Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Wednesday, December 7, 2022

Unterwegs in „Klein Wien“

Erst seit 71 Jahren ist diese Stadt auf den Landkarten zu sehen. Denn erst 1951 wurden das österreichisch geprägte Bielitz und die von dem Fluss Biala getrennte Stadt Kleinpolens Biala eins. Der Historiker Lukas Giertler führt Besucher durch seine geliebte Heimat am Fuße der Beskiden. Auch uns zeigte er die interessantesten Ecken seiner Stadt.

Im 14. Jahrhundert erhielt Bielitz das Stadtrecht. Seiner Nachbarsiedlung Biala wurden fast 500 Jahre später ebenfalls die Stadtrechte verliehen – und zwar vom polnischen König. Der gleichnamige Fluss Biala, der von den Einheimischen immer auch Bialka genannt wurde, trennte die beiden Städte voneinander. Gleichzeitig war der Fluss auch eine Landesgrenze, denn Bielitz und Biala befanden sich damals noch in verschiedenen Herrschaftsgebieten: Bielitz war tschechisch und später österreichisch, Biala lag im Königreich Polen. In Bielitz entstanden zu jener Zeit mehrere Textilfabriken, die erste befand sich am Fluss. „Die zahlreichen Fabrikanten, die ihre Interessen in Bielitz realisiert haben, haben auch die Fabriken in Biala gegründet“, erklärt der Vorsitzende des DFKs Bielitz-Biala, Lukas Giertler.

Der Ring in Bielitz-Biala ist fast komplett renoviert.
Foto: Manuela Leibig

Textilhochburg
Ab 1772 war Biala ebenfalls Teil des Herrschaftsgebiets der Habsburgermonarchie. Die beiden Nachbarstädte wuchsen, die Textilproduktion entwickelte sich weiter. „Produziert wurde nicht nur für Österreich, Ungarn und Polen, sondern auch für andere Ländern wie Russland oder die Türkei. Ein Beispiel dafür waren die Fes-Fabriken (Fabryka Fezów), also die kleinen roten Hütchen, die die Türken auf dem Kopf trugen. Ich denke, man ruhig sagen kann, wenn zuerst nicht Bielitz gewesen wäre, hätten wir heute nicht Biala“, beurteilt BJDM Mitglied Lukas Giertler.

Das Innere des Hauptbahnhofs schmücken Fresken.
Foto: Manuela Leibig

Den größten Aufschwung erlebten Bielitz und Biala im 19. Jahrhundert während der Industriellen Revolution. Die Fabriken konnte dank moderner Maschinen immer mehr Textilien produzieren. Diese wurden auch benötigt, denn in jener Zeit wüteten in Europa viele Kriege, sodass zahlreiche Uniformen für Soldaten gebraucht wurden. „Die Habsburger produzierten im 18. Jahrhundert ihre Uniformen in Fabriken in Niederschlesien. Doch während der Schlesischen Kriege verloren sie Teile Niederschlesiens an Preußen, sodass sie einen neuen Produktionsort suchten und ihn hier in Bielitz gefunden haben“, so Reisebegleiter Lukas Giertler.

Jugendstil und im Eklektizismus
Das Theater in Bielitz wurde 1890 nach Plänen des österreichischem Architekten Emil von Förster gebaut. Das Gebäude ähnelt der Wiener Oper, nur ist es wesentlich kleiner. „Dort gibt es noch die originale Kurtine (Bühnenvorhang) aus der Eröffnungszeit. Das Theater war ein deutsches Staatssymbol, in dem die Regel herrschte, dass aus der Szene kein polnisches Wort kommen soll. Das sollte nur das Theater für die deutschen Bewohner sein. Im Laufe der Zeit änderte sich das, sowohl jüdische und polnische Stücke wurden im Theater gespielt“, erzählt Lukas Giertler.

Das Kunstlyzeum hat die alte Aufschrift “Allgemeine Knaben Volks- und Bürgerschule” auf der sanierten Fassade beibehalten.
Foto: Manuela Leibig

Wegen der vielen Gebäude, die im Jugendstil und im Eklektizismus erbaut oder umgebaut wurden, wurde Bielitz auch „Klein Wien“ genannt. Ein weiteres Beispiel dafür ist der nach Entwürfen des Architekten Karl Schulz errichtete Hauptbahnhof, der von der lokalen Firma des Bauunternehmers Karl Korn gebaut wurde. Der Bau dauerte 140 Arbeitstage und endete 1890. Auf dem renoviertem Gebäude, das im Register der Denkmäler eingeschrieben ist, steht die ursprüngliche Aufschrift „K.K. Privilegirte Kais. Ferd. Nordbahn“. Im Bahnhofsinnern sind beeindruckende Fresken zu sehen.

Die Schodowa-Straße. Auf der Fassade eines Gebäudes schaut die Aufschrift “Raseur und Friseur” unter dem Putz hervor.
Foto: Manuela Leibig

Rathaus nicht am Ring
1897 wurde ein Wettbewerb für den Bau des Rathauses ausgeschrieben. Die besten Entwürfe lieferten Karl Korn und Emanuel Rost Junior. Karl Korns Vorschlag war zu ambitioniert und zu teuer, also gewann der Vorschlag seines Konkurrenten. Das Rathaus wurde 1897 gebaut, und zwar nicht auf dem Marktplatz in Bielitz, sondern in Biala. „Das war nicht nur der Sitz des Bürgermeisters, sondern innen waren auch Wohnungen für die Mitarbeiter und das erste Stadtmuseum in Biala. Die Bewohner von Biala wollten mit dem Rathaus zeigen, dass sie auch Geld hatten und sich etwas Schöneres leisten konnten als die Bielitzer. Das schöne Gebäude ist bis heute unser Rathaus, obwohl es nicht am Ring steht“, weiß Lukas Giertler.

Die Villen einstiger Firmenbesitzer werden heute von verschiedenen Institutionen genutzt.
Foto: Manuela Leibig

Der Ring liegt in Bielitz ist fast komplett fertigrenoviert, die letzen Arbeiten an den Häusern dauern noch an. In Bielitz-Biala werden keine Textilien mehr hergestellt, die alten Fabriken wurden zu Museen oder Einkaufszentren umgebaut. „Noch heute sieht man die Grenze zwischen den beiden Städten, z. B. sind die Gebäude in Bielitz viel höher als die in Biala. Die zwei Städte lagen in Österreich-Ungarn (Bielitz) und in Polen (Biala), es war auch die Grenze zwischen Schlesien und Kleinpolen. Nach den wirtschaftlichen Problemen in den 1990er Jahren erlebt die Stadt nun einen Aufschwung“, erklärt Lukas Giertler.
Aus Bielitz stammen unter anderem Persönlichkeiten wie der erste lutherische Berater im Wiener Parlament, Karl Samuel Schneider sowie der Architekt des Budapester Parlamentsgebäudes, Albert Schickedanz oder Selma Kurz, die 40 Jahre lang die Primadonna der Wiener Oper war und zudem die erste Frau, die eine Schallplattenaufnahme gemacht hat. „Auch heute bilden die Bewohner von Bielitz-Biala eine offene und multikulturelle Stadt, in der jeder willkommen ist: Bewohner, Investoren und Touristen“, sagt Lukas Gierlter.

Manuela Leibig

Bielitz-Biala ist mit seiner Architektur aus dem 19. Jahrhundert einen Besuch wert. Lukas Giertler führt Sie gerne in deutscher oder polnischer Sprache durch die Stadt und verrät interessante Einzelheiten der Stadtgeschichte, die in leicht zugänglichen Quellen kaum aufzufinden sind. Lukas Giertler ist über den Bund der Jugend der Deutschen Minderheit zu kontaktieren. Und nach der „Geschichtsstunde“, die gerne ein ganzes Wochenende dauern kann, können Sie noch einen Abstecher auf die Beskidengipfel machen, die in unmittelbarer Nähe der Stadt liegen.

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