Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Einmal Westfalen – und zurück?

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Wir erleben gerade aus traurigem Anlass, wie Menschen ihre Heimat verlassen. Ausgelöst hat dies Wladimir Putin mit dem Angriff auf die Ukraine am 24. Februar. Am Abend desselben Tags stellte Artur Sobiela vom Museum der Moderne des Städtischen Kulturzentrums in Allenstein in einem Vortrag eine ganz andere Art Migranten einer anderen Zeit vor – berühmte ermländische Migranten.

„Schwerpunkt meines Vortrags war die Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg 1870-71 und dem folgenden wirtschaftlichen Aufschwung vor allem in Nordrhein-Westfalen“, erklärt Artur Sobiela. Das Ermland war landwirtschaftlich strukturiert, der Verdienst gering und die Kinderzahl hoch. Es war und ist bis heute – im Rahmen der Woiwodschaft Ermland-Masuren – strukturschwach; die Menschen wandern ab. Damals zogen die Menschen, ob nun deutsch, polnisch oder ermländisch, von einem Ende des Deutschen Reichs bis ganz ans andere Ende.

Feliks Nowowiejski. Foto: Wikipedia

In Deutschland lernen, polnisch zu sein
Für seinen Vortrag hatte sich Artur Sobiela einige polnische Aktivisten herausgesucht, die sich unter anderem für den Verband der Polen in Deutschland oder bei der Volksabstimmung 1920 engagiert haben. „Als sie wie MichałLengowski nach Westfalen oder wie Alojzy Śliwa nach Berlin gingen, waren sie noch jung“, so Artur Sobiela, „bewusst und aktiv für Polen wurden sie paradoxerweise dort.“ Alojzy Śliwas Arbeitgeber war polnischer Aktivist; MichałLengowski kam zu seinem Bruder nach Westfalen, wo die polnische Minderheit eine rege kulturelle Tätigkeit entfaltete. Der junge Mann erlebte, wie Organisationen auf die Beine gestellt werden, wie man sich engagieren konnte – und er lernte richtig Polnisch.

„Das ist ein weiteres Kuriosum: in Ermland wurde, vor allem auf dem Land, der hiesige Dialekt gesprochen. Die korrekte Sprache erwarben sie in der Fremde“, bemerkt Artur Sobiela, „das gilt auch für den Komponisten Feliks Nowowiejski aus Wartenburg.“ Er migrierte nicht aus wirtschaftlichen Gründen, sondern zur Vervollkommnung seines Könnens. Zurückgekehrt ins Ermland ist er allerdings nicht mehr; nach seiner Berliner Zeit wirkte er in Krakau und Posen.

Artur Sobiela vor einem früheren Stadtplan von Allenstein
Foto: Uwe Hahnkamp

Auf Konfrontation oder Assimilation
Die meisten Menschen jedoch kamen aus wirtschaftlichen Gründen und wegen der Lebensqualität. Von der Hütte im Ermland zur Wohnung mit fließend Wasser in Westfalen, genug Arbeit, genug Geld zur Versorgung der Kinder, soziale Absicherung – das zog die Ermländer an. Dazu kam die Anerkennung durch die Deutschen als zuverlässige Arbeiter und Mieter, in den Schulen, bei der Arbeit, im Heer lebte man gemischt, es entstanden Freundschaften und gemischte Ehen. „Die Germanisierung im harten Stil, wie sie teilweise in Ermland praktiziert wurde, gab es dort nicht“, merkt Artur Sobiela an, „die soft power der Zivilisation und die Integration halfen allen – und damit auch der Wirtschaft. Mit dem harten Kurs schuf man sich nur Feinde.“

 

Michał Lengowski
Foto: Archiwum Pańswtowe w Olsztynie. Zespół 1141 – KW PZPR w Olsztynie

Michał Lengowski wagte 1908 den Schritt zurück ins karge Ermland, gründete 1920 den Verband der Polen in Ostpreußen mit und engagierte sich bei der Volksabstimmung. Der Volksdichter und Sammler von Volksliedern kandidierte danach auch für den Reichstag und den preußischen Landtag. Er starb erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1967 in Allenstein. Seine Erinnerungen „In Ermland und Westfalen“ erschienen posthum 1972. Ein Zeugnis einer wechselhaften Zeit.

Uwe Hahnkamp

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