Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Monday, December 5, 2022

Woiwodschaft Schlesien fördert Vielfalt

Vorsitzender des DFK Schlesien Marcin Lippa (rechts) kann sich über eine neue Finanzierungsquelle freuen. Foto: Łukasz Biły.
Vorsitzender des DFK Schlesien Marcin Lippa (rechts) kann sich über eine neue Finanzierungsquelle freuen. Foto: Łukasz Biły.

Noch bis vor kurzem war die Woiwodschaft Ermland-Masuren die einzige Region in Polen, deren Marschallamt die nationalen Minderheiten jedes Jahr finanziell unterstützte. Seit diesem Jahr kann man sich nun auch in der Woiwodschaft Schlesien um diese Fördermittel bewerben. Auch die dortige deutsche Minderheit hat bereits davon profitiert.

 

Zu den Hauptarchitekten der neuen Unterstützung gehörte der Vizemarschall der Woiwodschaft Schlesien Henryk Mercik, der sich in seiner Region mit kulturellen Belangen befasst. Seiner Ansicht nach ist der Sejmik, also das Regionalparlament, „auch dazu da, für die Respektierung der Vielfalt und des Traditionsreichtums unserer Region zu sorgen”. Im April dieses Jahres hat das Marschallamt daher ein Preisausschreiben für Projekte zur Erhaltung der kulturellen Vielfalt der Region und der Kultur der nationalen und ethnischen Minderheiten veröffentlicht. „Der Fördertopf im Rahmen des Preisausschreibens betrug 50.000 Złoty. Mit dieser Summe haben wir insgesamt neun Initiativen unterstützt”, teilte Iwona Moj von der Kulturabteilung des schlesischen Marschallamtes mit.

 

Pilotprogramm

 

Nach Informationen der Behörde musste eine Institution, die eine Förderung in Anspruch nehmen wollte, ein interessantes Projekt vorstellen, das einerseits die kulturelle Vielfalt der Region präsentiert und andererseits die Kultur der jeweiligen nationalen Minderheit pflegt. Der Konspekt war auf einem eigens dazu vorbereiteten Antragsformular zu präsentieren. „Dieser Antrag war nicht schwierig. Er unterschied sich mehrheitlich nicht vom demjenigen, der z.B. von Städten und Gemeinden für derartige Preisausschreiben erstellt werden“, schätzt Joanna Szarek-Tomala vom Büro des DFK Schlesien. Auch diese Organisation findet sich unter den neun Nutznießern der neuen Fördermittel. Mit 5.000 Złoty vom Schlesischen Marschallamt will der DFK Schlesien im vierten Quartal dieses Jahres Deutsche Kulturtage in seiner Region veranstalten. „Es ist ein Pilotprojekt, das wir dadurch organisieren können, dass man die Mittel des Schlesischen Marschallamtes auch mit anderen Mitteln kombinieren kann, in diesem Fall mit denen, die wir vom deutschen Außenministerium erhalten. In diesem Rahmen findet ein Konzert deutscher Musik statt, es wird eine Broschüre herausgegeben und eine Tagung zum Unterricht des Deutschen als Minderheitensprache veranstaltet“, so Szarek-Tomala.

 

Deutsche Nutznießer

 

Der DFK Schlesien ist aber nicht die einzige deutsche Institution, der die neue Unterstützung zugutegekommen ist. 4.000 Złoty erhielt auch die Deutsche Gemeinschaft Versöhnung und Zukunft, die das Seminar „Deutsches Kulturerbe im industriellen Oberschlesien” organisiert. Des Weiteren will das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) mit 8.000 Złoty eine Veröffentlichung zur Geschichte schlesischer Friedhöfe herausgeben. Auch die Stiftung der deutschen Minderheit in der Woiwodschaft Schlesien ist gefördert worden und will demnächst eine CD mit deutscher Chormusik herausbringen. Die größte Förderung neben dem HDPZ erhielt übrigens eine der jüdischen Minderheit nahestehende Vereinigung. Dies macht deutlich, dass nicht nur schlesische Deutsche von diesen neuen Mitteln einen Nutzen haben. Insgesamt waren 17 Initiativen für das Preisausschreiben angemeldet worden. Wie aus dem Schlesischen Marschallamt verlautete, zeuge dies von einem „großen Interesse”.

 

Was in der Woiwodschaft Schlesien ein Novum ist, hat in der ermländisch-masurischen Region bereits eine lange Tradition. So lässt das dortige Marschallamt seit 1999 finanzielle Mittel in Projekte im Zusammenhang mit der Kultur nationaler Minderheiten fließen. „Zwar sind die Minderheiten am stärksten in der Region Oppeln vertreten, doch bei uns sind diese am vielfältigsten“, sagt der Minderheitenbeauftragte des ermländisch-masurischen Woiwoden, Wiktor Marek Leyk. Leyk ist der polenweit einzige Beauftragte für nationale Minderheiten, der beim Marschall einer Woiwodschaft tätig ist.

 

Einziger Beauftragter

 

Rechtlich gesehen sind dank des deutsch-polnischen Runden Tisches hierzulande nur die Woiwoden dazu verpflichtet, einen Minderheitenbeauftragten zu haben. Ein Woiwode verfügt jedoch nicht über Geldmittel, die er z.B. für Preisausschreiben mit Bezug auf die Kultur nationaler Minderheiten verwenden könnte. Ermland und Masuren ist auch landesweit die einzige Woiwodschaft, wo es seit 1999 einen regionalparlamentarischen Minderheitenausschuss gibt. Dieser hat bereits zu Beginn seiner Tätigkeit dafür gesorgt, im Fördertopf seiner Behörde 75.000 Złoty für Minderheitenprojekte sicherzustellen. Eine Rekordsumme erreichte die Unterstützung im Jahr 2009 – damals wurden sogar 160.000 Złoty für den Zweck bestimmt. Diese Summe sei, so erläutert Wiktor Marek Leyk, bis heute aufrechterhalten worden, sei jetzt aber in mehrere verschiedene Kategorien aufgeteilt. „Die Mittel fließen teils direkt in die kulturelle Förderung der nationalen Minderheiten, teils in die Finanzierung von Projekten, über die der Marschall die Schirmherrschaft übernimmt. Zu dieser zweiten Kategorie gehören auch viele Veranstaltungen der nationalen Minderheiten“, sagt  Leyk.

 

Unter den finanzierten Projekten finden sich vor allem Festivals und Konzerte. Besonders gern gesehen werden Veranstaltungen, die gemeinsam verschiedene Minderheiten organisieren. 10.000 Złoty an Unterstützung bekommt z.B. das Nationenfestival „Unter gemeinsamem Himmel”, mit dessen Organisation sich der Verband deutscher Gesellschaften in Ermland und Masuren befasst. Mitveranstalter des Vorhabens ist die ukrainische Minderheit, die laut Wiktor Marek Leyk „der größte Nutznießer” der Mittel vom Marschallamt sei.

 

Ein Vorbild für andere

 

Der ermländisch-masurische Marschallsbeauftragte sieht die Unterstützung der nationalen Minderheiten auch auf der kommunalpolitischen Sejmik-Ebene als wichtig, denn „es lohnt sich, die kulturelle Vielfalt der eigenen Region zu zeigen und zu pflegen”. In dieser Hinsicht ist die Woiwodschaft Ermland-Masuren allerdings ein Unikum, denn die Unterstützung der Minderheiten ist dort ganz besonders umfassend geregelt. Der Spur dieses guten Beispiels, dem sich nun auch die Woiwodschaft Schlesien angeschlossen hat, dürften nun womöglich auch andere Regionen folgen, denn in keiner anderen polnischen Woiwodschaften gibt es auf der Sejmik-Ebene Fördermittel strikt für nationale Minderheiten.

 

Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Marschallämter nicht auf andere Weise die Minderheiten unterstützen: „Typische Fördermittel für Minderheiten gibt es bei uns zwar nicht, aber wir haben etwa eine Million Złoty für Projekte von Nichtregierungsorganisationen. Um dieses Geld können sich auch Minderheiteninstitutionen bewerben und ich weiß, dass sooft die Sozial-Kulturelle Gesellschaft der Deutschen im Oppelner Schlesien einen solchen Antrag stellte, das beantragte Geld auch gewährt wurde“, sagte die Pressesprecherin des Oppelner Marschallamtes Violetta Ruszczewska. Auf diese Weise können sich auch andere Minderheiteninstitutionen um eine Unterstützung durch das jeweilige Marschallamt bemühen. Dennoch wäre ein separater Fördertopf für sie nicht zuletzt wegen seiner Symbolkraft ganz bestimmt erwägenswert.

 

Łukasz Biły

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