Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Raus aus dem bilateralen Vergleich zur deutschen Polonia

Am Wochenende tagten zum 55. Mal Delegierte deutscher Verbände in Polen. Wie in den letzten Jahren war das Pilgerheim auf dem St. Annaberg Austragungsort und Ausgangspunkt für eine Anschlussexkursion.

 

Erklärt das Positionspapier des Verbandes deutscher Gesellschaften: Rafał Bartek

Die Zahl 55 stand gleich zweimal im Raum, zum einen, weil die Vertreter der deutschen Verbände zum 55. Mal zur Verbandsratssitzung zusammenkamen, zum zweiten, weil etwa 55 Tausend Kinder der deutschen Minderheit wieder Zugang zum Deutschunterricht haben, so wie andere Minderheiten in Polen auch. Dies sei ein Zeichen dafür, so der Vorsitzende des Verbandes deutscher Gesellschaften, Rafał Bartek, dass „mit der neuen polnischen Regierung ein offener, konstruktiver Dialog in Bezug auf die Minderheitenthematik möglich zu sein scheint“.

Sichtbarkeit der Organisation

Die Sichtbarkeit der Organisationen sei ein akutes Thema für die Zukunft, so Bartek: „Wir müssen uns immer wieder aufs Neue Gedanken machen, wie wir die deutsche Kultur und Sprache für die nächsten Generationen attraktiv machen können“, spiele doch in der globalisierten Welt das „regionale“, das „lokale“ und „minderheitenspezifische“ eine immer geringere Rolle, so Bartek. Dass die deutsche Minderheit in der Oppelner Region dennoch unter der Marke „Schlesische Regionalpolitiker“ („Śląscy Samorządowcy“) zur Kommunalwahl antrat, bezeichnet Bartek als ein gewagtes Projekt, durch das „das „Regionale“ aber vor allem auch das „Minderheitenspezifische“ ein sehr gutes Ergebnis einfuhr und somit auf allen Ebenen der Selbstverwaltung in der Region Oppeln präsent sei. Er bemängelte, dass in anderen Regionen die deutsche Minderheit politisch nicht so stark aufgestellt sei, „da bleibt es umso wichtiger, mit den neugewählten Entscheidungsträgern in Kontakt zu treten und diese auf unsere Anliegen aufmerksam zu machen“.

Als Hilfestellung hatte der Vorstand des Verbandes deutscher Gesellschaften (VdG) ein Positionspapier herausgebracht. In dem vierseitigen Dokument will man die deutsche und die polnische Regierung auf sich aufmerksam machen.

Bilateraler Vergleich mit der Polonia

Fordert Gleichheit zwischen erklärten und umgesetzten Standards im Minderheitenschutz der EU: Weronika Koston (rechts)

Eine der Forderungen im Positionspapier ist die nach eigenständigen Gesprächsformaten für die deutsche Minderheit, da historisch wie hinsichtlich der Erwartungen gravierende Unterschiede zwischen der deutschen Minderheit in Polen und den Polen in Deutschland bestünden. Bilaterale Vergleiche seien für Deutsche in Polen schädlich, so Bartek, da die Ausgangslage völlig verschieden sei: „Gerade in den letzten Jahren erlebten wir in der Politik den Zustand, dass unsere Bevölkerungsgruppe zur Geisel der bilateralen Beziehungen wurde. Während man uns, der deutschen Minderheit in Polen, nichts vorgeworfen hatte, sondern sagte, die deutsche Regierung mache zu wenig für die Polen in Deutschland, wurden wir bestraft. Unseren Kindern hat man Deutschstunden weggenommen. Eine Denkweise, dass man eine Gruppe wegen der Situation einer anderen Bevölkerungsgruppe in einem anderen Land benachteiligt, ist aus unserer Sicht total schädlich und außerdem rechtlich verboten. Das darf nicht passieren! Wir erwarten, dass in der Politik gegenüber der deutschen Minderheit in Polen und der Polen in Deutschland ihre jeweilige Lage unabhängig voneinander betrachtet wird. Das ist unsere Forderung“, so Bartek gegenüber dem Wochenblatt.pl

Neugestaltung der Bildungspolitik

Die Ungleichbehandlung der deutschen Volksgruppe im polnischen Bildungswesen der vergangenen Jahre zeige, wie stark die deutsche Sprache in ihrer Existenz bedroht sei, so der Chef des Dachverbandes der Deutschen in Polen. 2009 habe Polen die Europäische Charta der Sprachen ratifiziert, „doch das Land setzt diese nicht um. In dieser Charta sind Wege beschrieben, was getan werden kann, um die Sprache zu retten. Um das umzusetzen, muss es eine Neugestaltung der Bildungspolitik im Hinblick auf den Minderheitenunterricht in Polen geben und das fordern wir“, so Bartek. „Wir sind der Meinung, es würde nicht nur der deutschen und anderen Minderheiten, die in Polen leben, helfen. Es nütze auch dem polnischen Staat, weil dies vieles ordnen würde und die Mittel, die eingesetzt werden, könnten viel zielgerichteter eingesetzt werden“, behauptet er.

Die Forderung zur Umsetzung der „Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitenrechten“ haben die Delegierten in einer einstimmig angenommenen Resolution geäußert. Darin wird an die polnische Regierung appelliert, es nicht allein dabei zu belassen, dass die Ungleichbehandlung der Deutschen gegenüber anderen Minderheiten in Polen rückgängig gemacht wurde. Gefordert wird, dass die Bestimmungen der „Minderheitensprachen-Charta“ als Verpflichtung des Staates zu betrachten sind und umgesetzt werden müssen.

Bartek: „Wir erwarten, dass in der Politik gegenüber der deutschen Minderheit in Polen und der Polen in Deutschland ihre jeweilige Lage unabhängig voneinander betrachtet wird. Das ist unsere Forderung!“

Zwei weitere Resolutionen: zur Teilnahme an der Wahl zum Europäischen Parlament und zum 20. Jahrestag des Beitritts Polens zur Europäischen Union wurden durch die Delegierten ebenfalls „abgesegnet“.

Pläne und Ziele für 2024/25

Einigten sich reibungslos: Delegierte stimmen über Resolutionen ab
Fotos: K. Kandzia

Im Laufe dieses und im nächsten Jahr setzt der Verband deutscher Gesellschaften weiterhin auf Sprachförderung sowie Bildungsmaßnahmen für Deutsch- und Fachlehrer, Kulturpflege und Jugendarbeit. Eine Erweiterung der musealen Präsentation der deutschen Minderheit steht genauso auf dem Arbeitsplan wie die Entwicklung der medialen Präsenz in digitalen und sozialen Kanälen, die Teilnahme an der Europeada – der Fußballmeisterschaft europäischer Minderheiten sowie die Schaffung eines deutsch-polnischen Bürgerfonds.

Klaudia Kandzia

 

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