Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, August 17, 2022

Der größte Backsteinbau Europas

Rund 60 Kilometer südöstlich von Danzig und 120 Kilometer nordwestlich von Allenstein liegt der größte Backsteinbau Europas – die Marienburg. Gemessen an der Gesamtfläche der Burganlage ist es sogar die größte Burganlage der Welt. Die Marienburg war einst Hauptsitz des Kreuzritterordens und wurde ausschließlich aus Ziegeln erbaut. Die Bauzeit des mächtigen Bauwerks betrug 30 Jahre. Die Marienburg gehört seit 1997 zum UNESCO Weltkulturerbe.

 

Die wechselhafte Geschichte der Marienburg begann vor 750 Jahren mit ihrer Gründung durch den Deutschen Orden. Nach ihrem Verfall bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts wurde sie von deutscher Seite wiederaufgebaut. Nach den Zerstörungen von 1945 wurde die Marienburg dann von polnischer Seite restauriert.
Heute ist sie dadurch ein Symbol des gemeinsamen deutsch-polnischen kulturellen Erbes und ein imposantes Monument. Sie ist eine der größten touristischen Attraktionen Polens

 

Der beste Startpunkt

„Da steht die Marienburg auf dem hohen Ufer der Nogat und spiegelt sich mit ihren hochrangigen Türmen, spitzen Giebeln, mächtigen Strebepfeilern und zackigen Zinnen im Abendscheine in den klaren Fluten des breiten, langsam hinziehenden Flusses“ heißt es im 1881 erschienenen Buch „Heinrich von Plauen“ von Ernst Wichert.
Das ist bis heute so und daher ist der beste Startpunkt einer Besichtigung der mittelalterlichen Ordensburg des Deutschen Ordens das andere, das westliche Ufer der Nogat. Von dort hat man das Bauwerk in seiner gesamten Pracht mit seinem Spiegelbild als Panorama vor Augen. Eine Mauerring hinter dem nächsten, Außenmauern, Vorburg, Mittelschloss und Hochschloss türmen sich übereinander und gipfeln im Hauptturm des Hochschlosses, dem zentralen und ältesten Teil der Marienburg.
Insgesamt hat das Gelände eine Fläche von 22 Hektar, das entspricht der Hälfte des heutigen Vatikanstaates.

 

Panoramaanicht von Westen über die Nogat.
Foto: Uwe Hahnkamp

 

Polen, Schweden, Preußen, Deutsches Reich …

Seit 1466 gehörten die Stadt Marienburg und die Marienburg selbst zu Königlich Preußen, also dem westlichen Teil Preußens, der mit der polnischen Krone verbunden war. Die Marienburg war lange Zeit repräsentativer Sitz und Nebenresidenz der polnischen Könige, wenn sie sich in Pommern aufhielten.
Es folgten unruhige Zeiten. Der Dreißigjährige Krieg und der Polnisch-Schwedische Krieg brachten jeweils eine mehrere Jahre dauernde Besetzung der Marienburg durch die Schweden.

 

Widerstand gegen Abrisspläne und Restauration

Mit der Ersten Polnischen Teilung 1772 fiel die Marienburg an das Königreich Preußen und wurde der neu geschaffenen Provinz Westpreußen angegliedert. Sie wurde unter anderem als Kaserne genutzt und sollte sogar abgerissen werden, um an ihrer Stelle und aus ihren Bestandteilen ein Magazin zu errichten. Es gab vehementen Widerstand von Architekten, Malern und Dichtern, sodass 1804 der preußische König Friedrich Wilhelm III. weitere Abrissarbeiten verbot. Stattdessen wurde im Jahr 1817 unter dem Oberpräsidenten von Westpreußen, Heinrich Theodor von Schön, mit der Restauration der Marienburg begonnen.

Diese Arbeiten liefen im Grunde weiter bis ins Jahr 1939, bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs. Im deutschen Kaiserreich unter der Regierung von Kaiser Wilhelm II. war die Marienburg eine Pfalz des Kaisers und spielte eine wichtige Rolle für die nationale Identität. Die positive Folge davon war, dass sie zwischen 1896 und 1918 nachhaltig restauriert wurde. Mit dieser Restaurierung fest verbunden ist der Name Conrad Steinbrecht, der sich als Architekt, preußischer Baubeamter und Denkmalpfleger um den Erhalt der Burgen des Deutschen Ordens verdient gemacht hat. Der „Wiederhersteller der Marienburg“, wie auf der Gedenktafel für ihn im Mittelschloss der Burg zu lesen ist, hatte eine Rekonstruktion in ihrer ursprünglichen Form im Auge; sein Grundprinzip lautete „Kein Schritt in einem anderen Sinne als dem historischen“. 1896 wurde schließlich das Hochschloss restauriert, 1906 die Großkomturei, 1917 der Große Remter und bis 1918 der Dansker (= eine mittelalterliche Toilettenanlage) und die Außenanlagen. Eine eindrucksvolle Bilanz.

Außerdem ergänzte Steinbrecht das Mobiliar und Inventar unter anderem mit dem Ankauf von Waffensammlungen. Die Waffen, die sich im Laufe der Jahre angesammelt haben, werden Besuchern der Marienburg heute in einer Ausstellung ebenso gezeigt wie eine wesentliche Grundlage der wirtschaftlichen Macht des Deutschen Ordens – der Bernstein. Unter den Privilegien, die sich der Orden in seiner Blütezeit sichern konnte, war nämlich auch das Monopol auf Bernstein. Seine Bearbeitung und viele aus ihm gefertigte Schmuckstücke und Kunstwerke werden im Mittelschloss der Marienburg präsentiert.

 

 

…und zurück an Polen

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Deutsche Orden und damit die Marienburg ähnlich wie das Tannenberg-Denkmal ideologisch ausgeschlachtet. Es war sogar der Neubau einer NS-Ordensburg angedacht, die nordöstlich der mittelalterlichen Anlage errichtet werden sollte. Dazu kam es aber nicht mehr. Stattdessen diente die Marienburg der Wehrmacht als Festung, als gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die sowjetische Armee versuchte, die Marienburg einzunehmen. Nach längerer Belagerung griffen die Sowjets schließlich zu schwerer Artillerie, wodurch die Burg zu 60 Prozent zerstört wurde.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fiel die Marienburg an Polen. Kurz danach begannen die Restaurierungsarbeiten, zuerst überwiegend Aufräumungs- und Sicherungsarbeiten unter der Aufsicht des Militärs, ab 1951 dann unter dem Dach der Polnischen Gesellschaft für Tourismus und Landeskunde PTTK. Auf Initiative eines örtlichen Komitees für den Schutz und die Aufrechterhaltung der Burg wurde 1961 das Schlossmuseum gegründet. Seither wurden die Sammlungen Schritt für Schritt erweitert und die Marienburg unter fachlicher Begleitung Stück für Stück rekonstruiert. Mit der Weihung der Marienstatue vor vier Jahren ist die Wiederherstellung weitestgehend abgeschlossen.

Ein wichtiger Erfolg des Erhalts des Bauwerks über die Jahrhunderte hinweg ist, dass die Marienburg seit dem 7. Dezember 1997 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehört. Vor allem aber besuchen sie jedes Jahr Hunderttausende Touristen, darunter als größte ausländische Gruppe sehr viele Deutsche.
Im Jahr 2019 wurde erstmalig die Zahl von 800.000 Besuchern überschritten.

 

Uwe Hahnkamp

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