Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Monday, August 8, 2022

Nirgendwo in Afrika

Stefanie Zweig verbindet drei Welten miteinander: Oberschlesien im heutigen Polen, Kenia in Afrika und Frankfurt am Main in Deutschland. Die jüdische Schriftstellerin hat ihre Kindheitserinnerungen eindrucksvoll in dem autobiographischen Roman „Nirgendwo in Afrika“ festgehalten.

Spätestens, als die Verfilmung von Stefanie Zweigs autobiographischem Roman „Nirgendwo in Afrika“ 2003 mit dem Oskar ausgezeichnet wird, gehört die jüdische Schriftstellerin in Deutschland zu den größten ihrer Zeit. In Polen aber ist sie weitaus weniger bekannt, und das, obwohl die Region Oberschlesien, die heute in Polen liegt, im Roman eine tragende Rolle spielt. Lucjan Buchalik, Direktor des Stadtmuseums Sohrau, kennt das Buch und den Film gut und ist begeistert.

Es lief ein Film über Afrika und dort war die Rede von Sohrau

„Mein Bruder erzählte mir, da lief ein Film über Afrika und dort war die Rede von Sohrau. Da dachte ich mir, was könnte das für ein Film sein? Dann habe ich das Buch ‚Nirgendwo in Afrika‘ entdeckt. Und schon der Anfang des Romans: Walther lebt in Kenia. Eine Kuh kalbt. Das erste Kalb nennt er Sohrau. Dann steckt er sich mit Malaria an. Und er sieht die Sohrauer Wälder im Herbst.“

Die Eltern haderten mit dem neuen Leben in Kenia.

Einen großen Einfluss auf Stefanies Leben hatte wie kaum ein anderer Walther Zweig, der Vater. Er stammt aus dem oberschlesischen Sohrau. Walthers Erinnerungen an die fröhliche Kindheit in der oberschlesischen Heimat werden prägend für die spätere schriftstellerische Arbeit der Tochter.

Im Jahr 2013, ein halbes Jahr vor ihrem Tod, empfängt Stefanie Zweig in ihrer Wohnung in Frankfurt am Main Besuch aus der Heimat des Vaters. Für den Direktor des Sohrauer Stadtmuseums ein großes Ereignis.

„Die Frage, die uns am meisten beschäftigt hatte: Warum sprechen Sie immer wieder über Sohrau? Und sie sagte: Na weil mein Vater immer wieder davon erzählte. Auf der Farm in Kenia, wo sie wohnte, gab es kein Radio und kein Fernsehen. An den Abenden saßen sie also zusammen, die Kerosinlampe auf dem Schoß, und der Vater erzählte von seiner Kindheit in Sohrau.“

Gute Jahre in Oberschlesien

Stefanie Zweig kommt 1932 in Leobschütz zur Welt, dem damals deutschen Oberschlesien. Ihr Geburtshaus steht bis heute, ebenso das Zuhause, das die Familie kurz vor ihrer Flucht bewohnte. Vor Stefanies Geburt siedeln die Eltern von dem unweit entfernten Sohrau nach Leobschütz über. Für Juden war das kleine Städtchen unweit der polnischen Grenze ein guter Ort zum Leben, sagt die Direktorin des Leobschützer Museums, Barbara Piechaczek.

Stefanie Zweigs Geburtshaus in Leobschütz steht bis heute.

„Es ist eine besondere Region, ein Begegnungsort vieler Kulturen. Nach dem Vorfrieden von Breslau vom 11. Juni 1742 ging Leobschütz an Preußen. Kulturell war die Stadt aber eher mit dem im Süden gelegenen ganz kleinen Fleckchen des österreichischen Schlesiens verbunden. Diese kulturelle Vielfalt hat dazu beigetragen, dass sich Juden hier im 19. Jahrhundert sehr schnell integriert haben. In dieses Milieu kam das junge Ehepaar Zweig, sie waren deutsche Juden.“

Vater Walther bekommt hier die Möglichkeit, eine Anwaltskanzlei zu übernehmen. Die Familie führt ein glückliches Leben.

Das endet jäh, als ein Jahr später, 1933, Hitler an die Macht kommt. Schon bald erhält Walther Zweig, wie viele andere Juden auch, Berufsverbot. Das führt dazu, dass es der Familie schon bald am Nötigsten fehlt. Walther Zweig beschließt, mit Frau und Kind das Land zu verlassen. Damit gehören sie zu den insgesamt etwa 130.000 Juden, die zwischen 1933 und 1937 aus dem nationalsozialistischen Deutschland flüchten.

Die Familie flüchtet nach Afrika

„Sie fuhren ins Ungewisse, so wie viele Emigranten vor dem Krieg, heute haben wir eine ähnliche Situation. Sie haben versucht, sich selbst und ihre Tochter Stefanie zu retten. Dann kam in Afrika noch ihr jüngerer Bruder zur Welt. Und schließlich hat sich herausgestellt, dass diejenigen, die ausreisten, ihr Leben gerettet haben“, sagt Barbara Piechaczek.

Walther Zweig tritt die Reise ins Exil zunächst allein an. Schweren Herzens lässt er Frau und Kind zurück, er will sie später nachzuholen. Mit Zug und Schiff erreicht er im Januar 1938 Kenias Hauptstadt Nairobi. Mit Hilfe der jüdischen Gemeinde in Nairobi, die Flüchtlinge aus Deutschland unterstützt, bekommt Walther schnell eine Arbeit auf einer Farm. Die jüdische Gemeinde hilft auch finanziell bei der Flucht von Frau Lotte und der fünfjährigen Stefanie. Ein neues Leben beginnt jetzt, und es stellt die Eltern vor eine Zerreißprobe. Der Vater kann nicht mehr als Jurist tätig sein und bleibt damit weit hinter seinen Qualifikationen zurück. Und auch die Mutter, die aus Breslau stammt, kann sich an das Leben auf der Farm nur schwerlich gewöhnen. Stefanie aber ist fasziniert vom Leben in Kenia, „Unser zweites Leben ist so schön”, sagt sie. Schnell lernt sie die Landessprache Swaheli und findet Freunde. Ein besonders enges Band knüpft sie zu dem Koch der Familie, sein Name ist Owuor. Dank ihm reift in Stefanie eine große Liebe zu Afrika, seinen Menschen und der Natur, die sie ihr Leben lang begleiten wird.

Stefanie fiel der Abschied aus Afrika schwer

„Man spürte Afrika noch ein bisschen. Sie hatte noch einige Gegenstände von dort. Man konnte sehen, dass die Zeit lange nachwirkte“, erinnert sich Lucjan Buchalik an den Besuch in Frankfurt. „Ein Deutschübersetzter hat uns begleitet. Es stellte sich aber heraus, sie hätte wohl lieber Englisch gesprochen. Wie kommt das? wollte ich wissen. Sie sagte, sie habe als Kind eine englischsprachige Schule besucht. Das hat sie natürlich beeinflusst.“

Rückkehr nach Deutschland

Nach dem Krieg entscheiden sich die Zweigs, Afrika zu verlassen. Sie kommen in ein neu geordnetes Europa zurück, 1947 erreichen sie Frankfurt am Main. Stefanie fällt der Abschied von Afrika, das sie so sehr ins Herz geschlossen hat, schwer. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt und muss wieder von vorn anfangen. Auch ihre Muttersprache Deutsch muss sie neu lernen, weiß die Kulturwissenschaftlerin Katarzyna Opielka.

„Sie hat selbst gesagt, Heimat ist für sie ein fremdes Wort. Ich habe das Gefühl, dass sie einen ganz besonderen Zugang zur Sprache gefunden hat. Das war vielleicht ihr Zuhause.“

Der autobiografische Roman über ihr Leben in Afrika erscheint 1995 und wird schnell ein weltweiter Erfolg. Im Rahmen der Dreharbeiten zu dem Film hat Stefanie Zweig Afrika noch ein letztes Mal wiedergesehen. Oberschlesien hat sie nicht mehr besucht.

Marie Baumgarten

Einen Beitrag über Stefanie Zweig gab es auch im April im Schlesien Journal:

 

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