Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, December 3, 2022

Nach dem Unerreichbaren streben

Bevor sie als erste Frau überhaupt den Doktortitel an der Universität Greifswald erwarb, war die 1873 in Liegnitz geborene Gertrud Roegner viele Jahr Lehrerin. Erst mit 28 Jahren beschloss sie, Ärztin zu werden.

Gertrud Roegner (geborene Grawitz) stammte aus keiner reichen Familie. Und obwohl ich Vater Paul Pathologe war, schien für sie eine Karriere in Medizin eher unerreichbar. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern weil vor über 100 Jahren Ärztinnen immer noch Seltenheit waren. Schon mit 18 Jahren arbeitete Getrud also als Turn- und Handarbeitslehrerin. Erst mit 23 Jahren konnte sie ihr Abitur am Gymnasium in Jauer ablegen. Mit 28 Jahren begann sie ihr Medizinstudium zuerst in Halle, dann in Göttingen, Breslau und schließlich Greifswald, wo sie 1905 ihren Staatsexamen abgelegt hat. Ein paar Monate später war auch schon ihre Doktorarbeit fertig, für die sie die herausragende Note „magna cum laude“ erhielt. 1906 wurde diese Note in Greifswald nur ein einziges Mal vergeben.

Graphik: Krzysztof Stręcioch

Übrigens schon drei Tage vor der Ausstellung ihrer Promotionsurkunde hatte Getrud Roegner eine feste Einstellung. Sie war als Assistenzärztin in Lublinitz in Oberschlesien an der dortigen Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt beschäftigt worden. Danach arbeitete sie noch in anderen psychiatrischen Anstalten, bis sie nach Bad Landeck zog, wo sie neun Jahre lang eine eigene Praxis betrieb und als Badeärztin tätig war. Während des Ersten Weltkriegs arbeitete sie im Verwundeten- und Seuchenlazarett. Dort erkrankte sie allerdings schwer und musste ihre Praxis in Bad Landeck aufgeben. Es hat sie aber nicht in ihrer weiteren Tätigkeit als Ärztin gestoppt. Sie zog ins niederschlesische Schreiberhau, wo sie im Juni 1919 ein Sanatorium für „minderbemittelte Frauen gebildeter Stände“ und einen dazugehörigen Verein gegründet hat. Leider verschlechterte sich ihre Gesundheit weiterhin. Sie starb in Schreiberhau am 7. März 1923 im Alter von nur 49 Jahren.

Anna Durecka

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