Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Monday, December 5, 2022

Aus BaWü nach ErMa

Seit Anfang Oktober arbeitet Luis Schönecker als Kulturmanager des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) beim in Allenstein (Olsztyn) beheimateten Verband der deutschen Gesellschaften in Ermland und Masuren (VdGEM). Im Interview mit Lucas Netter spricht der Historiker und Politologe aus Baden-Württemberg über seine neue Tätigkeit – und verrät, was er in den kommenden Monaten mit der deutschen Minderheit im Norden Polens vorhat.

 

Luis, seit dem 3. Oktober arbeitest Du als ifa-Kulturmanager beim VdGEM in Allenstein. Hast Du Dich schon ein wenig in Deiner neuen Umgebung eingelebt?

Auf jeden Fall! Ich wurde hier sehr gut aufgenommen und bin auch im VdGEM-Büro sofort nach meiner Ankunft herzlich begrüßt worden. Mein erster Arbeitstag am 3. Oktober war dann gleich etwas Besonderes, denn ich durfte an der Festveranstaltung des Deutschen Generalkonsulats in Danzig zum Tag der Deutschen Einheit  teilnehmen. Dort konnte ich mich bereits zahlreichen wichtigen Persönlichkeiten aus der Region vorstellen. Neben der Generalkonsulin Cornelia Pieper habe ich an diesem Tag auch viele Vertreter der deutschen Minderheit aus dem Norden Polens kennengelernt, zum Beispiel von der Allensteiner Gesellschaft Deutscher Minderheit.

Was hat Dich dazu bewogen, als ifa-Kulturmanager nach Allenstein zu gehen?

Die Kulturmanagertätigkeit hat mich generell gereizt, weil ich die Idee des ifa-Entsendeprogramms toll finde – durch kulturellen Austausch zum Frieden in Europa beizutragen. Mir gefällt auch der Gedanke, dass ich in ein Land gehen und dort für einen Austausch und für eine Vermittlung sorgen kann, in dem es vor wenigen Generationen noch Krieg gab. Gerade als Historiker sind mir die Katastrophen des 20. Jahrhunderts immer vor Augen. Und deshalb ist es mir ein großes Anliegen, mich hier in Polen für eine Verständigung einzusetzen.

Die Stadt Allenstein beziehungsweise ganz Ermland und Masuren haben mich angesprochen, da ich diese Gegend zuvor noch nicht so gut kannte. Zwar war ich schon des Öfteren im westlichen Teil Polens unterwegs und habe auch Warschau mehrmals besucht; aber hier in Ermland und Masuren war ich bisher eben noch nicht. Jetzt freue ich mich darauf, etwas Neues zu sehen und neue Herausforderungen zu meistern. An solchen Erfahrungen kann man nur wachsen.

Wusstest Du schon vor Deiner aktuellen Tätigkeit von der Existenz der deutschen Minderheit in Polen?

Ich wusste zwar, dass es in Polen und anderen Ländern des östlichen Europa deutsche Minderheiten gibt, ihre Größenordnung und Organisationsstrukturen waren mir aber – ehrlich gesagt – nicht so sehr bewusst. Auch hatte ich als Regionen, in denen die deutsche Minderheit in Polen zu Hause ist, eher Ober- und Niederschlesien – wo ich übrigens auch noch nicht war – und weniger Ermland-Masuren auf dem Schirm. Umso überraschter bin ich jetzt, wie viele deutsche Spuren man hier in der Gegend noch finden kann. Letzte Woche habe ich mir zum Beispiel das Schloss Steinort angesehen. Und auch in Allenstein stößt man beim Schlendern durch die Stadt immer wieder auf Hinterlassenschaften aus deutschen Zeiten – seien es alte, verblichene Schilder mit deutscher Aufschrift oder die Architektur an sich, die oftmals deutsche Einflüsse vermuten lässt. Die deutsche Vergangenheit ist hier noch immer sichtbar.

Luis Schönecker ist der neue ifa-Kulturmanager beim VdGEM in Allenstein.
© ifa, Foto: Harry Schnitger

Was hast Du Dir für Deine Kulturmanagertätigkeit vorgenommen? Was möchtest Du in den kommenden Monaten erreichen?

Mein größtes Anliegen ist es, junge Menschen zusammenzubringen – hauptsächlich aus der deutschen Minderheit, aber natürlich auch alle anderen, die sich für die deutsche Kultur und Sprache interessieren. Dabei möchte ich ein großes Augenmerk auf den von meiner Vorgängerin Julia Herzog gegründeten Deutschklub legen, der auf jeden Fall fortgeführt werden soll. Mit den Jugendlichen dieses Deutschklubs habe ich mich mittlerweile auch schon einmal getroffen.

Außerdem wurde mir gesagt, dass viele junge Leute aus den Reihen der deutschen Minderheit diese Region nach der Schule verlassen und zum Studium oder zum Arbeiten in die größeren Städte ziehen. Mit den Mitteln der modernen Kommunikation möchte ich regelmäßig mit diesen „Abwanderern“ in Kontakt treten. Denn die kulturelle Verbundenheit geht ja nicht verloren, nur weil man in einer anderen Stadt wohnt.

Ich wurde auch vorgewarnt, dass hier alles sehr weitläufig und die Minderheit sehr weit verstreut ist. Es wäre mir ein großes Anliegen, das Ganze trotzdem irgendwie vernetzt zu halten. Auch dazu kann die moderne Kommunikation beitragen. Ich hoffe zudem, dass ich es schaffe, persönlich in möglichst viele Gemeinden mit organisierter deutscher Minderheit zu reisen – um viele neue Leute kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam verbindende Projekte zu starten.

Hast Du vielleicht auch selbst familiäre Wurzeln im früheren Ostpreußen oder in einem anderen Teil des heutigen Polen?

Ins heutige Polen habe ich keine familiären Verbindungen, aber mein Opa kommt ursprünglich aus dem Sudetengebiet – aus dem er 1945, als kleiner Junge, vertrieben wurde. Mit seinen Eltern, also meinen Urgroßeltern, kam er dann nach Bayern, wo er später auch meine Oma kennengelernt hat. Obwohl er nur selten über seine alte Heimat und die Erfahrung der Vertreibung spricht – und sich auch kaum noch daran erinnern kann, da er damals noch so jung war –, ist dieses Thema auch in meiner Familiengeschichte präsent.

Luis, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

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