Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, December 7, 2022

Ein Schiff im Meer des Vergessens

Die Evangelisch-Augsburgische Kirche in Warpuhnen (Warpuny) feiert in diesem Jahr ihr 140-jähriges Bestehen. Der Verein „Freunde Masurens“ aus Scharnebeck in Niedersachsen, der seit seiner Gründung im Jahr 2010 die frühere Gemeindekirche seines Vizevorsitzenden Pastor Fryderyk Tegler pflegt, hat dieses Jubiläum zum Anlass genommen, eine lange gehegte Idee wahrzumachen: Im August hat er in eben jener Kirche die Internationalen Musiktage organisiert.

„Die Kirchen in dieser Region sind für mich wie Schiffe im Meer des Vergessens; Deutsche können dorthin kommen, sich erinnern und sich wohlfühlen.“ Dieses Bild zeichnete der Sänger Bernd Krutzinna (Künstlername: BernStein), ein häufiger Gast bei ostpreußischen Festen, nach seinem Auftritt in der evangelischen Kirche in Warpuhnen mit Liedern aus Ostpreußen und dazu ergänzenden Erläuterungen. Weitere regionale Themen waren ein Vortrag des Historikers Dr. Ralf Meindl mit dem Titel „Die Geschichte von Ermland und Masuren am Beispiel von Olsztyn/Allenstein“ sowie im Inneren der Kirche eine Ausstellung mit historischen Fotos aus dem Warpuhner Kirchspiel.

Die Gemeinde lauscht dem Konzert in der evangelischen Kirche in Warpuhnen.
Foto: Uwe Hahnkamp

Gepflegt für die Reise durch die Zeit
Die evangelische Kirche in Warpuhnen ist dank des tatkräftigen Engagements der „Freunde Masurens“ bereit, weiter als „Schiff gegen das Vergessen“ der Zeit zu trotzen. Neue Chorfenster, erneuerte und ausgewechselte Türen sowie weitere Holzarbeiten, vor allem aber die Restaurierung der Orgel aus der Werkstatt der Orgelbauerfamilie Terlitz in Elbing (Elbląg), stehen auf der langen Liste dessen, was der Verein unter der Leitung seiner Vorsitzenden Kerstin Harms bisher erreicht hat. Das ist, am Rande bemerkt, lediglich ein Ausschnitt aus der Tätigkeit der Organisation, der mit der Kirche verbunden ist.

Orgelbaumeister Andrzej Kowalewski spricht über die Renovierung der Orgel.
Foto: Uwe Hahnkamp

Der „Mann, der die Orgel wieder zur Orgel gemacht hat“, wie Pastor Fryderyk Tegler ihn lobte, war nämlich Orgelbaumeister Andrzej Kowalewski aus Braunsberg (Braniewo). Dieser stellte in einem Vortrag den Weg des Instruments in der Warpuhner Kirche von seinem desolaten Zustand bis zum jetzigen Aussehen und Klang vor. Brandschäden, Schäden durch Löschwasser, tote Tiere in den Pfeifen, ganz abgesehen von fehlenden und beschädigten Teilen – es war in den Jahren eine Menge zu tun. Die Kosten für diese Unternehmung beliefen sich auf mehr als 30.000 Euro, die der Verein „Freunde Masurens“ aufbrachte.

Die restaurierte Orgel der Kirche in Warpuhnen
Foto: Uwe Hahnkamp

Von 99 und dem fehlenden Prozent
Dass sich dieser Aufwand gelohnt hat, zeigte sich vom ersten Konzert der Internationalen Musiktage am 4. August an bis hin zum Dankgottesdienst am 7. August. Die Orgel stand im Mittelpunkt der musikalischen Darbietungen, als Begleitung zu Gesang, als vierhändig gespieltes Instrument und zum Gottesdienst. Die neuen Eigenschaften der Orgel lotete dabei insbesondere am 6. August der Organist Hans-André Stamm mit seinem Stück „Dancing Pipes“ aus. Dabei traten kleinere, für Laien und die Zuhörer nicht wahrnehmbare Probleme auf. Wie Andrzej Kowalewski in seinem Vortrag gesagt hatte, sei „die Orgel nach der Restaurierung wieder zu 99 Prozent in Ordnung.“ Das fehlende Prozent zeige sich, so der Orgelbauer, unter Belastung und bei Feinabstimmungen. Und so machte er sich mit dem Organisten Professor Neithard Bethke vor dessen Auftritt auf die Suche nach den möglichen Ursachen, was als besondere Attraktion der Musiktage einen Blick in das Innere – das Herz – der Orgel ermöglichte.

Uwe Hahnkamp

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