Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Friday, December 9, 2022

„In meinem Herzen schlagen mehrere Heimaten“

Mit Thomas Konhäuser, dem Wissenschaftlichen Leiter und Geschäftsführer der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen mit Sitz in Bonn und Berlin, sprach Manuela Leibig.

Herr Konhäuser, womit beschäftigt sich die Kulturstiftung?
Die Kulturstiftung wurde 1974 in Stuttgart gegründet – mit einer Geschäftsstelle in Bonn, weil damals der Deutsche Bundestag in Bonn war. Von Anbeginn legte die Stiftung einen Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Erforschung des deutschen kulturellen Erbes im Osten Europas, und zwar sowohl in den Bereichen Kunstgeschichte, Literaturgeschichte, Geschichte und Zeitgeschichte als auch im Staats- und Völkerrecht. Es gibt zudem eine eigene Studiengruppe, angesiedelt an der Universität Marburg unter der Obhut von Professor Gilbert Gornig, bei der die Kulturstiftung die Geschäftsführung innehat. Und gerade im Zuge der deutschen Wiedervereinigung, nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“, hat die Kulturstiftung im Bereich des Völkerrechts viele wissenschaftliche Fachtagungen zu Minderheitenschutzrechten veranstaltet, und wenn man so will, sogar für das Rahmenübereinkommen des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten Grundlagenforschung betrieben.

Sie organisieren auch Konferenzen.
Unsere Konferenzen finden deutschlandweit statt. Darüber hinaus organisieren wir auch wissenschaftliche Fachtagungen im Ausland. So hatten wir zum Beispiel vom 18. bis zum 20. August in Klaipėda in Litauen eine Tagung zu baltischen Kultur- und Literaturhistorikern, die seit dem 17. Jahrhundert in den baltischen Staaten (in den heutigen Grenzen) gewirkt oder über die dortigen Literaturen geforscht haben und heute als Mittler zwischen Ost und West gelten. Ebenso gab es eine Fachtagung in Danzig. Einige Konferenzen finden auch online statt.

Was ist das schönste Thema, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Ich denke, es gibt nur schöne Erinnerungen, insbesondere durch unsere wissenschaftliche Tätigkeit, die auch fächerübergreifend Wissenschaftler aus Deutschland und aus den Gebieten der deutschen Minderheit in Europa zusammenführt, um gemeinsam zu forschen.

Gibt die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen auch Publikationen heraus?
Zu all unseren wissenschaftlichen Fachtagungen geben wir im Nachgang Tagungsbände heraus, in denen in ausführlicher Form die wissenschaftlichen Beiträge unserer Fachkonferenzen niedergeschrieben sind. Diese Publikation werden in wissenschaftlichen Fachverlagen veröffentlicht.

Jetzt eine private Frage: Haben Sie auch Wurzeln in den ehemaligen deutschen Ostgebieten?
Ich habe sudetendeutsche Wurzeln. Mein Vater ist in Asch geboren und im Zuge der Vertreibung nach Bamberg gezogen, wo ich auch geboren bin. Aufgewachsen bin ich in Bayreuth.

Ich war dann elf Jahre lang Büroleiter von Herrn Staatssekretär a. D. Hartmut Koschyk im Deutschen Bundestag, der ja vor seiner Tätigkeit im Bundestag Generalsekretär des Bundes der Vertriebenen war und dann Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten wurde, sodass mich auch die Themen Heimatvertriebene und Heimatverbliebene in meiner vorherigen Tätigkeit begleitet haben.

Thomas Konhäuser
Foto: Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Das heißt, die deutschen Minderheiten sind Ihnen nicht fremd.
Die kenne ich sehr gut, ich habe alle Pressemitteilungen der Auslandsreisen von Herrn Koschyk verfasst. Zudem hatte ich die Möglichkeit, durch intensiven E-Mailkontakt und bei den Besuchen im Bundestagsbüro viele Vertreter der deutschen Minderheiten kennenzulernen.

Was ist Ihre Heimat?
Ich würde es so sagen: In meinem Herzen schlagen mehrere Heimaten. Ich bin in Oberfranken groß geworden, insofern ist das eine Heimat für mich. Aber auf der anderen Seite denke ich kosmopolitisch, also bin ich zugleich Oberfranke, Deutscher und auch überzeugter Europäer mit familiären Wurzeln im Sudetenland.

Was ist Ihnen bei der Arbeit der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen am wichtigsten?
Ein ganz besonderes Anliegen ist für mich, die Kulturstiftung zu vernetzen: insbesondere Wissenschaftler und explizit junge Wissenschaftler zu vernetzen. Wir haben als Kulturstiftung ein Nachwuchsnetzwerk Junge Wissenschaft gegründet, mit dem Namen Nachwuchsnetzwerk Junge Wissenschaft West-Ost (JUWOST). Dieses richtet sich an Doktoranden, Postdoktoranden und Studenten höheren Semesters, die sich im Rahmen ihres Studiums mit dem deutschen kulturellen Erbe beschäftigen. Und dieses Netzwerk steht nicht nur jungen deutschen Nachwuchswissenschaftlern zur Verfügung, sondern auch jungen Wissenschaftlern aus den Ländern Ost-, Ostmittel- und Südosteuropas. Und wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn dieses Netzwerk junger Wissenschaftler wächst und gedeiht. Aber auch generell macht mir die Vernetzung junger Menschen sehr viel Freude. Wir als Kulturstiftung haben ein Nachwuchsnetzwerk gegründet, in dem wir versuchen, die Jugendorganisationen der Landsmannschaften miteinander zu verbinden und den Austausch mit den Jugendorganisationen der deutschen Minderheit herzustellen.

Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen hat derzeit den Fotowettbewerb „Junge Spätaussiedler und junge Heimatvertriebene und Heimatverbliebene als Brückenbauer in Deutschland und Europa“ ausgeschrieben. Worum geht es da und wer kann mitmachen?
Den Wettbewerb organisieren wir mit unseren Partnern der Deutschen Gesellschaft e. V., Junges Netzwerk Zukunft und der AGDM. Gefördert wird der Wettbewerb vom Bundesministerium des Innern und für Heimat. Gerichtet ist er nicht nur an Jugendliche, die in Deutschland und in der deutschen Minderheit in Verbänden organisiert sind. Die Idee ist, dass die Jugendlichen Brückenbauer sind, im Geiste eines vereinten Europas, in dem man sich zu seinen familiären Wurzeln bekennen und sich frei im Geiste der Völkerverständigung austauschen kann. Es geht um Szenen z. B. von Traditionen, die gepflegt werden, Gegenstände oder Personen, die die Gegenwart oder Kultur und Geschichte der Vorfahren am besten abbilden. Auf unserer Internetseite kulturstiftung.org gibt es Ideen für den Beitrag, jeder Teilnehmer kann ein bis fünf Fotos zuschicken. Der Einsendeschluss ist der 3. Oktober, auf die Gewinner wartet ein attraktives Preisgeld. Im November möchten wir dann die Preisverleihung in Berlin organisieren.

Sie sagten, Ihnen liegt viel an der Vernetzung von Jugendlichen. Was ist das aktuelle Angebot?
Im September planen wir eine Studienfahrt von jungen Mitgliedern der Landsmannschaften nach Oberschlesien. Und da möchte ich alle interessierten Jugendlichen aus Schlesien herzlich einladen, dazuzustoßen, um eben Kontakte zwischen jungen Deutschen und jungen Vertretern aus den Reihen der deutschen Minderheit wie auch der polnischen Mehrheitsbevölkerung zu knüpfen und die deutsche Sprache zu pflegen. Wir planen dazu weitere Ausflüge, zum Beispiel nach Krakau, auch da kann man mitmachen. Einzelheiten zur Teilnahme findet man bei uns in der Kulturstiftung und beim Bund der Jugend der Deutschen Minderheit, der uns als Ansprechpartner für diese Vernetzung passend erscheint.

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