Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Die Gedanken sind frei

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Reisen bildet

Letzte Woche besuchte ich Straßburg, Flensburg und Schleswig sowie Warschau in Sachen nationale Minderheiten. Im Europarat trafen wir innerhalb weniger Stunden mit Vertretern aus mehreren Ländern zusammen, die sich nicht nur in ihrer Herangehensweise an das Thema selbst, sondern auch in ihrem Wissensstand und ihrer Empathie stark unterschieden.

Und das vor dem Hintergrund des Elsass, das mit seiner mäandernden Geschichte der letzten 100 Jahre eher an Oberschlesien erinnert. Frankreichs Minderheitenpolitik gilt als eine der schlechtesten in der EU, doch wenn man durch Straßburg geht, bekommt man einen anderen Eindruck. Die Ansammlung von so viel deutscher Fachwerkarchitektur ist bemerkenswert und wird akribisch gepflegt, Straßen und Bushaltestellen tragen auch deutsche Namen und das 1904 zum 150. Geburtstag Goethes errichtete Denkmal hat noch nie jemand zerstört. Im Elsass wurden keine deutschen Ortsnamen in französische umbenannt. Trotz der Probleme, die Bretonen oder Elsässer bei der Bewahrung ihrer Sprachen haben, und trotz des rechtlichen Status nationaler Minderheiten ist das Umfeld für die Bewahrung der regionalen Identität günstig.

Eine Reise in die deutsch-dänische Grenzregion bedeutet eine völlige Veränderung der Standards. Die Minderheitenpolitik wird bewusst betrieben und durch enorme Ausgaben aus den Haushalten Deutschlands und Dänemarks und dazu des Landes Schleswig-Holstein unterstützt, was ein umfangreiches Schulangebot in deutscher Sprache in Dänemark und in dänischer Sprache in Deutschland zur Folge hat. Ein in beiden Ländern anerkanntes Abitur ist Standard und das dänische Gymnasium im deutschen Schleswig war zum Zeitpunkt seiner Errichtung das modernste Schulgebäude Deutschlands. Zur Eröffnung der Europeada 2024, der Fußballeuropameisterschaft für nationale und ethnische Minderheiten, sprachen Daniel Günther, Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein, die dänische Wirtschaftsministerin Stephanie Lose und aus Berlin der Vizekanzler Robert Habeck. Dies zeigt den Umgang mit Minderheiten in einer europäischen Perspektive. Auch die friesische, die Roma- und die niederdeutsche Sprache und Kultur werden in diesem Gebiet geschützt.

Im Elsass wurden keine deutschen Ortsnamen in französische umbenannt.

Eine Reise nach Warschau zu einer Sitzung der Gemeinsamen Kommission der Regierung und der nationalen und ethnischen Minderheiten ist eine Reise in eine andere Dimension der Minderheitensituation. Erst seit 2005 sind hier und dort mühsam die historischen Ortsnamen auf die Ortsschilder zurückgekehrt, aber es gibt keine zweisprachigen Straßennamen und die vom Staat abgerissenen Eichendorff-Denkmäler in Neiße und Ratibor sind dort nur durch die Bemühungen sozialer Aktivisten wiederhergestellt worden. Seit 2009 versuchen wir, den verschiedenen Regierungen klarzumachen, dass die Umsetzung der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen erst dann erfolgt ist, wenn Schulen mit Deutsch, Ukrainisch oder Belarussisch als Unterrichtssprache eingerichtet werden. Ich fasse die Woche mit einer traurigen Feststellung über die Unterschiede zusammen, deren Quelle ich in den Unterschieden im praktischen Niveau der Demokratie und der Rechtskultur sehe.

 

Bernard Gaida

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