Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Avantgarde der Rundfunkgeschichte

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Euphorie über das neue Medium Rundfunk gab in der Zwischenkriegszeit an vielen Orten. Das Besondere an der Breslauer „Schlesischen Funkstunde“ war aber, dass sie von 1924 bis 1933 einer der kulturell anspruchsvollsten Sender in den Anfangsjahren der Rundfunkgeschichte war und ein Vorbild für spätere Entwicklungen im Hörfunk wurde.

In der Rundfunkzeitschrift „Schlesische Funkstunde” wurde die Zuhörersteigerung gelobt. © Roswitha Schieb

Als das neue Medium Rundfunk aufkam, verbreitete sich diese unglaubliche Neuigkeit, dass durch die Luft Stimmen und Musik zu empfangen sein sollten, wie ein Lauffeuer bis in die hintersten Winkel der Provinz hinein. Mitte der 1920er Jahre entstanden die ersten, in Geschäften käuflichen Radio-Modelle, die sofort in Rundfunkzeitschriften annonciert wurden und die sich innerhalb der nächsten Jahre sehr schnell weiterentwickelten. Denn mit dem neuen Medium Rundfunk brach ein regelrechtes „Radiofieber“, ja „Mikrofonfieber“ aus, wie man in der Rundfunkzeitschrift „Schlesische Funkstunde“ lesen kann. Immer wieder werden die neuen Möglichkeiten des Mediums beschrieben und Übertragungen von der Schneekoppe oder von „unter Tage“ aus einem oberschlesischen Bergwerk, aus der Breslauer Jahrhunderthalle oder aus Berlin begeistert gefeiert.

Diese erstaunte Euphorie über das neue Medium Rundfunk gab es überall. Das Besondere aber an der „Schlesischen Funkstunde“ in Breslau war, dass sie von 1924 bis 1933 einer der kulturell anspruchsvollsten Sender in den Anfangsjahren der Rundfunkgeschichte war.

Superlativen des Breslauer Senders

Werbung in der Rundfunkzeitschrift „Schlesische Funkstunde” der Jahrgänge 1925-1932 © Roswitha Schieb

Immer wieder ist im Zusammenhang mit dem Breslauer Sender von Superlativen zu hören, von deutschlandweiten Innovationen, von avantgardistischen Hörspielen. Als erste deutsche Rundfunkgesellschaft begann die „Schlesische Funkstunde“ 1926 mit dem Bau eines eigenen Rundfunkhauses, das 1927 bezogen werden konnte. Warum dieser avantgardistische Aufbruch ausgerechnet in Breslau, einer Stadt, die im 19. Jahrhundert als „zurückgebliebene Großstadt“ galt, stattfand, lässt sich dadurch erklären, dass in Breslau zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Dynamik am Werk war. Ein frischer Anfang der Moderne, ein Denken in großen Maßstäben. Das Neue Bauen, das jedes schwülstige Pathos ablehnte, begann hier 1907 mit der Gründung des Werkbundes. Das wichtigste Bauwerk der Moderne in Breslau ist Max Bergs berühmte Jahrhunderthalle von 1913. Das Meisterhafte des Stahlbeton-Baus besteht für den in Breslau aufgewachsenen Philosophen Hans Georg Gadamer darin, „riesige Dimensionen in Zierlichkeit verwandelt zu haben“. Das Breslauer Kaufhaus Petersdorff von Erich Mendelsohn gilt aufgrund seiner bestechenden, graziösen Eleganz als Höhepunkt des klassischen modernen Bauens. Vor allem mit Breslau verbunden war Hans Poelzig, der in seinem Werk stets die Synthese zwischen Zweckform und Kunstform suchte und 1919 Vorsitzender des Werkbunds wurde. Die Werkbundausstellung Wohnung und Werkraum von 1929 (WuWA) in der Nähe der Jahrhunderthalle umfasste 37 verschiedenartigste Wohnhäuser, von denen das Ledigenwohnheim von Hans Scharoun das berühmteste ist.

Neues Bauen: Frischer Anfang der Moderne

Die erste Seite der Rundfunkzeitschrift „Schlesische Funkstunde” © Roswitha Schieb

Auch die Breslauer Akademie der Künste wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem neuen, avantgardistischen Geist geprägt. Wichtige Schüler der Kunstakademie in jener Zeit waren Fritz Erler und Eugen Spiro, Willy Jaeckel und Ludwig Meidner. Der expressionistische Maler Otto Mueller, eine exotische Breslauer Legende, lehrte und arbeitete seit 1919 an der Akademie. Neben Mueller zählten in den 1920er und frühen 1930er Jahren Johannes Molzahn, Oskar Schlemmer, Oskar Moll und Hans Scharoun zu den bedeutendsten Lehrern der Akademie, die aus dem alten Provinzialbetrieb längst eine Avantgarde-Lehranstalt gemacht hatten. All das bereitete den Humus der Moderne, auf dem auch der Breslauer Rundfunk mit seinem innovativen künstlerischen Leiter Friedrich Bischoff aufwachsen konnte.

1930 hieß es: „Heute noch steht Berlin weit hinter dem zurück, was Breslau schon vor drei Jahren erreichte.“

Blick in das Studio der „Schlesischen Funkstunde”. © Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Die Berliner Schriftstellerin und Journalistin Gabriele Tergit sagte aus der Rückschau über die Zeit zwischen 1925 und 1932, das seien „die sieben fetten Jahre“ im Leben einer ganzen Generation gewesen. Das trifft auch für den Breslauer Rundfunk zu – die Zeit zwischen 1925 und Anfang 1933 waren unter der Leitung des Rundfunkpioniers Friedrich Bischoff die sieben fetten Jahre für das Hörspiel. Denn Bischoff war mit seinen Hörfolgen, mit seinen Rundfunkinszenierungen deutschlandweit führend, innovativ und vorbildhaft, weil er den Rundfunk als neues künstlerisches Medium ansah, für das eigene Ausdrucksformen und Themen zu entwickeln seien. Er, der vorher Theaterdramaturg, Lyriker und Romancier in der Tradition der schlesischen Mystik war, wurde 1925 zum Literarischen Leiter, 1929 dann zum Intendanten der „Schlesischen Funkstunde“ ernannt und gehörte schnell zu den Pionieren des Rundfunks. Er holte ambitionierte Künstler wie den Komponisten Edmund Nick, Schriftsteller wie Erich Kästner, Walter Mehring, Carl Zuckmayer und Klabund oder den Regisseur Max Ophüls an den Sender. Von Anfang an machte sich Bischoff in der Zeitschrift „Schlesische Funkstunde“ Gedanken über das neue Medium, vor allem über das Hörspiel als neue Form, die noch nicht gefüllt sei. Er widerspricht der Vorstellung, dass der Rundfunk nur Technik sei und nichts mit Ästhetik zu tun habe, er sucht nach „rundfunkgeeigneten“ Sprechern, nach dem „Rundfunktümlichen“, dem „Rundfunkischen“ und beschreibt das Hörspiel als „Dramaturgie beseelter Technik und beseelten Sprachklangs“.

Funkisch: Neue Radiosprache

Archivaufnahmen der „Schlesischen Funkstunde”. © Museumsstiftung Post und Telekommunikation

Unter Bischoffs Leitung entstanden viele, auch mit Koautoren erarbeitete Hörfolgen, Alltagsreportagen und Funkrevuen wie „Achtung! – Straßenkreuzung! Eine Revue zum Hören“, ein akustischer Bummel durch die Straßen Breslaus. Als das berühmteste gilt das Hörstück „Hallo. Hier Welle Erdball! Hörsymphonie“. Während nächtelanger Proben wurde experimentiert und nach einer neuen Funksprache gesucht, die Bischoff „funkisch“ nannte. „Funkisch“ war für ihn die kongeniale Adaptation eines Stoffes für die spezifischen medialen Möglichkeiten des Rundfunks. Kein zweiter Sender konnte der Konsequenz der Breslauer Entwicklung nahekommen. Bischoff wollte der Langeweile der bislang üblichen Rezitationssendungen eine dem neuen Medium angemessene Form entgegensetzen. Mit der „funkischen Form“ war eine Montage aus literarischen Zitaten, Klangszenarien, Musik, Sprechchören, Maschinengeräuschen und Reportage gemeint, die durch einen thematischen sowie szenischen und akustischen Rahmen zusammengehalten wurde. Konstantin Prinz von Bayern erinnert sich an die ebenso avantgardistische wie publikumswirksame Hörspieldramaturgie Bischoffs: man hörte „in seinen Sendungen zum erstenmal Eisenbahnzüge rollen, Schreie gellen, wie es langatmig in den Wäldern, im Dunkel verklingt. Geräusche von natürlicher Eindringlichkeit, die den Zuhörern Schauer unmittelbaren Erlebens über den Rücken jagt.“

Der künstlerische Leiter des Breslauer Rundfunks, Friedrich Bischoff, wurde 1946 zum Intendanten des neu entstandenen Südwestfunks in Baden-Baden berufen und blieb es bis 1965. © SWR/Tschira

Das Hörstück „Hallo! Hier Welle Erdball!“, eine stilisierte Reportage von 1928, trat mit der an die Filmmontage angelehnte Überblendungstechnik als „Hörsymphonie“ auf. Es gilt als eines der wichtigsten Hörspiele des Radios in der Weimarer Republik. Technisch neu, ja geradezu revolutionär war der Verzicht auf die bis dahin üblichen Live-Produktionen mit aufwendiger Probenzeit. Stattdessen wurde das Hörspiel vorproduziert mit Hilfe von Filmtonstreifen. Es wurde also vorher aufgezeichnet, sodass Schnitte, Blenden, Überblendungen, Umstellungen, Montagen und somit eine neue Rhythmisierung und Dynamik möglich waren. Das erhaltene Tondokument besteht aus zwei Sequenzen: „Zeitablauf des Mannes K.“ (6 Minuten) und „Sensationen – Katastrophen“ (13 Minuten). Der „Zeitablauf des Mannes K.“ ist ein ironisch gefärbter Tagesablauf eines Mannes, der als Börsenmakler arbeitet, über 300 Telefongespräche an einem Tag führen muss, viel zu viel raucht, Verdauungsbeschwerden hat, an seine Geliebte denkt, sich abends amüsiert, „Unmengen von Narkotika“ zu sich nimmt und an Herzbeschwerden und Schlaflosigkeit leidet. Es ist also eine heute immer noch aktuelle neusachliche Schilderung vom aufreibenden Stress moderner Arbeit, wenn es heißt: „Erkennt Ihr den Menschen und sein von der Zeit verwüstetes Arbeitsgesicht? / Nichts als ein Tatsachenbericht! / Millionen liegen vor, Akt bei Akt. / Was hilft es? Maschinenzeit hält Euch gepackt!“ Dieses Fragment ist ein Versuch, einen prototypischen, gerafften Tagesablauf in radiogener, „funkischer“ Form zu übermitteln. Die hämmernden Aktenzeichen- und Uhrzeitangaben sollen auf sarkastische Weise Kritik an der Kälte, Härte und bis zur Absurdität maschinell durchgeplanten „modern times“ üben, wie sie einige Jahre später von Charlie Chaplin in seinem gleichnamigen Film thematisiert wurden.

Hörsymphonie: Urform der Radioreportage

Heutige Außenansicht des polnischen Rundfunks, Polskie Radio Wrocław. © Andrzej Owczarek Radio Wrocław

Das zweite Fragment handelt von „Sensationen – Katastrophen“. Die allgemeine, sehr aktuell wirkende Sensationshysterie der 1920er Jahre bildet den Hintergrund, vor dem Bischoffs ironisches Hörspiel-Fragment zu hören ist. Stimmen von Zeitungsausrufern und Marktschreiern, Börsenberichte, Nachrichten und Sensationen, dazwischen Trommelwirbel und kurze Dialoge werden mit dem Witz, der sich an Unvereinbarem entzündet, zusammenmontiert. Auf die parodistische Rezitation eines kitschigen Fortsetzungsromans folgen Annoncen und Reklamen, eingeblendete Klangcluster und Fanfaren, ein vor der Pointe abgebrochener Witz, dann ein Lyrikfragment von Hugo von Hofmannsthal, das von einem lebenshungrigen und Lyrik ablehnenden Sprechchor kritisiert wird – eine Persiflage auf die traditionellen Literaturlesungen im Radio, die Bischoff hier ad absurdum führt.

Heutige Innenansicht des polnischen Rundfunks, Polskie Radio Wrocław. © Andrzej Owczarek Radio Wrocław

Schon 1928 wurde das Hörstück von der Kritik als „wertvoller Markstein auf dem Wege zur Erlangung neuer Hörspiele“ hervorgehoben. Und 1930 hieß es aufgrund des „bahnbrechenden Werks“: „Heute noch steht Berlin weit hinter dem zurück, was Breslau schon vor drei Jahren erreichte.“ Bei diesem „Erreichten“ ging es vor allem um die Versuche, die einzelnen Sequenzen akustisch und funkgemäß miteinander zu verbinden – vor allem durch die neue technische Möglichkeit der Überleitung, die in Breslau gefunden und entwickelt wurde: die der Blende.

Im Hörstück „Hallo! Hier Welle Erdball!!“ muss es neun Sequenzen gegeben haben, die in einer Setzerei, auf einem Ozeandampfer, im Urwald, im Wembley-Stadion, in einem Verbrecherkeller, in Kyoto in Japan und in einem Tanzlokal spielten. Aber Bischoff wollte nicht nur neue Techniken zeigen und dazu in experimenteller Weise heterogenste Materialien zusammenmontieren. Zum einen wollte er eine Art Hörstück über das Medium Rundfunk gestalten, über dessen Möglichkeiten, ohne Zeitverlust von verschiedensten Schauplätzen der Welt, also ganz global, berichten zu können. Und zum anderen führt Bischoff in spielerischer Form den Rundfunk als Kulturvermittler vor, mit seinen Formen der Lesung, des Zwiegesprächs, der „funkischen“ Adaption von Erzählprosa, Lyrik und Theaterstück. Damit geht es ihm, ganz modern und selbstreferentiell, um ein „Hörspiel vom Hörspiel“.

Karikatur von Friedrich Bischof in der Rundfunkzeitschrift „Schlesische Funkstunde” © Roswitha Schieb

Im Zuge der nationalsozialistischen Säuberung 1933 wurde Friedrich Bischoff als „Kulturbolschewist“ fristlos entlassen. Der Radiopionier wurde von der Gestapo inhaftiert und im sogenannten Breslauer Rundfunkprozess wegen „Korruption“ und „Verschwendung“ angeklagt, schließlich aber freigelassen. Gedemütigt zog er sich nach Berlin und später ins Riesengebirge zurück, wo er sich wieder ganz der Schriftstellerei widmete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er Intendant des Südwestfunks, war dort aber nicht mehr experimentell tätig. Denn nach 1945 bis weit in die 1960er Jahre hinein galt das Hörspiel entweder als technisch bedingter Anhang des Schauspiels oder als literarisches Handlungshörspiel, nicht aber als genuine Radiokunst, als „Rundfunk-Eigenkunstwerk“. Erst ab den späten 1960er, frühen 1970er Jahren wagten Autoren wie Klaus Schöning, Gerhard Rühm und Helmut Heißenbüttel wieder Radioexperimente, die sich immer wieder gerne auf die Innovationen des Weimarer Rundfunks, und hier auf die „Schlesische Funkstunde“ beriefen. An diese erinnert sich der Regisseur Max Ophüls in den frühen 1950er Jahren begeistert: „Und der Sender lebte und blühte auf, lebte immer lebendiger und wurde einer der besten der Welt.“

Roswitha Schieb

Dieser Text erschien im Magazin Kulturkorrespondenz Östliches Europa (KK1410).


Zur Autorin:

Hält auch Vorträge zur „Schlesischen Funkstunde”: Roswitha Schieb
Foto: K. Kandzia

Roswitha Schieb veröffentlichte neben zahlreichen Essays und Büchern zum Thema Theater kulturhistorische Publikationen über Schlesien, darunter „Jeder zweite Berliner. Schlesische Spuren an der Spree” beim Deutschen Kulturforum östliches Europa (2012) und „Schlesien. Geschichte, Landschaft, Kultur “(Elsengold Verlag, 2020). In ihrem Buch „Reise nach Schlesien und Galizien. Eine Archäologie des Gefühls (Berlin Verlag, 2000) erkundet sie Landstriche ihrer aus Schlesien vertriebenen Eltern und des ehemals polnischen Galizien.  Auch die Anthologie „Zugezogen. Flucht und Vertreibung – Erinnerungen der zweiten Generation” (Verlag Ferdinand Schöningh, 2016) beschäftigt sie sich mit diesem Thema. Im Porträtband „Risse. Dreißig deutsche Lebensläufe” werden zahlreiche mit Schlesien verbundene Biografien lebendig, darunter die von Agnes Wabnitz, Clara Immerwahr, Fritz Haber, Anita Lasker-Wallfisch, Günther Anders, Herbert Hupka, Helga Schütz und Roger Loewig (Lukas Verlag, 2019). Ihre Erzählung „Der Hof” stellt das Schicksal einer aus Schlesien nach Westfalen vertriebenen Bäuerin ins Zentrum (Edition A. B. Fischer, 2020). 2021 wurde Roswitha Schieb mit dem Kulturpreis Schlesien des Landes Niedersachsen ausgezeichnet. Sie lebt in Borgsdorf bei Berlin.


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