Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, October 6, 2022

Joseph Martin Nathan – Visionär und organisatorisches Multitalent

 

Nur wenige wissen heute noch, dass wir die Gründung der Branitzer Heil- und Pflegeanstalt in der Woiwodschaft Oppeln einem Geistlichen zu verdanken haben. Dabei war Joseph Martin Nathan nicht nur einfach ein Pfarrer und Kaplan, sondern er hatte ein außergewöhnliches organisatorisches Talent.

 

Im Bereich der Pflege von Kranken und Hilfsbedürftigen war er ein richtiger Visionär. In den 40 Jahren, in denen er in Branitz war, hat Nathan eigentlich eine komplette Kleinstadt gebaut.
Joseph Martin Nathan wurde am 11. November 1867 in Stolzmütz (Landkreis Leobschütz) geboren. Nachdem er 1887 am Gymnasium in Ratibor das Abitur ablegte, studierte er ein Semester Theologie in Freiburg im Breisgau. Später folgte ein Jahr Militärdienst. Danach setzte er das Theologiestudium an der Universität in Breslau fort. In Breslau erhielt er auch 1891 die Priesterweihe. Nur kurz war er dann Kaplan in Sabschütz, bis er 1892 nach Branitz versetzt wurde. Von Anfang an beschäftigte ihn das Wohlbefinden der Kranken, Armen und Hilfsbedürftigen. Während eines seelsorgerischen Besuchs bei einer Familie in Branitz entdeckte er, dass diese ihren behinderten Sohn im Schweinestall einschließt. Dieser Anblick soll Nathan unglaublich erschüttert haben und gab den Impuls, sich den Behinderten und Bedürftigen zu widmen. Bereits 1902 war das Haus für Geisteskranke fertiggestellt worden. Doch Joseph Martin Nathan ruhte sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern begann gleich mit dem Ausbau.  Auf dem zehn Hektar großen Gelände wurden außerdem eine Zentralküche, ein Handwerkerhof mit Werkstätten, eine Dampfwäscherei, eine Bäckerei, eine Mühle, eine Fleischerei und eine Gärtnerei errichtet. Für die Ärzte der Pflegeanstalt ließ Nathan Wohnungen bauen. Wären die Nationalsozialisten nicht an die Macht gekommen, hätte er wohl noch das Forschungsinstitut für Gehirn- und Nervenkrankheiten gebaut. Die Pläne waren schon fertig.

 

Joseph Martin Nathan
Bild: Krzysztof Stręcioch

Traurig war das Lebensende von Joseph Martin Nathan. Im September 1945 wurde er von Erzbischof August Hlond seines Amtes enthoben und ein Jahr später von polnischen Behörden ausgewiesen. Er verstarb einige Wochen später. Erst nach seinem Tod kehrte er nach Hause zurück. 2014 wurden seine Überreste nach Branitz überführt. Das Branitzer Krankenhaus trägt heute seinen Namen.

 

Anna Durecka

 

Die Veröffentlichung „Superhelden_innen Schlesiens“ wurde vom Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit herausgegeben und aus Mitteln des Goethe-Instituts Krakau finanziert. Man kann sie kostenlos unter www.haus.pl runterladen.

 

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