Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Der Protestantismus ist untrennbar mit der Geschichte Schlesiens verbunden. Die Turbulenzen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten jedoch dazu, dass heute in dieser Region lediglich eine Handvoll einheimischer evangelischer Christen lebt. Einer von ihnen ist der 85-jährige Ginter Lauterbach aus Compratchtschütz. Im Interview mit Marcin Langner erzählt er über seine Abstammung und die schweren Anfänge in der Volksrepublik Polen.


Sie sind Oberschlesier, die Familie ist und war also bestimmt mehrsprachig.

Ja, meine Mama Emilie hatte hussitische Vorfahren und hat in Petersgrätz bei Groß Strehlitz gewohnt. Meine Eltern haben im Jahre 1929 geheiratet und in Comprachtschütz ein Haus gebaut. Die Mama hat Tschechisch und Deutsch gesprochen, sie konnte kein Wort Polnisch. Der Papa wiederum hat in Rothaus Polnisch und Deutsch gesprochen.

Ginter Lauterbach
Foto: Marcin Langner

Waren alle in der Familie evangelisch oder gab es auch Katholiken?

Mütterlicherseits waren alle evangelisch. In Papas Familie waren auch alle evangelisch, aber dann später haben seine Schwestern Katholiken geheiratet. Früher war es so, dass eine Zeit lang die Katholiken in unsere Kirche kamen und dann gingen wir in die katholische Kirche – das war ja kein Problem, ob es eine katholische oder evangelische Kirche war.

Nur ich habe ein wenig Probleme gehabt, denn hier in Comprachtschütz war ich nach dem Krieg der Einzige, der evangelisch war. Als wir in die die Schule kamen, gab es dort deshalb nur katholischen Religionsunterricht. Der Pfarrer, der den Unterricht hielt, kam auf mich zu und hat mich so richtig an den Ohren gezogen und auf Polnisch beschimpft, wobei ich damals diese Sprache noch nicht verstand. Von dieser Zeit an ging ich nicht mehr zum katholischen Religionsunterricht.

Schauen wir auf das Leben der Gemeinde. Außer dem Pfarrer/Pastor, wer war noch wichtig in der Gemeinschaft? Wer hatte eine Rolle gespielt?

Als viele der Gemeindemitglieder nach Deutschland ausreisten, da wurde mein Papa nach dem Pfarrer die wichtigste Person. Er hat alles geführt, Geld gesammelt und es dem Pfarrer gegeben. Als mein Papa dann diese Aufgabe nicht mehr erfüllen konnte, hat das meine Frau Marianne übernommen. Und da haben wir das so geführt… lange, lange… Gras haben wir gemäht, die Bäume beschnitten. Was es halt bei der Kirche in Rothaus, wo unsere evangelische Kirche steht, zu tun gab. Es gab immer Arbeit. Wir haben das so 50 Jahre lang geführt.

Gustaw Lauterbach gab das Steinmetzhandwerk an seinen Sohn Ginter weiter. Ein erheblicher Teil der heute stehenden Grabsteine auf den Friedhöfen in der Gemeinde Comprachtschütz wurde von ihnen angefertigt.
Foto: Marcin Langner

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die die Region polnisch wurde und die Kommunisten an die Macht kamen, was hat sich damals geändert? Gab es irgendwelche Probleme, mit denen sich die evangelische Gemeinde auseinandersetzen musste?

Wir haben die Probleme hier in Rothaus nicht so gespürt, aber in Oppeln gab es Probleme, denn die evangelischen Kirchen wurden von den Katholiken übernommen. In Oppeln, da gingen wir in die Kirche auf dem Friedhof in der heutigen Wrocławska-Straße und dann hat Pfarrer Żwak ein Gebäude in der Pasieczna-Straße bekommen. Ich weiß nicht mehr, was dort vor dem Krieg war, aber es war so ein schönes Haus. Er hat es zur Kapelle umbauen lassen, sodass wir heute in Oppeln eine schöne Kapelle haben.

Was ich unterstreichen möchte: Nach dem Krieg, da haben wir auf den Grabsteinen zunächst alles auf Deutsch geschrieben. Man kann noch viele Grabsteine hier in Comprachtschütz auf dem Friedhof sehen, die mein Papa errichtet hat. Mein Vater war Steinmetz und Bildhauer, da hat er die Aufschriften immer mit der Hand gehauen – da haben wir, weil ich die berufliche Tradition von meinem Vater übernommen habe, alles auf Deutsch geschrieben. Aber als ich vom Militär zurückkehrte, da kam eines Tages ein Mann aus Comprachtschütz zu uns, um zu schauen, was wir da machen. Der Papa hatte gerade auf dem Grabmal auf Deutsch geschrieben: „Hier liegen in Gott meine Eltern“ oder so etwas Ähnliches. Da hatte der Mann gesagt: „Wie kann das sein?! Wir sind doch in Polen und Sie schreiben Deutsch!“ Nach ein paar Tagen kamen dann Offiziere von der „UB“ (Sicherheitsdienst der Volksrepublik Polen) und haben meinen Vater verhaftet. Ein paar Tage lang wurde er eingesperrt, was dort bei der UB aber passiert ist, ob er geschlagen wurde, das weiß ich nicht.

Nachdem Papa entlassen wurde, bekam er so ein Buch, wo all seine Personaldaten (Namen usw.) von Deutsch auf Polnisch geändert wurden. Ab dieser Zeit haben wir kein Wort Deutsch mehr geschrieben, bloß Polnisch.

Wie unterscheidet sich das Leben der evangelischen Kirchengemeinde in Rothaus heute von dem früher?

Heute kommt der Pfarrer, nimmt die Jugend und sie kümmern sich um die Ordnung. Heute gehen wir einfach in die Kirche, aber müssen uns um sie und die Umgebung keine Sorgen mehr machen. Die Marianne ist schon älter, ich bin ja auch schon über 80, aber in die Kirche gehen wir immer. Es gibt in Rothaus und in der Umgebung nicht viele Gemeindemitglieder, aber wir halten sehr stark zusammen. Der Pfarrer macht auch paarmal im Jahr Treffen und da gehen wir immer nach Oppeln und verbringen miteinander Zeit.

 

Das Interview mit Ginter Lauterbach ist ein Fragment einer in Kürze erscheinenden Folge des Podcasts „Silesia Storys“. Zu finden ist der Podcast u. a. auf der Internetseite des Archivs der Erzählten Geschichte (e-historie.pl).
Das Projekt „Archiv der Erzählten Geschichte“ ist eine Initiative des Hauses der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit, bei der Interviews mit Zeitzeugen veröffentlicht werden. Wie man selbst solche Interviews vorbereitet, dazu mehr auf den Seiten e-historie.pl und haus.pl.

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