Berlin war nie ein besonderer Ort auf der Fußball-Landkarte Deutschlands. Die örtliche Hertha BSC, der berühmteste hauptstädtische Klub, ist in ihrer Geschichte nur zwei Mal Deutscher Meister geworden, das letzte Mal im Jahr 1931 und somit in einer Zeit, als es noch keine Bundesliga gab. Kein Wunder also, dass im Vergleich zu Spanien, England, Frankreich oder Italien der Hauptstadt-Fußball in Deutschland ganz miserabel aussieht.

 

 

Klinsmann, Trainer der Berliner Hertha
Foto: Alexander Hauck/Wikipedia

 

Man kann somit schwerlich dem jetzigen Hertha-Trainer Jürgen Klinsmann widersprechen, der unlängst sagte, Berlin verdiene großen Fußball, eine großartige Mannschaft und einen Klub, der es auf gleicher Augenhöhe mit Real Madrid, FC Barcelona, Paris SG, Bayern München, Manchester City oder Juventus Turin aufnehmen könnte. Wie sich nun zeigt, muss in diesem Fall der Weg von Wunschträumen zur Realität gar nicht unbedingt sehr weit und holprig sein. Denn Hertha BSC hat inzwischen einen neuen, finanzkräftigen Investor: den 43-jährigen deutschen Milliardär Lars Windhorst. Sein erster sinnvoller Schachzug war es während der Hinrunde dieser Bundesliga-Saison, den berühmten Jürgen Klinsmann, unter anderem ehemaliger Auswahltrainer Deutschlands und der USA, als Trainer von Hertha BSC einzustellen.

 

Wer ist Lars Windhorst?

Bereits als Sechzehnjähriger gründete Lars Windhorst seine erste Firma, als Siebzehnjähriger setzte er Millionen D-Mark um und als Achtzehnjähriger war er zusammen mit Bundeskanzler Helmut Kohl in Vietnam. Mit 27 Jahren ging er zwar bankrott, doch bereits zu seinem 28. Geburtstag gründete er ein neues Unternehmen. Heute ist er 43 Jahre alt und hat einen beträchtlichen Teil von Hertha BSC gekauft und will sie, wie er versichert, zu einem Fußballriesen werden lassen. Bis jetzt schenkt ihm noch jeder Glauben, doch mit der Zeit könnte sich das ändern. Der im 15.000-Seelen-Städtchen Rahden (Nordrhein-Westfalen) geborene Geschäftsmann hat schon so viel erlebt, dass er seine Erinnerungen auf Hunderte von Menschen verteilen könnte. Trotzdem hat er noch nicht genug und investiert nun deshalb in den Fußball. 125 Millionen Euro hat er mittlerweile an Hertha BSC überwiesen und dafür 37,5 Prozent der Anteile an dem Fußballunternehmen erworben. Im Verlauf dieses Jahres will er, bereits zu einem höheren Preis, weitere 12,4 Prozent hinzukaufen, so dass er dann fast die Hälfte der Aktien und zwei von fünf Sitzen im Aufsichtsrat haben wird. Die gesamte Transaktion soll dem Klub aus der deutschen Hauptstadt etwa eine Viertelmilliarde Euro bringen. Deutsche Medien schreiben vom teuersten einmaligen Investorengeschäft in der Geschichte der Bundesliga. Herthas Finanzdirektor Ingo Schiller hat im „Spiegel” den Eintritt des BSC in eine andere Dimension verkündet und Sportdirektor Michael Preetz hofft, dass es durch diesen Vertrag endlich einmal gelingen wird, sich der Bundesliga-Pokalzone zu nähern. Mehr noch, Lars Windhorst spricht geradeheraus davon, in Berlin einen Klub aufzubauen, der erfolgreich um die höchsten Trophäen in europäischen Pokalwettbewerben, vor allem in der prestigeträchtigen Champions League, mitwetteifern könnte. Dennoch glauben nicht alle seinen Versicherungen, denn der Name des Investors gilt in Deutschland nicht als Inbegriff der Zuverlässigkeit. Für so manchen sind seine Zusagen also mit Vorsicht zu genießen.

 

Geschäftsmann von Geburt

Von Lars Windhorst, Sohn eines westfälischen Bürobedarfshändlers, hörte Deutschland erstmals zu Beginn der Neunzigerjahre. Geschäftliche Ambitionen machte Windhorst schon als Kind geltend. Bereits mit acht Jahren war für ihn klar, dass er ein Unternehmer werden würde. Seine erste, noch vom Vater gegründete Firma leitete er als Vierzehnjähriger und handelte dabei mit Computerteilen. Gemeinsam mit Schulkameraden setzte er Computer in einer Garage zusammen und vertrieb die Teile über den kleinen Laden seines Vaters. Zwei Jahre später brach er die Schule ab und machte sich nunmehr auf eigene Rechnung selbstständig. In China fand er einen preiswerteren Lieferanten von PC-Teilen und verkaufte diese anschließend mit Gewinn in Deutschland und auf weiteren europäischen Märkten. Wie er später in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ zugab, war er keineswegs ein Fan von Computern oder Technologie, sondern des Geldverdienens. Das gelang ihm dann ganz gut, denn nach einem Jahr beschäftigte die Firma achtzig Mitarbeiter und setzte achtzig Millionen D-Mark um. In Deutschlang wurde es laut um ihn. Man erklärte ihn zu einem Goldjungen der dortigen Geschäftswelt. Als er achtzehn Jahre alt war, lud ihn Bundeskanzler Helmut Kohl in seine Vietnam-Delegation ein, zusammen mit anderen Geschäftsleuten, als neues Gesicht der Wirtschaft im wiedervereinigten Deutschland. Lars Windhorst war jüngstes Mitglied dieser Reise und später auch jüngster Gast beim berühmten Kongress in Davos. Bei diesen und ähnlichen Events gewann er auch unschätzbare Geschäftskontakte weltweit. Sobald er volljährig wurde, zog er nach Hongkong, denn seine Firma eroberte gerade den asiatischen Markt und er selbst plante, in Vietnam einen fünfzigstöckigen, nach ihm benannten, Wolkenkratzer zu bauen.

 

Bankrott und Rückkehr

So schön blieb es aber nicht die ganze Zeit. Es vergingen einige Jahre und Lars Windhorst geriet ihn sehr ernste Schwierigkeiten. Verfehlte und überstürzte Investitionen führten dazu, dass seine Firma im Jahr 2001 zu schwanken begann und zwei Jahre später Bankrott ging. Der 27-jährige Lars Windhorst musste damals auch Privatinsolvenz anmelden. Er war mit über 70 Millionen Euro verschuldet. „Das war demütigend. Ich durfte keine Kreditkarte haben, kein Bankkonto eröffnen und auch keine Verträge am Telefon abschließen. Ich fuhr mit einem geliehenen Wagen und borgte mir Geld von meiner Familie”, erzählte er 2010 in der „Süddeutschen Zeitung“. Doch er blieb nicht lange am Boden liegen. Bereits ein Jahr später gründete er eine weitere Investmentgesellschaft mit Namen Sapinda, die nach wenigen Jahren einen Wert von zwei Milliarden Euro erreichte! Lars Windhorst handelte nach wie vor riskant, indem er marode Firmen aufkaufte und versuchte, sie wieder auf die Beine zu stellen. Oft hatte er damit Erfolg, aber manchmal nicht, so dass sein Name hin und wieder im Zusammenhang mit Firmenpleiten auftauchte. 2010 verurteilte ihn ein Berliner Gericht zu einem Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung wegen Finanzstraftaten. Drei Jahre zuvor hatte er großes Glück im Unglück gehabt. 2007 musste sein Privatjet auf dem Flug von Hannover nach Macau in Kasachstan zwischentanken. Unmittelbar nach dem Start vom Flughafen in Almaty prallte sein Jet gegen eine Mauer und stürzte auf die Erde. Einer der Piloten kam auf der Stelle ums Leben und der zweite wurde schwer verletzt. Lars Windhorst erlitt Verbrennungen und Brüche und war insgesamt übel zugerichtet, aber nach vier Wochen verließ er das Krankenhaus. Die Bruchlandung hinterließ bei ihm nur einige Narben und einen Schaden an der Ohrmuschel. Er kann also von Vorsehung oder großem Glück sprechen, denn die Geschichte kennt ja Menschen, die eine Flugzeugkatastrophe zwar überlebten, aber in einem viel schlechteren Zustand.

 

Lars Windhorst will erreichen, dass Hertha BSC eine bedeutende Stellung im europäischen Fußball einnimmt
Foto: www.bz-berlin.de

 

Fußball: ein großes Geschäft

Der deutsche Geschäftsmann glaubt offenbar sehr stark an sein Glück und kostet das Leben weiterhin voll aus. Er hat geheiratet und nahm einen Wohnsitz in London, wo er prunkvolle Partys für die dortige Elite schmeißt und in verschiedenen Branchen investiert. So hat er z.B. Anteile an südafrikanischen Bergwerken, der Flensburger Werft und einer US-amerikanischen Firma, die elektronische Handschellen herstellt. Bei der Eröffnung eines seiner Büros in Berlin erschien Hollywood-Star Michael Douglas höchstpersönlich, und zwar angeblich ganz umsonst, als reiner Freundschaftsdienst!
Lars Windhorst ist zwar global aktiv, doch in seinen wenigen Presseaussagen und zahlreichen Aktivitäten schwingt trotzdem der eine große Wunsch mit, seinen Ruf in Deutschland wiederaufzubauen. Deshalb kaufte er für zehn Millionen Euro eine Kollektion von Christ-Werken, um sie später dem Bundestag zu übergeben. Außerdem unterstützte er finanziell eine Berliner Fotogalerie und engagiert sich nun auch in den Aufbau einer Fußballmacht in der Hauptstadt Deutschlands. Beim Start seiner Investition in den Fußball sparte sich Lars Windhorst die üblichen Standardfloskeln von jemandem, der bei einem Klub einsteigt. Er ist kein Fußballfan, obwohl seine Firma eine Loge im Berliner Olympiastadion gekauft hatte. Die Klubaktien hat er nicht aus einer Laune heraus gekauft. Es geht ihm nicht darum, für seine Firma Reklame zu machen und er betrachtet seine Investition in den Klub auch nicht als Corporate Social Responsibility. „Wie bei jeder meiner geschäftlichen Aktivitäten tue ich es wegen des Geldes”, machte Lars Windhorst klar. Seiner Ansicht nach hat Hertha BSC in Verbindung mit dem Potenzial der Stadt „viele tief hängende Früchte” zu pflücken. Der Investor geht davon aus, dass es ihm schnell gelingen wird, den Klub marketingmäßig attraktiver zu machen und dadurch gutes Geld zu verdienen. Zumal die gesamte Branche ja wächst. Lars Windhorst verweist auch darauf, dass der Fußball um einige Male schneller wächst als der Rest der Wirtschaft und das Geld aus Fernsehrechten wird praktisch von Jahr zu Jahr immer mehr.

 

 

Risiko ist da

Bereits bei vielen Investitionen in den Fußball bestand ein Ziel darin, Berühmtheit und einen guten Ruf zu erlangen. Lars Windhorst ist sich im Klaren darüber, dass sein Erfolg bei Hertha BSC dazu beitragen könnte, dass sein Name in Deutschland künftig wieder gute Assoziationen hervorrufen wird. Das Geschehen in Berlin wird dann auch sicher von anderen Klubs im Zusammenhang mit der 50+1-Regel aufmerksam verfolgt werden. Wenn die Zusammenarbeit so idyllisch verläuft, wie sie am Anfang dargestellt wird und Hertha sich tatsächlich viel mehr leisten kann als bisher, werden die Befürworter einer Abkehr von der 50+1-Regel ein sehr starkes Argument bekommen. Sollte es dagegen zu Schwierigkeiten und Problemen kommen, können allerdings die Gegner der 50+1-Regel triumphieren. Die Funktionäre bei Hertha BSC können dabei das Gefühl haben, dass sie nicht allzu viel riskieren, weil der neue Investor immer noch nicht den Vorstand ändern oder die Sportpolitik vorgeben kann. Dennoch birgt die Abhängigkeit vom Geld eines einzelnen Milliardärs immer auch Risiken, was man etwa beim HSV Hamburg mit Klaus-Michael Kühne erlebt hat. Dabei war sein Anteil am HSV ja prozentuell deutlich geringer als der von Lars Windhorst bei Hertha BSC. Zudem ist anzunehmen, dass die Hertha-Fans, die bereits seit einiger Zeit ein schwieriges Verhältnis zum Klub haben, sich nicht über die neuesten Nachrichten freuen werden. Ihnen missfallen das aggressive Marketing und die Versuche, den Klub zu kommerzialisieren. Da der neue Investor meint, dass bislang nicht genug in dieser Frage getan wurde, so bedeutet dies, dass sich nun ein neues Feld für Konflikte öffnet.

 

Windhorst statt Amerikanern

Zweifellos aber ist Lars Windhorst für Hertha BSC eine Chance auf Entwicklung und Herauskommen aus der Stagnation. Es ist nämlich kein Geheimnis, dass der Berliner Klub seit Jahren knapp bei Kasse ist. Das Gespenst großer Probleme konnte 2014 verscheucht werden, indem man einen Teil der Aktien an die US-amerikanische Firma KKR verkaufte. Der Geschäftspartner ermöglichte ein bescheidenes und ruhiges Leben in der Mitte der Bundesliga-Tabelle und eine Weiterentwicklung als ein Klub, der jungen Talenten zu einer Entfaltung verhilft und von deren Verkauf lebt. Bei der notwendigen Rückzahlung von Schulden aus der Vergangenheit war es jedoch nicht möglich, die finanzielle Lücke gegenüber der Tabellenspitze zu verkleinern. Hertha BSC hat noch immer eine Bundesliga-Lizenz mit Finanzaufsicht aufgrund der über vierzig Millionen Euro Schulden, obwohl sie die letzten Jahre im Allgemeinen mit einer positiven Bilanz abschließen konnte. Gerade wegen der Notwendigkeit einer bescheidenen Planung entschied sich der Klub im November vorigen Jahres dazu, die amerikanischen Aktien zurückzukaufen und einen neuen, größeren Partner für sich zu suchen. Nun sieht es danach aus, als ob man in Lars Windhorst einen solchen gefunden hat. Die über 100 Millionen Euro, die von einem Tag auf den anderen auf Herthas Bankkonto eingegangen sind, sollen nicht vollständig in die erste Mannschaft investiert werden. Zumindest nicht sofort. Die Berliner wollen dadurch einige ihrer Darlehen früher tilgen. Nach wie vor ist übrigens der Bau eines neuen, typischen Fußballstadions geplant, wobei das Engagement des Geschäftsmannes helfen könnte.

Bereits in diesem Sommer wird die „Alte Dame” viel mutiger als bisher auf dem Transfermarkt agieren können. Zwar kann man noch nicht endgültig sagen, dass Berlin nun nicht mehr die fußballerisch schwächste Hauptstadt im westlichen Europa ist, doch die Absicht, Granit Xhaka vom FC Arsenal, Julian Draxler von Paris SG oder auch Mario Götze und Mahmoud Dahoud von Borussia Dortmund in den Klub zu holen, sagt schon etwas aus.

 

Krzysztof Świerc