Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, February 1, 2023

Die Gedanken sind frei

Schwieriges Jahr 2023

Mitte Januar ist die Zeit, in der wir uns in Schlesien auf das jährliche Gedenken an die Oberschlesische Tragödie vorbereiten. Seit vielen Jahren setze ich mich in Texten, Reden und Vorträgen dafür ein, dass diese Tragödie von niemandem vereinnahmt wird. Deshalb freue ich mich, dass auf dem Plakat des DFK Guttentag der oberschlesische Aspekt dem Titel „Die Tragödie der Deutschen im Osten“ folgt.

Zur Jahreswende 1944/45 brach überall dort, wo die Rote Armee die ehemalige deutsch-polnische Grenze überschritt, für die Zivilbevölkerung die Hölle aus. Nemmersdorf in Ostpreußen, Miechowitz oder Boguschütz in Schlesien sind Synonyme für Grausamkeit und Vergewaltigungen durch Frontsoldaten. Lamsdorf, Schwientochlowitz oder Potulitz sind Lager für Deutsche und jene, die als solche gelten.

Vor mir liegen drei dicke Bände von Dariusz Węgrzyns „Buch der Verhafteten, Internierten und Deportierten aus Oberschlesien in die UdSSR im Jahr 1945(Original: „Księga aresztowanych, Internowanych i deportowanych z Górnego Śląska do ZSRR w 1945 roku”). Für Ermland, Masuren und Pommern ist jedoch kein solches Buch veröffentlicht worden. Vor mir liegt auch die Publikation „Kriegsopfer und gefallene Soldaten in Zabrze 1945(Original: „Ofiary działań wojennych i polegli żołnierze w Zabrzu w 1945 roku”) von Pfarrer Piotr Górecki. Sie umfasst über 400 Seiten, die meisten davon sind Listen dieser Opfer und Soldaten – auch der sowjetischen. Die meisten Städte und Gemeinden verfügen jedoch nicht über solche Publikationen.

Vor einigen Jahren errichtete der DFK in Guttentag ein Denkmal an einem Massengrab, in dem mehrere Dutzend ermordete Einwohner der Stadt und der Umgebung, gefallene deutsche Soldaten und zufällig von sowjetischen Soldaten wegen Plünderung hingerichtete Polen, begraben wurden. Ihre Anzahl, manchmal auch ihre Identitäten, wurden vom damaligen Ortspfarrer registriert. Aber es gibt ja noch viele namenlose Opfer, die unter der Erde liegen. Dies zeigt das Ausmaß des Leids, des Todes und des Schmerzes, mit dem wir es zu tun haben. Und doch sind diese Jahre, obwohl sie grausam sind und lieber verdrängt werden, nur der Schlussakkord eines schrecklichen Krieges mit Millionen von Toten und Ermordeten.

Soldatenfriedhöfe kennzeichnen unseren Kontinent. Wir erklären, dass die Gedenkfeiern nicht nur dem Gedenken der Opfer dienen, sondern auch eine Warnung für die Zukunft darstellen sollen. Inzwischen ist es nicht mehr möglich, dieser Opfer zu gedenken, ohne über die Ostgrenze hinauszuschauen. In der Ukraine findet ein weiterer Krieg statt, der beweist, dass eine blutige Geschichte kein ausreichendes Argument gegen Gewalt ist, und wieder einmal stehen die Menschen dort ihr hilflos gegenüber. Wie viele von ihnen denken mit den Worten von Elie Wiesel: „Gott war der Angeklagte. Meine Augen waren sehend geworden, und ich war allein, furchtbar allein auf der Welt, ohne Gott, ohne Menschen. Ohne Liebe und ohne Mitleid.Eine traurige Erkenntnis vor dem Gedenken an die Oberschlesische Tragödie.

Bernard Gaida

Titelfoto: Denkmal auf dem Massengrab deutscher Soldaten von 1939 und den im Jahre 1945 ermordeten deutschen und polnischen Soldaten sowie Zivilopfern (Foto: DFK Guttentag)

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