach Polen fuhren, wurden sie als Deutsche behandelt. Entwurzelt, aber mit einer neuen, besseren Perspektive.

Ich denke, nichts anderes wird von den armen Afghanen erwartet. Siesindan die EU-Grenze gekommen. Sieerreichten ein Gebiet, das die Erfahrung des Hungers und Unterdrückung während der Nazizeit gemacht hat. Und die Geschichte wiederholt sich, auch wenn die Akteure nicht die gleichen sind. Leid, Hunger, Elend – ein Volk, das die Erfahrung vor 80 Jahren machte, hat wenig daraus gelernt. Das ist traurig. Und es gibt keine Worte, die die Tiefe der Trauer ausdrücken könnten. Wobei es doch am Anfang dieses Textes steht – strebt allezeit nach dem Guten, sowohl untereinander als auch gegenüber allen anderen! Es ist auch ein Fiasko der christlichen Katechese.

Was mir aber Hoffnung macht, ist die Bereitschaft unserer Bevölkerung zur Unterstützung der 60 Flüchtlinge in Derschau/Suchy Bór. Die, die helfen wollten, haben es praktisch gemacht mit finanziellen Mitteln, Bekleidung usw. Das ist eine Stellungname, die mein Herz wachsen lässt. Schade nur, dass einfache Menschen der Regierung zeigen müssen, wie ein Mensch (nicht unbedingt Christ), handeln soll.

Sie denken vielleicht – „Och, wieder ein Pfarrer, der sich in die Politik einmischt!”Ich versichere Ihnen – Politik ist nicht mein Gebiet und Verantwortung. Mein Gebiet ist die Verkündigung des Evangeliums. An der genannten Situation haben wir ein Beispiel – wie das Evangelium in der Praxis verwendet oder nicht verwendet wird. Jeder von uns soll da eigene Schlussfolgerungen ziehen. Amen.

 

 

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