Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Sunday, August 14, 2022

Der Lästige

Der einstige Chef aller Deutschen in Polen, Dietmar Brehmer, wurde 2014 wieder in den Schoß des Dachverbandes aufgenommen. Doch so richtig glücklich scheint die „Zentrale“ in Oppeln darüber nicht zu sein. Ein Psychogramm des Unverständnisses zwischen beiden Teilen Oberschlesiens.

Till Scholtz-Knobloch

 

„Zusammenkommen ist der Anfang, zusammenarbeiten ist der Erfolg“ (Henry Ford) und „Keine Religion ist höher als die Wahrheit“, steht an der Tür zu seinem Dienstzimmer bei der „Arbeitsgemeinschaft Versöhnung und Zukunft“ in der Kattowitzer Innenstadt. Das ist vielleicht überraschend für einen Mann, der einst zum engsten Mitarbeiterstab von Kardinal Stefan Wyszyński gehörte und seit der Nachwendezeit mit einer umfassenden karitativen Arbeit so gar nicht frömmelnd über das Christentum spricht. Auf dem Weg zu einer wahlstrategischen Sitzung mit Jerzy Gorzelik von der Autonomiebewegung und Martin Lippa vom DFK in der Woiwodschaft Schlesien macht er einen Schlenker vorbei am Haupteingang seines Verbandes. Punkt 16 Uhr. Mehrere Dutzend Obdachlose warten auf eine warme Mahlzeit. Er begrüßt sie alle per Handschlag und weist doch einen ab. „Ich muss doch prüfen, wer alkoholisiert Einlass sucht. Wir haben konkrete Regeln“, erklärt er.

 

Das Präsidium des Zentralrates der Deutschen Verbände in Polen gab im Sommer 1991 in Würzburg das erste Interview für das ZDF. Zweiter von links Friedrich Schikora, rechts davon: Henryk Kroll, Dietmar Brehmer und Georg Brylka.
Das Präsidium des Zentralrates der Deutschen Verbände in Polen gab im Sommer 1991 in Würzburg das erste Interview für das ZDF. Zweiter von links Friedrich Schikora, rechts davon: Henryk Kroll, Dietmar Brehmer und Georg Brylka. Bildquelle: Archiv Versöhnung und Zukunft

Erst Rekorderjäger, dann Bittsteller

Das ist die Arbeit, die ihn täglich aufreibt. Christliches Vorbild ablegen und dies zugleich als Verband mit über 12.000 Mitgliedern der deutschen Volksgruppe. Er waren vor Gründung des VdG quasi der Präsident der deutschen Minderheit Polens. Bei der Senatswahl 1991 holte er 129.774 Stimmen, ein Spitzenergebnis, das bis heute kein Oppelner Deutscher erreicht hat. Ob es ihn schmerz, dass er letztes Jahr als Bittsteller um Aufnahme in den VdG bitten mussten?
Zusammen mit Henryk Kroll, Friedrich Schikora, Georg Brylka und Karl Nossol bildete er 1991 den Zentralrat der Deutschen in Polen und war ihr Generalsekretär. Brehmer sagt: „Wir hatten sehr gute Gespräche mit Außenminister Genscher. Ich war jung, unabhängig und euphorisch. Die erste unabhängige Regierung Polens hatte Forderungen von uns akzeptiert, um die heute wieder gestritten wird. Und während der Gespräche erfahre ich dann auf einmal von Hartmut Koschyk, damals vom Bund der Vertriebenen, dass ich ‚raus’ sei. Keine Wahl, kein offenes Wort mit den Zentralratskollegen. Ich denke, die Vertriebenen wollten damals jemanden, der nicht unabhängig ist und ihre Arbeit erledigt. Einige Tage später kam Georg Brylka zu mir ins Büro und bat mich, ihm den Stempel auszuhändigen. Das war auch schon die gesamte Geschichte des Zentralrats. Damit hadere ich nicht, eher dass man dann an einer umgekehrten Legendenbildung vom Buhmann Brehmer gestrickt hat. Was ich aber heute nicht begreife: Ich komme nun als gewöhnlicher Vertreter eines Mitgliedsverbandes zur VdG-Verbandsratssitzung, erhoffe mir etwas Geld für Kulturprojekte, während in Oppeln alle Institutionen finanziell versorgt werden, und muss mir dann den erniedrigenden Satz von Norbert Rasch anhören, ohne dass ich überhaupt etwas erläutern konnte: ,Herr Brehmer, ihre Suppenküche finanzieren wir aber nicht’“.

 

Aktueller Aufreger

Vermutlich kommt Brehmers moralisierendes Wesen nicht bei jedem an. Im ländlichen Oberschlesien findet er kaum Verständnis. „Dabei ist doch Kattowitz das Zentrum der deutschen Kultur Oberschlesiens gewesen. Wir haben stets anspruchsvolle Kulturprojekte durchgeführt“, betont er. Beim Besuch des Radiosenders erfahrt man beiläufig, dass jede Sendung der deutschen Redaktion unterfinanziert ist. Dennoch läuft die Sendung beständig, da die Redakteure für jede eigene Ausgabe auch noch einen dreistelligen Betrag selbst zahlen. Doch es gibt einen ganz aktuellen Anlass, der Brehmer wirklich aufregt. „Ich habe mich auf der VdG-Sitzung am Annaberg auch gemeldet, weil über ein Institut der deutschen Minderheit gesprochen wurde. Als Versöhnung und Zukunft haben wir ein beeindruckendes Archiv. Suchende werden vom Kattowitzer Staatsarchiv sogar an uns verwiesen, weil wir 21 Meter laufende Karteikarten aus den Straflagern für Deutsche in Polen verwalten oder zahlreiche Memoiren zur Tragödie 1945. Anstatt das wahrzunehmen, schmunzelte Rafał Bartek. Meine Wortmeldung sollte nicht ins Protokoll und noch heute warte ich auf einen Anruf von ihm. Ist denn in Oppeln schon alles beschlossen und das Gremium, das ein Institut vorbereiten soll, ein reines Alibi? Diesen Eindruck habe ich, wenn meine Wortmeldung nicht mal interessiert. Aber außer mir hatte am Annaberg ohnehin nur noch Horst Ulbrich vom DFK Glatz Lust auf Diskussionen.“

 

Kaum versöhnbar

Brehmer berichtet von dem Niederländer Erik van Calsteren, der nach der Wende von einer deutschsprachigen Radiosendung aus Kattowitz erfuhr und daraufhin mit dem Verband Kontakt suchte. Van Calsterens Ergebnisse gehören heute zum Archiv von „Versöhnung und Zukunft“. Die Eltern betrieben ein Kolonialwarengeschäft in Gleiwitz. Als 14-Jähriger kam Erik in die sogenannte „HJ-Baracke“ des Lagers Zgoda – genannt: „Baracke des Todes“. Eriks Glück war, dass der berüchtigte Lagerkommandant Salomon Morel oft zu einer Wahrsagerin ging – Eriks Tante. Er bekam einen Termin bei Morel, der ihm erklärte, er sei Deutscher weil er blonde Haare habe. Doch der Tante war es gelungen, Erik seinen niederländischen Pass zuzuspielen. Erik kam frei. Brehmer sagt entrüstet: „Ja, wollen die auf solche Unterlagen verzichten, vermutlich kennen sie das alles nicht. Ich hatte ja keine Gelegenheit etwas näher zu erklären.“
Versöhnung und Zukunft stärker in den VdG einzubinden hieße aber, Reste eines intellektuellen deutschen Bürgertums zu integrieren, die im Gesamtverband stets heimatlos waren. Die Mentalität teilt Oberschlesien bis heute – verstärkt durch zwei Woiwodschaften, deren eine ländlich und von einheimischer Bevölkerung geprägt ist, während das einst mächtige deutsche Bürgertum in der anderen zur Marginalie geworden ist. Bis heute scheinen sie nicht wirklich zusammenzupassen, unterschiedliche Herangehensweisen kaum versöhnbar. Gewonnen hat 1991 nicht nur Brylka und Kroll über Brehmer, nicht nur Oppeln über Kattowitz, nicht nur Land über Stadt. Den Konstruktionsfehler von 1991 zu beheben hieße heute wohl auch: „Zusammenkommen ist der Anfang, zusammenarbeiten ist der Erfolg“.

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