Foto: Marie Baumgarten

Foto: Marie Baumgarten

Auch wenn ich den Lesern hier wohl kaum erklären muss, warum es sich lohnt ein Praktikum in Schlesien zu machen, möchte ich dennoch erzählen, weshalb es sich besonders für mich lohnt in die Heimat meiner Eltern zu kommen. Vielleicht konnte ich ja sogar einige meiner Freunde aus Deutschland (ein kleiner Gruß an dieser Stelle) für diese Kolumne begeistern und werde ihr Interesse an der Region wecken.

 

Da meine Familie aus Schlesien stammt, war ich von Anfang an damit verbunden. Ich hörte zahlreiche Geschichten von meinen Großeltern, meinen Eltern und anderen Verwandten, die wir gelegentlich besucht haben.

Hinzu kamen selbstverständlich die jährlichen Besuche hier. Nun trat leider das ein, was so häufig eintritt, wenn man bei etwas nicht wirklich eine Wahl hat: Ich empfand sie als lästig.

Als Kind fielen einem viele Dinge noch deutlich einfacher. Beispielsweise spielte die Sprache kaum eine Rolle. Die Regeln vom Fußball sind hier nicht anders als in Deutschland, sodass ich eine Menge Spaß mit den Jungs aus der Nachbarschaft hatte. Gab es dennoch einmal Verständigungsprobleme, waren die Eltern nicht weit weg und unklar gebliebene Wörter konnten mir zwischen Tür und Angel übersetzt werden, sodass das Spiel fortgesetzt werden konnte.

Im Teenager-Alter lief das Ganze dann ein klein wenig anders. Genau wie ich in Deutschland meinen festen Freundeskreis hatte, der am liebsten unter sich blieb, hatten auch die Jungs hier aus der Nachbarschaft ihren Freundeskreis, in dem ich zunehmend merkte, dass ich nicht dazugehörte. Ich muss sagen, dass ich das heute weitaus besser verstehe als damals.

Nun war es aber wie es war und die Sommerferien hier zu verbringen, wurde immer unattraktiver für mich. Ich konnte nicht verstehen, weswegen meine Eltern mich und meine Schwester dennoch Jahr für Jahr mitnehmen wollten. Heute glaube ich (und da liege ich vermutlich richtig), dass sie uns zeigen wollten, wo unsere Familie herkommt und dass es einen Ort außerhalb von Deutschland gibt, den wir „zu Hause“ nennen können.

Auch wenn ich rückblickend dafür dankbar bin, entschied ich mich mit den Jahren immer öfter nicht mehr hierher zu kommen und stattdessen die Ferien mit meinen Freunden in Deutschland zu verbringen.

 

Nahezu schlagartig änderte sich dies, als ich zur Universität kam. Ich lernte eine Menge Leute kennen, die aus den unterschiedlichsten Regionen Deutschlands, Europas und der ganzen Welt nach Mainz kamen, um dort zu studieren. Nun kann ich leider nicht behaupten, dass ich sie gut genug habe kennenlernen dürfen, dass ich alle Feinheiten kennen würde, doch ist eines hängengeblieben: Jeder hatte Freude daran, anderen aus der Heimat zu berichten. Über Eigenheiten der Leute dort, besondere Feste im Jahr, was dahinter steckt und warum sie sich so wohl dort fühlen. Seit dem Beginn meiner Zeit an der Universität habe ich den Eindruck, dass die größte Gemeinsamkeit der Leute dort ihre Verschiedenheit ist. Besonders in der Kennenlern-Phase handelten viele abendliche Gespräche von den Besonderheiten der Heimatregionen.

 

Inspiriert von den Geschichten der anderen, fand auch ich Gelegenheit von Schlesien zu erzählen und die Geschichten, die schon mir erzählt wurden. So wurde nach einiger Zeit wieder mein Interesse an Schlesien geweckt und dieses Interesse führte mich zuletzt hier nach Oppeln in die Redaktion für ein vierwöchiges Praktikum. Ich möchte die Zeit hier nutzen, um einen Einblick zu bekommen in die Aktivitäten der Minderheit. Was unternimmt sie und ihre Vertreter? Was beschäftigt die Menschen hier? Wie sehen sie sich selber und wie ist ihr Verhältnis zu Deutschland?

 

Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, recherchierte ich und machte bereits nach kurzer Zeit eine Entdeckung, die ich sehr spannend fand: ein deutschsprachiger Stammtisch in Breslau für Deutschsprachige und solche, die es werden wollen. Als ersten Anlaufpunkt, um Leute kennenzulernen ideal – für mich, aber auch für alle anderen, die da hinkommen würden. Das witzige an der Stammtisch-Geschichte ist, dass ich der Idee eines Stammtischs generell selten abgeneigt bin. Auch daheim habe ich seit dem Abitur mit Freunden einen gegründet, um in der Zeit des Studiums nicht den Kontakt abreißen zu lassen. Nun würde ich zu einem gehen, um neue Kontakte zu knüpfen. Das Stammtisch-Konzept ist offensichtlich sehr vielseitig.

 

Am Mittwochabend fuhr ich also nach Breslau. Die Kneipe am Ring war nicht schwer zu finden und der Ort gut gewählt. Wer zum ersten Mal in Breslau war, würde einen tollen Eindruck von der europäischen Kulturhauptstadt 2016 bekommen: Direkt am Ring gelegen, stimmungsvoll beleuchtet und auch zur späteren Stunde noch gut besucht. Ebenso beeindruckend wie der Ring selbst, war die Kneipe Kocia Kolysca, in der der Stammtisch stattfinden sollte.

Ich bin mit der Erwartung hingegangen, das ein oder andere nette Gespräch zu führen, um einen besseren Eindruck über die Leute von hier zu bekommen und ich wurde nicht enttäuscht.

Ich lernte Studenten, ehemalige Studenten und Geschäftsleute kennen – aus Deutschland und Polen, sie alle verband die deutsche Sprache. Für die einen war es die Sprache der Großeltern, für die anderen die Sprache ihrer Geschäftspartner und Kunden oder die Sprache ihrer Freunde und Bekannten. Auffällig war, dass beinahe jeder, der erfuhr, dass ich aus Deutschland sei, eine kleine Geschichte dazu erzählen konnte. Man fragte mich nach Orten, die sie besucht hatten und ob ich ebenfalls schon dort gewesen sei und erzählten mir, dass sich der Aufenthalt dort auf jeden Fall gelohnt habe. Ich war mir die ganze Zeit nicht sicher, was der Grund dafür sein mochte, dass sie Deutschland zumeist in höchsten Tönen lobten. Ich entschied mich dafür, dass es keine Rolle spielte. Entweder sie fanden es tatsächlich so schön dort, was mich sehr für sie freuen würde, oder sie erzählten es mir, damit ich mich in der Runde wohler fühlte, was ihnen auf jeden Fall gelang.

 

Organisator des Stammtisches war die Deutsche Sozialkulturelle Gesellschaft der Deutsche in Breslau, deren Aufgabe es ist, die deutsche Sprache und Kultur in Schlesien zu fördern. Der Stammtisch sei eine Maßnahme, dies auch außerhalb des Unterrichts zu ermöglichen und eine angenehme Atmosphäre zu schaffen für ein Zusammenkommen von Schlesiern, Polen und Deutschen, die Interesse an der deutschen Sprache haben.

Auch wenn sie es zum Teil bescheiden verneinten, sprachen sie doch allgemein sehr gut Deutsch und ich finde, dass sie darauf stolz sein sollten und dürfen. Meine eigenen Polnisch-Kenntnisse sind eher überschaubar und ich weiß, wie schwer es ist, sich souverän in einer anderen Sprache zu verständigen. Die Identifikation als Schlesier ist wahrscheinlich eine enorme Motivation für die jungen Leute hier, um die deutsche Sprache zu lernen.

 

Abschließend kann ich vorerst festhalten, dass ich einige sehr sympathische Menschen kennengelernt habe, die ich höchstwahrscheinlich und gerne in meiner Zeit hier wiedersehen werde, um mich weiter mit ihnen auszutauschen. So wie ich es erlebt habe, haben sie großes Interesse daran Kontakte zu Deutschen zu knüpfen, aufgeschlossen sind und offen aufeinander zugehen. Ich bin froh, dass ich Teil davon bin.

 

Frank Czerner