Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, June 19, 2021

Versöhnung, Freiheit, Erneuerung – Wallfahrt der Minderheiten auf den St. Annaberg

Unter diesem Leitmotiv stand die diesjährige Wallfahrt der Minderheiten auf den St. Annaberg. Die Pilger beteten in drei Intentionen, und zwar  zum 100. Jahrestag des Jahres 1921, sowie 30 Jahre des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrages und der Gründung des Verbandes deutscher Gesellschaften.

 

„Ich komme im Sommer fast jede Woche mit dem Fahrrad auf den Annaberg, die Teilnahme an der Minderheitenwallfahrt ist aber etwas Besonderes und ich freue mich, dass wir nach einem Jahr, in dem die Wallfahrt in der Oppelner Kathedrale stattgefunden hatte, nun wieder hier sein können“, sagt Martin Konietzko vom DFK in Krascheow und Barbara Gabor aus Przywor meint: „Es ist wichtig, dass wir hierherkommen und zeigen, dass wir da sind, dass wir unsere deutsche Sprache und Identität auch im Gebet bewahren wollen und es auch tun“.

 

Minderheitenwallfahrt auf den St. Annaberg 2021
Foto: R.Urban

 

Minderheitenwallfahrt auf den St. Annaberg 2021
Foto: R.Urban

 

Die Pilger sind aus verschiedenen Teilen Oberschlesiens zum Heiligen Berg der Schlesier gekommen, unter den Gästen waren aber neben dem Deutschen Botschafter in Polen Arndt Freytag von Loringhoven auch Vertreter der Landsmannschaft Schlesien und der Oberschlesischen Landsmannschaft. Ebenso kam Egon Primas, der Vorsitzende der Ost-und Mitteldeutschen Vereinigung der CDU. „Es ist wichtig, dass wir da sind und unseren Landsleuten damit zeigen, dass wir zu der deutschen Minderheit stehen und da ist der Annaberg und die Wallfahrt prädestiniert dazu“, meint Primas.

 

Nachbarschaftsvertrag

 

VdG-Vorsitzender Bernard Gaida
Minderheitenwallfahrt auf den St. Annaberg 2021
Foto: R.Urban

 

Noch vor Beginn des feierlichen Hochamtes sprach der VdG-Vorsitzende Bernard Gaida zu den Pilgern. Er verwies dabei auf das 30. Bestehen des Verbandes der deutschen Gesellschaften, aber auch auf den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag, dessen 30. Jubiläum auf den 17. Juni fällt. „Wir wissen, dass die Verträge nur dann von Bedeutung sind, wenn sie von Menschen mit Leben erfüllt werden. Das ist der Fall seit dreißig Jahren. Die Gemeinschaft der Deutschen aus Schlesien, Pommern, Ermland, Masuren, aus Lodz und aus ganz Polen, die als deutsche Minderheit genannt wird, ist mit dem Vertrag in besonderer Weise verbunden. Unsere Gemeinschaft, deren Bestehen nach 1945, nach der Grenzverschiebung und nach der Vertreibung der Einwohner des ehemaligen deutschen Ostens bestritten wurde, wurde durch diesen Vertrag anerkannt“, sagte Gaida.

 

Der Deutsche Botschafter Arndt Freytag von Loringhoven
Minderheitenwallfahrt auf den St. Annaberg 2021
Foto: R.Urban

 

Der Deutsche Botschafter in Polen Arndt Freytag von Loringhoven unterstrich in diesem Zusammenhang in seinem Grußwort die Bedeutung der Minderheit heute: „Die Menschen mit deutscher Nationalität in Polen spielen eine hervorgehobene und ganz besonders wichtige Rolle im deutsch-polnischen Verhältnis. Sie sind fester Bestandteil Polens und unverzichtbar als Brückenbauer, bilateral und europäisch“.

 

Vor 100 Jahren

In den Ansprachen und der Predigt des Oppelner Bischofs Andrzej Czaja dominierten allerdings die Ereignisse in Oberschlesien von vor 100 Jahren, deren Konsequenz, die Teilung Oberschlesiens, von polnischer Seite als großer Erfolg gefeiert wird. So sagte Bernard Gaida: „Die Tragödie des vergossenen Blutes wurde zur Tragödie zahlreicher Spaltungen. Die Grenze wurde durch eine in Jahrhunderten zusammengewachsene Gemeinschaft des Landes, der Menschen, der Tradition gezogen. Die Spaltungen mehrten sich dann andauernd. Johannes Paul II. war sich der Tragödie bewusst, als er 1983 hier sagte: „Diese Erde bedarf nämlich immer noch vielfältiger Aussöhnung““.

 

Bischof Andrzej Czaja
Minderheitenwallfahrt auf den St. Annaberg 2021
Foto: R.Urban

 

Auch Bischof Czaja unterstrich die notwendige Versöhnung, die aber in Wahrheit, mit Vergebung und der Bitte um Vergebung geschehen müsse. „In Anbetracht der Versöhnung braucht man nicht nur ein Gebet für die Gefallenen auf beiden Seiten. Wir brauchen auch ein gemeinsamen Gedenken der Ereignisse vor 100 Jahren und mehr noch eine große Sensibilität für das Wahrheitsempfinden bezüglich der vergangenen Ereignisse. Eine Basis hierfür ist die Achtung des historischen Gedenkens, das anders bei der polnischen Mehrheit, der deutschen Minderheit und in den Herzen der einheimischen Bevölkerung ist“, sagte der Oppelner Bischof und betonte:

 

„Daher müssen Schritte eingeleitet werden, um sich gegenseitig nicht zu verletzen. Es müssen entsprechende Worte ausgesprochen und Handlungen unternommen werden, die zur Vergebung und Versöhnung führen“.

 

Der Deutsche Botschafter Freytag von Loringhoven appellierte ebenfalls: „Der polnische Präsident Bronisław Komorowski bezeichnete die Geschehnisse vor 100 Jahren als Drama, das „nicht nur schlesische Dörfer und Städte, sondern auch Familienhäuser und oft einzelne schlesische Familien teilte“. So etwas darf nie wieder geschehen! Ganz besonders wichtig sind daher ein stetiger vertrauensvoller und für die anderen zugewandter Dialog und die enge deutsch-polnische Zusammenarbeit – bilateral wie in den europäischen Institutionen“. Dabei spiele der Annaberg eine besondere Rolle, meint der Botschafter:

„So wie der Annaberg 1921 für die Zerrissenheit Oberschlesiens und die Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen stand, so ist er heute ein Symbol der Versöhnung. Der Annaberg steht für das europäische, demokratische, vielfältige Polen“.

 

(Kein) gemeinsames Symbol

 

Kränze (auch eines mit polnischen Farben) am Grab der polnischen Aufständischen
Foto: R.Urban

 

Am Grab der deutschen Kämpfer im Jahr 1921 fehlt ein Kranz mit polnischen Farben.
Foto: R.Urban

 

Vor der Kranzniederlegung auf dem Annaberger Friedhof.
Foto: R.Urban

 

Ein Symbol der Versöhnung und ein Schritt zum vom Oppelner Bischof in der Predigt geforderten gemeinsamen Gedenken sollte das Kranzniederlegen sein, das nach der Wallfahrtmesse auf dem nahegelegenen Friedhof stattgefunden hatte. Dort befinden sich zwei Massengräber, eines von polnischen Aufstandskämpfern und das andere von deutschen Verteidigern. „Als Vertreter der Deutschen Minderheit möchten wir 100 Jahre nach den Kämpfen des dritten polnischen Aufstandes in Oberschlesien zeigen, dass wir herangewachsen sind, trotz Unterschieden im historischen Bewusstsein, allen Gefallenen die Ehre zu erweisen und für alle zu beten. Das erwarten wir auch von unseren Nachbarn und Staatsvertretern“, sagte bei dem Gedenken VdG-Vorsitzender Gaida. Fast alle offiziellen Gäste haben auf beiden Gräbern daher Kränze niedergelegt und ein Gebet gesprochen. Der ebenfalls bei der Wallfahrtsmesse anwesende Oppelner Woiwode Sławomir Kłosowski war da aber abwesend, ein Kranz mit polnischen Nationalfarben lag nur auf dem Grab der polnischen Kämpfer…

Rudolf Urban

 

Im Anschluss an die Wallfahrt fand im Pilgerheim eine erste Feierlichkeit zum 30. Bestehensjubiläum des VdG statt. Es gab die Premiere des Films „Deutsch im Herzen“, der die Anfangsjahre der sich gründenden deutschen Minderheit in Polen präsentiert. Danach folgte eine Diskussion mit Zeitzeugen sowie Musikkonzerte vor dem Pilgerheim. Weitere Veranstaltungen zum Jubiläum des VdG folgen.
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