Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Tuesday, July 5, 2022

Warum sollten wir also nicht Vornamen wie Władysław oder Mieczysław geben?

Bereits 1930 fragte der Bund zur Verteidigung der westlichen Grenzgebiete (ZOKZ) wie in der Überschrift rhetorisch nach den Zielen und Prinzipien der polnischen Nationalpolitik in Oberschlesien. Mit einer ordentlichen Presserecherche und einer anderen Namensgebung könnte man diesen Ruf wahrscheinlich auch in Deutsch-Oberschlesien finden, denn die 1930er Jahre waren eine Zeit, in der beide Nationalstaaten eine weitere Kampagne zur „Wiederherstellung“ des ursprünglichen Zustands des Gebiets führten. In der Regel geschah dies durch die Beseitigung von als fremd empfundenen kulturellen Überresten und die Anpassung von Zwischenformen an einen als eigen empfundenen Zustand. Diese symmetrische Periode der Namensgebung wurde bald von einer Periode der einseitigen Dominanz abgelöst. Zuerst – während des Krieges – einer deutschen und nach dessen Ende einer polnischen.

Es ist die letztgenannte Periode, die nun im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen wird. Weniger in ihrem ideologischen Aspekt als vielmehr in ihrem praktischen Aspekt als Verwaltungsoperation der polnischen Staatstrukturen.

 

Änderungen in der Vorkriegszeit

Der damalige nationale Konflikt und die Homogenisierungsmaßnahmen in diesem Gebiet waren nicht ganz neu, aber auch nichts Ewiges, wie einige seiner Teilnehmer damals proklamierten. Seine Anfänge lassen sich relativ leicht in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts verorten, als einerseits die sich entwickelnden deutschen Standesämter begannen, deutsche Prinzipien der Schreibweise von Vor- und Nachnamen in einer ethnisch vielfältigen Region anzuwenden, und andererseits die polnische Presse mit zunehmender Affektiertheit die Ankündigungen von Änderungen slawischer Namen und Nachnamen verurteilte. In beiden Fällen waren es nicht allzu viele, was in einem konservativen Land auch nicht verwunderlich ist.

Beide gegnerischen Seiten hatten allerdings schon damals eine ideologische Grundlage für diese Einstellungen entwickelt, die tief im mitteleuropäischen Nationalismus verwurzelt war, welcher ebenfalls schon damals die ethnische Ausstattung mit der Nation gleichsetzte. So sollten ein Vorname und vor allem ein Familienname objektive Informationen über die nationale Herkunft der Namensträger vermitteln. Das Verteidigen/Verändern wurde mit dem Verweis auf eine uralte Vergangenheit erklärt – entsprechend eine altpolnische/slawische oder germanische. Die Deutschen erklärten die Dominanz slawischer Formen damit, dass die Slawen, nachdem sie die Germanen für einige Jahrhunderte ablösten, nach ihrer Ankunft die früheren Namen übersetzten. Daher wurden sie jetzt nur noch regermanisiert. Schon in der Nazizeit hatten deutsche Anthropologen die „endgültigen“ wissenschaftlichen Argumente gewonnen und nach der Vermessung von Schädeln im Regierungsbezirk Oppeln deren zweifelsfrei deutschen Charakter erkannt.

Dies war nur noch ein Zeugnis für den rassistischen Wandel in der deutschen Staatsideologie. In der Alltagspraxis der Zwischenkriegszeit ruhten die Aufgaben der Namensgebung auf den Schultern der staatlichen Verwaltung, die von gesellschaftlichen Organisationen mit streng nationalistischem Charakter oder von staatsnahen und oft staatlich finanzierten Berufsverbänden unterstützt wurde. Der ZOKZ war eine solche typische Organisation Lehrer und Staatsbeamte, die den polnischen Staat bei der Umsetzung des Projekts zum Aufbau eines (uni)nationalen Staates unterstützte. Sein deutsches Pendant war der Bund Deutscher Osten, in dem während der NS-Zeit verschiedene kleinere Organisationen mit nationalem Charakter gleichgeschaltet wurden. Die Auswirkungen dieser Aktivitäten im Bereich der Vor- und Nachnamensänderungen, die unter dem Slogan der Bereinigung historischer Altlasten und „aus wichtigen sozialen Gründen“ durchgeführt wurden, gingen in diesem Jahrzehnt in Zehntausende. Die Stärke der Nationalstaaten in Oberschlesien zeigte sich darin, dass fast alles im Rahmen der Genfer Konvention (1922-1937) geschah, die eine samtene Scheidung der geteilten Region herbeiführen und Minderheiten schützen sollte. Sie wurde in einem liberalen Geist verfasst und es wurde im Bereich der Personennamen ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Änderungen in diesen Bereichen „auf Antrag der betroffenen Partei“ vorgenommen werden konnten.

Die Kriegszeit war trotz deutscher Dominanz eine Zeit, in der dieser Aktivitäten aufhörten. Der Grund lag auf der Hand: Der Kampf um die Schaffung eines Weltreichs hatte für das Dritte Reich Priorität vor der Verwirklichung nationaler Ziele. All dies galt mit Ausnahme einer Gruppe: Menschen aus den Gruppen I und II der Volksliste, die bei der Eintragung in die Liste, die ihnen formal die deutsche Staatsbürgerschaft verlieh, ein solches Zeugnis über ihr Deutschsein abgeben mussten.

 

Das Jahr 1945

1945 begann eine neue Periode, diesmal einer einseitigen polnischen Dominanz. Wir sprechen hier von einer neuen Periode, obwohl die Prinzipien und Methoden denen der Vorkriegszeit ähnlich waren, multipliziert mit einem antideutschen Syndrom nach den Verbrechen des Zweiten Weltkriegs.

Die ideologischen und politischen Annahmen waren immer die gleichen. In zahlreichen Rechtsakten, die sich mit diesem Thema befassten, wurde allgemein auf die Notwendigkeit hingewiesen, die jahrhundertealten Spuren deutscher Versklavung zu beseitigen. Im Hintergrund dieser Aktivitäten konnte man auch die Annahme erkennbar, dass der Nachname gleichbedeutend mit Nationalität war. Deshalb wurde die Einreichung eines solchen Antrags als ein Akt der nationalen Befreiung betrachtet und als das Durchtrennen der letzten Fäden, die einen Oberschlesier mit Deutschland verbanden. Ähnlich wie bei der gesamten Nachkriegsaktion der Entdeutschung Oberschlesiens gab es auch bei der Namensgebung zwei Phasen. Die erste dauerte bis Mitte 1946. Die Maßnahmen wurden vom Staatsapparat durchgeführt, der sich auf Prioritäten konzentrierte (damals war es die Beseitigung der Deutschen), wobei die Polonisierungsmaßnahmen gegenüber den Verifizierten über viele Jahre verteilt geplant waren. Und die zweite in den Jahren 1947-49, als unter den veränderten politischen Bedingungen – Zusammenbruch der antideutschen Koalition, bevorstehende Rückkehr Deutschlands in die Politik, pro-deutsche politische (Referendum vom 30. Juni 1946) und gesellschaftliche (Rückkehr der deutschen Sprache in den öffentlichen Gebrauch) Einstellung der Oberschlesier – beschlossen wurde, diese Maßnahmen zu beschleunigen, sie mechanisch durchzuführen und hierzu Massenorganisationen zu nutzen.

Allerdings war die Mobilisierung der Öffentlichkeit im Bereich der Namensänderungen aufgrund der administrativen Komplexität der Angelegenheit begrenzt. Ein wichtiges Datum für dieses Projekt war der 10. November 1945, als die Provisorische Regierung der nationalen Einheit ein Dekret über die Änderung von Vor- und Nachnamen erließ, das einerseits die Besatzungssituation ordnen sollte, in der viele Menschen Pseudonyme benutzt hatten, und andererseits das polnische Gesetz liberalisieren und dabei eine diesbezügliche Änderung ermöglichen sollte. Letzteres, verstanden als Abschaffung des Schutzes historischer Nachnamen, nützte allerdings wenig, denn wer wollte nach 1945 schon Radziwiłł oder Branicki heißen? Eine wichtigere Neuerung war die Einführung der Zustimmung zur Änderung des Nachnamens aufgrund seines nicht-polnischen Klangs. Es blieb die wichtigste Schwierigkeit bei der Masseneinführung dieser Aktion: Eine Änderung konnte nur auf Antrag der betroffenen Person erfolgen.

Das Dekret stoppte die Aktivitäten der Behörden in Kattowitz, die unter Berufung auf Vorkriegsvorschriften nun Verordnungen erließen, die die Polonisierung von Vor- und Nachnamen durch Eintragungen am Rande der Personenstandsbücher bei Namen mit polnischen Entsprechungen und entstellten Nachnamen erlaubten. Noch 1945 herrschte ein sehr romantischer Geist und einige Kommentatoren meinten, es würde genügen, bei Familiennamen wie Morzinek oder Oselka die polnische Schreibweise wiederherzustellen, und schon wären die jeweiligen polnischen Namensträger „zurückzugewonnen“.

Die folgenden Monate nach dem Erlass des Dekrets, praktisch über ein Jahr, widmeten die Behörden in Kattowitz den Schritten zur Erleichterung des Verwaltungsverfahrens im Zusammenhang mit den Änderungen. Ziel war zum einen eine Vereinfachung des Verfahrens, da das Dekret das Namensverfahren nur dem Woiwoden übertrug, und zum anderen eine Reduzierung der Kosten, da das gesamte Verfahren (Verwaltungsgebühren, Presseankündigungsgebühr) relativ teuer war. Bei einer großen Familie konnte es sogar in die Nähe eines Monatsgehalts kommen. Ebenso schwierig waren anfangs strikt formale Angelegenheiten: fehlende Staatsbürgerschaft bei lediglich verifizierten Personen oder Abwesenheit des Familienoberhauptes (Ehemann in Gefangenschaft oder in Deutschland).

Gegen Ende des Jahres 1946 und in der ersten Hälfte des Jahres 1947 wurden diese Probleme allmählich gelöst, indem man zusätzliches Personal in der Verwaltungs- und Rechtsabteilung des Woiwodschaftsamtes einstellte, fachliche Unterstützung durch Linguisten des Schlesischen Instituts erhielt, kollektive Änderungsbescheide herausgab und später diesen Weg verließ sowie kostenlose Änderungen bei deutschen Familiennamen vornahm. Der Antragsteller musste nur seinen alten und neuen Vor- oder Nachnamen angeben, den Rest erledigten die Beamten des Landkreises (Vornamen) und der Woiwodschaft (Nachnamen). Allerdings war der zahlenmäßige Effekt Ende 1946 mehr als gering. In der über zwei Millionen Einwohner zählenden Woiwodschaft Schlesien gab es nur ein paar hundert Anträge. Das schwerwiegendste Hindernis war immer noch das, was am Anfang das kleinste Problem zu sein schien: der Wille des Betreffenden. Es ist schwierig, dies als eine rein nationale Angelegenheit zu sehen: Die Menschen hingen an ihren Nachnamen, und die Vornamen, die sie bei der Taufe erhielten, hatten für sie auch eine religiöse Komponente.

Es muss auch daran erinnert werden, dass in den ab Mitte 1946 an das Standesamt gesandten Namenslisten, die letztlich aus untersagten (deutschen), zulässigen (aus dem polnischen Kulturkreis, oft christlichen) und vorgeschlagenen (slawischen) Namen bestanden, die Liste der letzteren am umfangreichsten war, die, gelinde gesagt, in Schlesien nicht sehr beliebt waren, obwohl sie bei der Namensänderung und -vergabe an Neugeborene zu bevorzugen waren.

 

Grabstein mit ausgeschlagenen deutschen Inschriften auf dem Hüttenfriedhof, Gleiwitz. Erkennbar ist auch die Änderung des Namens Karl in das polnische Karol.
Foto: Pudelek (Marcin Szala) / wikimedia commons

 

Aktive „Einwirkung“

Der geringe Zulauf an Bewerbungen war der Grund für einen Taktikwechsel der Behörden in Kattowitz. Schließlich gelang es ihnen 1947, vom Ministerium für die Wiedergewonnenen Gebiete die Erlaubnis zu erhalten, auf Bürger mit deutschen Nachnamen „einzuwirken“, solche Anträge zu stellen. Die neuen Empfehlungen der Behörden, die im Oktober 1947 systematisiert wurden, waren umfangreich. Die Angelegenheiten aller Personen (auch Polen) mit deutschem Nachnamen, die in Ämtern auftauchten, waren bis zur entsprechenden Antragstellung in Schwebe zu halten. Alle Beamten und ihre Familienangehörigen wurden unter Androhung des Verlustes ihres Arbeitsplatzes verpflichtet, einen Änderungsantrag zu stellen. Lehrer und Mitarbeiter von Fabriken und Anstalten wurden verpflichtet, Personen mit deutschen Namen oder Nachnamen zu herauszugreifen, wobei Aufständische und führende Berg- und Stahlarbeiter mit gutem Beispiel vorangehen sollten.

Erst jetzt nahm die Aktion zur Entdeutschung von Vor- und Nachnamen einen Massencharakter an und Monat für Monat stieg die Zahl der eingereichten Anträge um Zehntausende und erreichte schließlich Ende 1948 rund 276.000. Es ist jedoch nicht bekannt, wie viele davon letztendlich umgesetzt wurden. Ab Anfang 1949 begann der Druck mit der stalinistischen Wende in Volkspolen nachzulassen. Zunächst durften Personen mit einem verdienstvollen Familiennamen ihren deutschen Nach- oder Vornamen behalten. Später wurde diese Ausnahme auf Heimkehrer ausgedehnt und schließlich verschwand das Thema aus den Briefings der Verwaltungsrechtsämter. Es kam nunmehr also auf den Eifer der Sachbearbeiter an.

Abgesehen vom ineffizienten Aktionismus des Apparates waren schon damals andere Hindernisse für diese Operation sichtbar: Oberschlesier, die aufgefordert wurden, einen Antrag zu stellen, antworteten: sehr gern, aber einen Antrag auf Ausreise nach Deutschland! Menschen mit schlesisch-slawischen Nachnamen (Kowol, Nowok) wiederum reagierten allergisch auf Vorschläge zur Polonisierung.

 

Ende der 80er Jahre kehrten einige Oberschlesier yu ihren Vor- und oder Nachnamen zurück-
Foto: privat

 

Einstellung der Bevölkerung

Diese Verhaltensweisen waren auch nicht verwunderlich, denn es handelte sich ja um eine weitere Namensänderung in Oberschlesien. Die „Rekordhalter“ auf beiden Seiten der Grenze erlebten innerhalb von zwei Jahrzehnten bis zu drei oder vier Namensänderungen, denn allein in den 1930er Jahren wurden die Änderungen zweimal vorgenommen (zuerst deutsche/polnische Schreibweise, dann eine komplette Änderung). Da auch in diesem Bereich der menschliche Faktor wichtig war, trugen sogar leibliche Brüder bis zu drei Nachnamen: in Deutschland den deutschen aus der Vorkriegszeit und zwei in Polen. Im letzteren Fall konnten Kreisbeamte ja eine abweichende Änderung vornehmen.

Schon um die Wende der Jahrzehnte wurde den Woiwodschaftsbeamten klar, dass sie einen ungleichen Kampf führten, als die Zentrale Berichte über Kalender aus anderen Regionen Polens erhielt, die voll von Namen waren, die in Oberschlesien als deutsch galten. Die Idee, solche Namen zu schwärzen, war eher von der Weltanschauung des Ritters von La Mancha inspiriert.

Zwar gab es in den folgenden Jahrzehnten immer wieder den Druck, deutsche Vor- oder Familiennamen zu ändern, doch waren diese nur sporadisch und kurzlebig. Die Aktion aus den 1940er Jahren prallte dann noch immer wieder zurück, wenn sich zum Beispiel herausstellte, dass Nachbarn bei einer Beerdigung von einer anderen Person Abschied nahmen als der, die sie offiziell kannten. Der Verstorbene vor seinem Tod oder auch seine Familie waren eben zu dem bei der Taufe gegebenen Vornamen zurückgekehrt…

Heute sieht die Welt der oberschlesischen Vornamen ohnehin ein wenig seltsam aus und es gibt darin viele Jessicas, Joans oder Alans. Der Gewinner des deutsch-polnischen Konflikts ist paradoxerweise die Massenkultur, deren Muster und Ausstattung an ganz anderen Orten entstehen. Zwar besteht jetzt die Chance, dass die Zahl slawischer Vor- und Nachnamen in Schlesien zunimmt, doch das liegt an der Migration von arbeitssuchenden Menschen aus dem Osten. Dies ist nun aber eine ganz andere Geschichte…

 

Über den Autor: Dr. Bernard Linek, Historiker, Mitarbeiter des Schlesischen Institutes in Oppeln. Seine neueste Publikation heißt: Kwestia niemiecka na powojennym Górnym Śląsku (1945-1960). Wybór artykułów, Opole 2020. [Die deutsche Frage im Oberschlesien der Nachkriegszeit (1945-1960). Artikelauswahl, Oppeln 2020]

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