Alfons Nossol (dritter von links)

Mit Erzbischof Prof. Dr. Alfons Nossol, dem Altbischof des Bistums Oppeln, sprach zu seinem 40. Priester-, 60. Bischofsjubiläum und zugleich 85. Geburtstag Rudolf Urban.

 

Herr Erzbischof, wer sind Sie eigentlich. Oder besser gefragt, wie schlesisch oder doch deutsch sind Sie?

 

Ich würde es nicht so formulieren, denn deutsch oder polnisch zu sein, ist für mich eine nationale Einengung und das klingt für mich ein wenig chauvinistisch. Ich bin Europäer, das ist meine innerliche Freiheit und daher bin ich auch stets bemüht, alles integraler, weiter, tiefer zu sehen, eben europäisch und human.

 

Das menschliche ist für mich ausschlaggebend, weil es in keiner Weise einengt. Und so ist es für mich auch mit Schlesien, das das Land des denkenden Herzens und des liebenden Verstandes war, ist und bleibt. Unsere Aufgabe ist es nun mal die Brückenfunktion auszuüben, und zwar zwischen dem emotionaleren Osten und dem rationaleren Westen. Daher ist Schlesien in seiner Funktion ein konkretes und wichtiges Phänomen in Europa, denn die europäische Kultureinheit war bei uns schon immer anwesend. Wenn wir sie dann allerdings  national einengen wollen, nehmen wir diese geheimnisvolle Brückenfunktion Schlesiens nicht wahr. Wir dürfen aber als Schlesier darauf stolz sein, dass wir uns nicht einengen lassen.

 

Trotzdem hat jeder von uns eine mehr oder weniger eindeutige kulturelle Identität und eine Sprache des Herzens, von der Sie oft sprechen.

 

Die Sprache des Herzens ist ein Begriff des 19. Jahrhunderts, der im Erzbistum Breslau geprägt wurde. Die dortigen Bischöfe haben im Hinblick auf die polnischsprachigen Gläubigen, vor allem in Oberschlesien, großen Wert darauf gelegt, dass sich der Mensch zutiefst menschlich eben nur in der Sprache des Herzens ausdrücken kann, denn in dieser rechnet man nicht nur, sondern vor allem betet und beichtet man. Außerdem ist es auch die Sprache der eigenen Träume. Somit drücke ich mich in dieser Sprache ganzheitlich und aus dem tiefsten Innern aus. Für mich ist daher nun einmal die Sprache des Herzens die deutsche Sprache, denn das ist meine Erstsprache.

 

Im Jahr 1977 wurden Sie zum Bischof des Bistums Oppeln berufen, nachdem sie in den Jahren zuvor nicht in der praktischen Seelsorge, sondern in der Wissenschaft tätig waren. Als wie schwierig empfanden Sie ihr Heimatbistum, vor allem durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, also Schlesier, Deutsche und Polen.

 

Ich würde nicht sagen, es war schwierig, aber eine bedeutend tiefe und wertvolle Erfahrung. Hier kam die Universalität des Menschseins zum Vorschein, aber auch das Anderssein – eine besondere Eigenschaft Schlesiens, die wir leider nur zu wenig hervorheben. Das Anderssein ist aber nicht gleichbedeutend mit dem Fremdsein. Denn durch das Andersseins kann man reicher werden, durch das Fremdsein nicht. Und wenn wir das Anderssein realistischer nehmen, weil es auch zur Brückenfunktion unseren Landes gehört, dann werden wir auch in schwierigen Fällen bedeutend mehr vermitteln können.

 

Gerade die Bereicherung durch das Anderssein, die vielseitige nationale Dimension, das zutiefst Europäische, war und ist eine besondere Eigenschaft dieser Region. Deshalb kann Schlesien nicht anders und darf sich auch nicht national einschließen.

 

Sie waren Bischof gerade in der Zeit, als die deutsche Minderheit sich in den 80er Jahren organisierte. Sie haben auch zu der ersten deutschen Messe nach 1945 in Oberschlesien, und zwar auf dem Annaberg beigetragen. Taten Sie es auf Wunsch oder doch aufgrund einer Forderung der Deutschen Minderheit?

 

Sowohl als auch. Aber der eigentliche „Schuldige“ war Papst Johannes Paul II., denn er hat seiner Friedensbotschaft zum 1. Januar 1989, also noch vor der politischen Wende, den Titel gegeben „Um Frieden zu schaffen, Minderheiten achten“. Ich konnte mich also später einfach auf ihn berufen: Der Papst hat es verkündet, die katholische Welt hat es angenommen und dem muss nun Rechnung getragen werden. Wo man sich gegen die Minderheitenseelsorge sträubte, ganz besonders nach dem ersten Gottesdienst auf dem St. Annaberg, habe ich gesagt, man solle sich bitte an den Heiligen Vater wenden, denn er hat es ermöglicht.

 

Ich habe ja auch mit Johannes Paul II. über seine Friedensbotschaft gesprochen, denn ich war zu dieser Zeit nicht nur Oppelner Bischof, sondern auch noch als Professor an der Katholischen Universität Lublin tätig und Leiter der wissenschaftlichen Kommission der polnischen Bischofskonferenz. Ich musste also in dieser Tätigkeit auch alles für die Bischofskollegen wissenschaftlich unterstützen, weshalb ich also die vatikanischen Dokumente schon vorab erhalten habe. Zu dieser Zeit war ich auch noch zufälligerweise in Rom und dort bekam ich die Friedensbotschaft. Papst Johannes Paul II. hat mich einmal zum Abendessen eingeladen und ich habe seine Botschaft ostentativ mitgenommen. Er sah sie gleich in meiner Hand und fragte mich, wie sie mir gefalle. Ich erwiderte: Heiliger Vater, das ist eine unheimliche Hilfe für uns, denn bei mir sind schon viele vorbeigekommen, die meinten, wir müssten wie in dem Erzbistum Breslau aus der Vorkriegszeit auch für die Minderheiten zuständig sein, die ihren Glauben in ihrer Sprache des Herzens leben wollen. Für uns in der Oppelner Diözese wird es aber nicht leicht sein, denn bei uns sind die Deutschen die Minderheit. Und Johannes Paul II. sagte mir dann einfach: „Na dann hast du in meiner Botschaft eine Stütze.“ Das war für mich über Jahre ein gutes Argument.

 

Die Reaktionen, auch in der Geistlichkeit, waren damals aber trotz Beistand des Papstes alles andere als positiv.

 

Ja, man muss ehrlich zugeben, dass schon bei der ersten Messe auf dem St. Annaberg bei den Franziskanern, vor allem die älteren Patres nicht gerade positiv eingestellt waren. Sie meinten, wir sollten die Messe in Oppeln organisieren, nicht aber bei ihnen, denn sie wollten nicht in mögliche politische Machtkämpfe involviert werden. Ich meinte aber, dass Oppeln nicht in Frage käme, denn dort wäre die Gefahr von Angriffen größer. Außerdem sollte der Start der späteren Minderheitenseelsorge diözesenübergreifend sein, also kam nur der Annaberg in Frage, wo die Franziskaner die Schlesier doch eigentlich immer sehr ernst genommen haben. Hier konnten die Schlesier ihr Schlesiertum wirklich ausleben, ein anderer Ort wäre also falsch. Nachdem schließlich auch der Provinzial der Franziskaner zustimmte, konnten die Patres auf dem St. Annaberg nicht anders, die Messe konnte am 4. Juni 1989 stattfinden.

 

Jetzt nach Jahren, wie beurteilen sie die Entwicklung der Seelsorge der deutschen Minderheit. Würden Sie es heute, aus der Perspektive der Zeit anders machen?

 

Man muss zunächst einfach sagen, die Seelsorge der Minderheit hat sich entwickelt, trotz allem. Denn viele Geistliche, die aus persönlichen oder anderen Gründen die Brückenfunktion Schlesiens auch in der Seelsorge nicht wahrnehmen konnten oder wollten, waren dagegen. Aber da bemühte ich mich, keinen zu zwingen, gegen sein Gewissen zu arbeiten. Diese Priester sollten dann allerdings ihre Pfarrgemeinden, die von der Minderheit bewohnt waren, verlassen und in Gegenden ziehen, wo es diese nicht gibt, z.B. in die Gegend um Leobschütz, wo fast alle Deutschen nach dem Krieg vertrieben und die ebenfalls heimatvertriebenen Polen aus dem Osten angesiedelt wurden. Nur wollten viele Priester eine solche Alternative nicht, weshalb sie dann mein Geheiß annahmen, die Seelsorge in der Sprache des Herzens anzubieten. Pfarrer Globisch, der für die Minderheitenseelsorge zuständig war, bot ihnen auch entsprechende Kurse an, damit die Geistlichen auf deutsch zelebrieren konnten. Dabei verlangten wir nicht unbedingt deutsch zu predigen, weil das erst mit der Zeit und der Erfahrung kommen konnte.

 

Vom Bistum Oppeln gehen wir noch etwas in die große weltliche und kirchliche Politik. Sie haben in Ihrer aktiven Zeit als Bischof nicht nur Päpste und Kardinäle getroffen, sondern auch Staats- und Regierungschefs. War es für Sie eine Besonderheit, diese Menschen treffen zu können und ihnen auch einmal klar Ihren Standpunkt darzulegen?

 

Das habe ich stets getan. Ich habe es nie gescheut zu sagen, wie einerseits die deutsche Minderheit hierzulande zu handeln hat, andererseits aber, wie man Zwietracht und Politisierung vermeiden kann. Denn wir dürfen nicht versuchen, ein anderes Land inmitten dieses Landes zu gründen, dann zerbricht die Einheit. Ich habe aber daraus keinen Hehl gemacht, dass die Situation in unserem Bistum nicht einfach ist, dass die Minderheitenförderung auch Wille unseres Papstes ist. Mit ihm habe ich die Situation in unserem Bistum besprochen und sagte ihm auch, was mir persönlich geschehen ist: Dass man also z.B. am Bischofssitz Parolen schmierte mit der Aufschrift “Nossol, raus nach Berlin“, wobei die beiden „S“-Buchstaben als Runen gekritzelt wurden. Und Johannes Paul II. hat mir immer wieder gesagt: „Du musst Dich einfach auf die Friedensbotschaft aus dem Jahr 1989 stützen, dass die Achtung der Minderheiten ein Weg zum Frieden ist. Das ist Deine Friedensarbeit. Und so habe ich es bei jeder Gelegenheit dargestellt, nicht nur in Gesprächen mit großen Politikern.

 

Mich erreichten ja vor allem Anfang der 90er Jahre verschiedene Drohbriefe wegen der Seelsorge für die deutsche Minderheit, aber die habe ich nie beantwortet, auch wenn die Absender bekannt waren. Ich habe dagegen die Botschaft des Papstes zum Thema Minderheiten immer bei meinen Besuchen in den einzelnen Pfarreien, z.B. zu den Firmungen, erwähnt.

 

Generell muss man ja sagen, Patriotismus ist etwas gutes, er muss aber die Gestalt der Liebe und nicht des Hasses annehmen und ich sagte oft, wir sollten insofern wie in einer Familie hinnehmen, dass man sich die Geschwister nicht aussuchen kann. Ähnlich ist es dann auch in unserem Bistum, die Zweisprachigkeit, die Doppelkulturalität müssen wir einfach annehmen auch in der Eucharistiefeier. Und da muss sowohl der Geistliche wie der Gläubige gewillt sein, den Opfergedanken zu akzeptieren und den wahrhaftigen Friedensgruß leben.

 

Mit dem Begriff „Friedensgruß“ kommen wir nun auch zu einem der wohl wichtigsten Ereignisse, nicht nur im deutsch-polnischen Verhältnis und im Leben der Minderheit, sondern auch für Sie, und zwar zur Versöhnungsmesse in Kreisau 1989 zwischen Premierminister Mazowiecki und Bundeskanzler Kohl. Diese Messe markiert ja den Beginn der Normalität in den deutsch-polnischen Beziehungen.

Ich erinnere mich, dass ich mit Premierminister Mazowiecki vor Helmut Kohl in Kreisau angekommen bin, er sich die gesamte Lage angesehen und auch die verschiedenen Transparente gelesen hatte. Was ihm wirklich Angst machte, war die Aufschrift „Helmut, Du bist auch unser Kanzler“, denn er fürchtete um den Ausgang des Ganzen. Ich beruhigte ihn aber, dass eine Eucharistiefeier nie tragisch endet – abgesehen von der ersten, die mit dem Kreuz Christi endete. Und so habe ich auch zu Beginn der Messe gebeten, dass man alles zur Seite legt und sich sammelt, da wir die Eucharistie feiern wollen. Die Menschen folgten meiner Bitte, was beim Gefolge Helmut Kohls auf Verwunderung stieß. Ich hatte in der deutschen Delegation einige Bekannte und Freunde, die mir danach gesagt haben, es wäre in Deutschland nicht möglich, dass die Menschen so auf einen Bischof hörten. Ich sagte einfach, bei uns gehe es halt anders zu.

 

Der Friedensgruß selbst war wirklich der neue Anfang und man hat gesehen, wie Kohl Mazowiecki geradezu zu diesem Gruß aufforderte, denn ihm war sehr an diesem Symbol, aber auch an einer realen Aussöhnung gelegen. Dabei wollten einige von mir verlangen, dass ich den Friedensgruß bei dieser Messe auslasse, was ich aber nicht konnte, weil dieser nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil zum integralen Bestandteil einer jeden Messe gehört. So musste ich sagen, wenn man eine Ausnahme wolle, müsse man schon persönlich darum im Vatikan anfragen. Ich könne gerne die Telefonnummer weitergeben.

 

Man muss in diesem Zusammenhang auch erwähnen, dass Helmut Kohl wirklich anfangs auf den Sankt Annaberg wollte, um dort die Messe zu feiern. Letztendlich kam es nicht dazu, auch weil die polnische Seite wusste, dass dann rechtsradikale polnische Gruppierungen einen Aufmarsch organisiert hätten, um einen deutschen Kanzler nicht auf den Berg zu lassen. Kohl wollte aber zu Beginn nichts davon wissen, weshalb ich sogar Kardinal Lehmann aus Mainz um Vermittlung gebeten habe. Erst dann hat Bundeskanzler Kohl eingelenkt und verstanden, dass es nicht zu einer Auseinandersetzung zwischen einem deutschen Kanzler und einer rechten polnischen Jugendorganisation kommen könne.

 

Schließlich muss man dann aber auch sagen, dass Kreisau nicht weniger symbolisch ist, denn es ist ein Ort des wahren Widerstandes gegen Hitler und seine Politik der Ausgrenzung, der Entzweiung und des gegeneinander Ausspielens. Dieser Politik standen die Widerständler von Kreisau in ihrem christlichen Glauben und schon damals im Grunde bestehenden aber noch nicht bewusst formulierten europäischen Einigungsgedanken gegenüber.

 

Kommen wir nun zu den heutigen Zeiten. Sie sind nach vielen aktiven Berufs- und Berufungsjahren nun im Ruhestand. Wie viel Ausruhen geht denn?

 

Es ist ein aktiver Unruhestand, denn absolutes Nichtstun liegt mir nicht. Ich tue also alles, was in meiner Macht steht und mir meine Gesundheit erlaubt. Wenn man aber wie ich, 85 Jahre auf den Schultern hat, muss man auch kürzer treten. Doch soweit und solange es geht, will ich für die Menschen da sein, denn das ist das Grundprinzip des Priesterdaseins: für die Menschen und nicht für sich selbst da zu sein. Deswegen ist es äußerst wichtig daran zu erinnern: Priester zu sein, aber auch einfach Christ zu sein, bedeutet immer von Grund auf für die Anderen da zu sein.

 

In diesem Jahr feiern Sie ja gleich drei Jubiläen, zu denen wir Ihnen sehr herzlich gratulieren. Gleichzeitig frage ich mich, was Sie sich als Geschenk wünschen?

 

Dass man bei uns im Land, in Europa und der Welt den Frieden noch tiefer begründet. Dass das Anderssein des Menschen hingenommen wird und dass man darin eine Bereicherung sieht. Die Einheit Europas als Kulturgemeinschaft sollte vertieft werden, denn das hilft uns den Frieden zu bewahren.