Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Friday, December 3, 2021

„Die AGDM ist wichtig für uns alle“

Seit 30 Jahren existiert im Rahmen der Föderalistischen Union Europäischer Nationalitäten die Arbeitsgemeinschaft deutscher Minderheit. Vom 4. bis 7. November kam sie in Nordschleswig (Dänemark) zu ihrer Jubiläumstagung zusammen.

 

„Was ist eigentlich AGDM? An erster Stelle kam mir der Begriff ‚Gemeinschaft‘ in den Sinn. Wir sind wirklich eine Gemeinschaft der Volksgruppen, die sehr unterschiedlich sind. Das konnte ich in all den Jahren feststellen, die ich mit Euch oder bei Euch verbracht habe. Aber in allen Schicksalen gibt es einen Faden, der uns bindet. Auch wenn wir es nicht definieren können, weil das nicht unbedingt die Sprache ist, mit der wir fast alle Probleme haben; es sind nicht die Trachten, die Lieder oder die Geschichte, aber ich habe mich unter uns immer wie zu Hause gefühlt. Ich fühlte mich mit Euch wie in einer Familie, weil wir eine Gemeinschaft sind. Und dieses Gefühl stärkt uns gegenseitig“, sagte Bernard Gaida, Sprecher der AGDM und zugleich Vorsitzender des Verbandes deutscher Gesellschaften in Polen, beim Festakt auf dem Knivsberg in Nordschleswig.

Auf das Wort „Gemeinschaft“ kam auch der Präsident des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, in seiner Rede zu sprechen: „Die AGDM ist wichtig für uns alle. Jede einzelne Minderheit hat zwar Kontakte in Berlin, aber gemeinsam sind wir stärker. Wir können voneinander lernen – nicht 1:1, aber wir können uns gegenseitig austauschen und daraus neue Erkenntnisse gewinnen.“

 

Festakt

 

Das Trio Appasionata aus Ratibor beeindruckte das Publikum während des Festabends zu 30 Jahren AGDM.
Fotos: Martin Ziemer

 

Der Festakt zum 30. Jubiläum der AGDM war eine Gelegenheit, auf die Geschichte der Arbeitsgemeinschaft zu schauen, die auf Initiative des Bundesinnenministeriums im Rahmen der FUEN entstanden ist. Nicht weniger wichtig ist aber generell die Geschichte der deutschen Minderheit und dabei derjenigen in Mittelosteuropa und den GUS-Staaten, die sich größtenteils erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu ihren Wurzeln bekennen durften. „Oft waren wir im 20. Jahrhundert zuerst physisch und dann kulturell unterdrückt. Hinter dem Eisernen Vorhang verloren wir für das geteilte Deutschland an Bedeutung. In der Heimat wurden wir geduldet, aber oft nur, weil man uns als assimilationsfähig anerkannt hat“, sagte dazu Bernard Gaida.

Umso wichtiger sei es, was der AGDM in den vergangenen 30 Jahren gelungen ist und dass sich die deutschen Minderheiten auch für die Zukunft wappnen. Dazu gehört ein besonderes Augenmerk auf die Jugendarbeit, weshalb im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft ein Jugendkoordinator eingesetzt wurde, der die Zusammenarbeit des Nachwuchses der deutschen Minderheiten begleitet.

Aber auch das Wissen um die Minderheit in ihren Heimatländern und in Deutschland müsse noch weiter erhöht werden, meint Gaida: „Deswegen sind wir mit der Ausstellung „In zwei Welten“ durch mehrere Länder gewandert. Schade, dass die Pandemie uns diese Wanderung unterbrochen hat, deswegen aber haben wir es ermöglicht, die Ausstellung im Internet zu besuchen. Auch dadurch ist unsere Darstellung im Internet immer besser geworden.“

Den Festakt, an dem auch der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Prof. Bernd Fabritius, teilgenommen hat, beendete ein Kulturprogramm, bei dem auch das Ratiborer Streichtrio „Appassionato“ die Deutschen in Polen vertreten hat. „Das Ensemble hat wirklich Furore gemacht und ich kann nur stolz sein, dass wir in unseren Reihen eine solche Gruppe haben“, sagte im Nachhinein Bernard Gaida, der gemeinsam mit Martin Lippa, dem Vorsitzenden des DFKs Schlesien, für die Deutschen in Polen an der Tagung teilgenommen hat.

 

Arbeitssitzung

 

Die AGDM-Tagung gab Raum zum persönlichen Austausch unter den Minderheienvertretern.
Fotos: Martin Ziemer

 

Die Tagung der AGDM wurde aber auch genutzt, um sich mit den aktuellen Herausforderungen für die deutschen Minderheiten auseinanderzusetzen. Aus den Länderberichten während der Arbeitssitzungen konnte man deutlich heraushören, dass alle Volksgruppen mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, die nicht nur coronabedingt, sondern auch auf die Politik in den jeweiligen Ländern zurückzuführen sind. „Dass den Minderheiten Steine in den Weg gelegt werden, ist in immer mehr Ländern zu sehen und leider muss man es fast schon als Standard ansehen“, urteilt Bernard Gaida.

Daher ist es für die deutschen Minderheit besonders wichtig, von der Bundesregierung gezielt unterstützt zu werden. So hoffen die Minderheiten einerseits, dass auch die künftige „Ampel“-Regierung einen Aussiedler- und Minderheitenbeauftragten als Ansprechpartner benennen wird. Andererseits wollen sie auch auf unterschiedlichen Wegen in der deutschen Politik auf sich aufmerksam machen. „Es gibt wohl keine deutsche Volksgruppe in den europäischen und GUS-Ländern, die nicht Bundestagsabgeordnete benennen könnte, die mit ihr in irgendeiner Weise verbunden sind. All diese Personen wollen wir für die Belange der AGDM gewinnen“, sagt Bernard Gaida und fügt hinzu, dass die Arbeitsgemeinschaft nun auch aktiv an die zukünftigen Koalitionspartner in der Bundesregierung herantritt: „Ziel ist es, dass wir als deutsche Minderheiten einen Platz im Koalitionsvertrag der SPD, der Grünen und der FDP finden.“

Für die kommenden Monate hat sich die AGDM auch eine Reihe von Initiativen vorgenommen. So soll eine Kooperation mit dem Europarat auf den Weg gebracht werden, damit die Europäische Sprachencharta besser umgesetzt werde und die Minderheitensprachen realen Schutz gewinnen. Auch im Medienbereich gebe es Ansatzpunkte zu einer Zusammenarbeit. „Dabei habe ich unsere Idee aus dem VdG vorgestellt, ein Internetradio für alle deutschen Minderheiten auf die Beine zu stellen, was mit großem Interesse aufgenommen wird“, berichtet Bernard Gaida. Außerdem wolle man die politische Unterstützung und die Zusammenarbeit mit den kleineren deutschen Minderheiten intensivieren.

 

Nordschleswig

Dass gerade das heute dänische Nordschleswig als Austragungsort der AGDM-Tagung gewählt wurde, ist kein Zufall. Zum einen hat die Gemeinschaft beschlossen, nach Jahren der Tagungen in Berlin sich nun bei den jeweiligen deutschen Minderheiten zu treffen, um sich vor Ort von der Lage der Landsleute überzeugen zu können. Zum anderen sollte die Jubiläumstagung bereits vor einem Jahr stattfinden, als in Nordschleswig der 100. Jahrestag der Grenzziehung zwischen Deutschland und Dänemark begangen wurde. „Was coronabedingt nicht geklappt hat, haben wir nun nachgeholt und den Novembertermin gewählt, um mit den Nordschleswigern ihren traditionellen ‚Deutschen Tag‘ feiern zu können. Damit ergab sich für uns auch die Gelegenheit, mit dem schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther sowie dem Gesandten der Deutschen Botschaft in Kopenhagen, Joachim Bleicker, zu sprechen“, sagt Bernard Gaida.

Im Anschluss an die Jahrestagung der AGDM begann Anfang dieser Woche die Jugendtagung der Arbeitsgemeinschaft.

Rudolf Urban

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