Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, December 8, 2022

Liebe ohne Grenzen

In unserer globalisierten Welt sind Partnerschaften zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturkreisen inzwischen völlig normal. Die Liebe macht eben vor Grenzen nicht Halt – trotz eventueller Sprachbarrieren und Mentalitätsunterschiede. Auch in Deutschland und Polen gehören binationale Paarbeziehungen in allen möglichen Konstellationen mittlerweile zum Alltag. Zum Valentinstag am 14. Februar hat unser ifa-Redakteur Lucas Netter deshalb mit drei derzeit in Polen lebenden polnisch-schlesisch-deutschen Ehepaaren gesprochen und sie nach ihrem gemeinsamen Weg und den Besonderheiten ihres grenzüberschreitenden Glücks gefragt.

 

Bei den Italienern des Ostens

Marta aus der Kleinstadt Pajęczno in der Woiwodschaft Łódź und Jörg aus Ostfriesland sind seit 2011 verheiratet und leben seit gut einem halben Jahr mit ihren beiden Töchtern Janinka und Anielka in Oppeln.Kennengelernt haben sie sich 2009 im rheinland-pfälzischen Trier, wo Marta damals Germanistik und Erziehungswissenschaften studierte. Jörg arbeitete dort bereits als Lehrer für Deutsch und Religion und suchte zu diesem Zeitpunkt nach einer Mitbewohnerin für seine WG. Auf seine Annoncen meldete sich eine junge Frau aus Polen, die wiederum mit Marta befreundet war. „Als die neue Mitbewohnerin dann einzog, hatte sie Unterstützung von Marta“, erzählt Jörg. „Und ich dachte sofort: Mensch, die ist ja süß!“
In der Folgezeit haben die drei viel zusammen unternommen, gemeinsam gekocht und das ein oder andere Glas Moselwein genossen. Gleichzeitig konnte Jörg mit den beiden Frauen sein Polnisch verbessern, das er ein paar Jahre zuvor während eines Auslandsjahres in Krakau gelernt hatte. „Auf Polnisch kann ich auch besser flirten“, sagt er grinsend. „Nach ein paar Monaten ist die Mitbewohnerin dann ausgezogen, aber Jörg und ich haben uns weiterhin getroffen“, berichtet Marta. „Und irgendwann bin ich dann bei ihm eingezogen“, fügt sie vielsagend hinzu.

Marta und Jörg mit ihren beiden Töchtern Janinka (links) und Anielka.
Foto: Wera Hoekstra

Aus der frischen Liebe entwickelte sich schnell eine feste Beziehung und der Wunsch nach einer gemeinsamen Zukunft. Und so heirateten die beiden und zogen 2012 in Jörgs Heimatregion Ostfriesland, wo sie als Lehrer arbeiteten und eine Familie gründeten. Im August 2021 wurde Jörg dann über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen als Landesprogrammlehrer nach Oppeln entsandt – natürlich mit Marta und den Kindern. „Marta war schon so lange in meinem Land, da wollte ich auch noch mal in ihrem Land sein“, erklärt er seine Motivation, nach Polen zu gehen. „Außerdem ist es uns wichtig, dass Janinka und Anielka gut Polnisch sprechen können“, ergänzt Marta, die derzeit noch in Elternzeit ist.
Als Polen-affiner Mensch genießt Jörg seinen Aufenthalt im Heimatland seiner Frau. An den Menschen hier schätzt er ihren entspannten Umgang mit den Herausforderungen des täglichen Lebens. Auch die Kaffeekultur hierzulande gefällt ihm. „Das dichte Netz an schönen Cafés in Polen finde ich wirklich großartig“, sagt er. Mit der emotionalen Diskussionskultur vieler Polen hadert er allerdings oft. „Wir sind eben ‚von Natur aus‘ sehr emotional, ein bisschen wie die Italiener“, wirft Marta ein.„Die Italiener des Ostens also“, sagt Jörg lachend.

Negative Erfahrungen als polnisch-deutsches Paar haben die beiden bisher fast keine gemacht. „Nur einmal haben sich in einer Kneipe in Greifswald ein paar AfD-Sympathisanten daran gestört, dass wir uns auf Polnisch unterhaltenhaben“, erzählt Jörg. Ein anderes Mal habe in Ostfriesland eine Nachbarin bei ihnen geklingelt und gefragt, ob Marta nicht Lust hätte, bei ihr zu putzen. „Das war schon komisch“, sagt der 46-Jährige. Doch abgesehen von diesen Einzelfällen seien die Reaktionen auf ihre Beziehung eher von Neugier und Interesse geprägt, meint Marta.

Voraussichtlich im kommenden Jahr wird die junge Familie wieder nach Ostfriesland zurückkehren. Ihr Lebensabschnitt im Oppelner Schlesien wird sie bis dahin aber sicherlich nachhaltig geprägt haben.

 

„Polen sind Improvisationskünstler“

Dass sich eine polnisch-deutsche Liebe auch in der Ukraine entwickeln kann, beweist die Geschichte von Oliwia und Julian. Die Polin aus Neusalz (Nowa Sól) in der Woiwodschaft Lebus und der Deutsche aus Bremen lernten sich nämlich im westukrainischen Czernowitz (Tscherniwzi) kennen. Im Jahr 2015 absolvierte Oliwia dort den Europäischen Freiwilligendienst bei einer NGO für lokale Entwicklung; Julian arbeitete zur gleichen Zeit an der örtlichen Universität als Sprachassistent des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). „Das erste Mal haben wir uns in meinem Deutschunterricht gesehen“, erzählt Julian. „Allerdings war sie nur einmal da“, fügt er lachend hinzu.

Wirklich miteinander ins Gespräch kamen die beiden erst beim universitären Englisch-Klub, einem Treffpunkt für die Expats in Czernowitz. Und nachdem sie sich dann einige Monate lang umgarnt hatten, wurden sie im Frühjahr 2016 schließlich ein Paar. Etwa drei Jahre später, im Juni 2019, folgte auch schon die polnisch-deutsche Hochzeit in Oliwias Heimatstadt Neusalz, wo das junge Ehepaar bis heute wohnt. Oliwia arbeitet am dortigen Stadtamt, Julian ist als Kulturmanager des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) für die Deutsche Sozial-Kulturelle Gesellschaft (DSKG) in Breslau tätig.

 

Olivia und Julian
Foto: privat

„Wir kommunizieren ausschließlich auf Polnisch miteinander“, erzählt Julian, der die Sprache schon während seines Studiums in Bremen und Oldenburg (inklusive Auslandssemester in Warschau) lernte. Abgesehen von diesem Verständigungsaspekt spielt die unterschiedliche Nationalität der beiden im Alltag aber keine Rolle. „Wenn wir uns mal zoffen, dann nicht, weil sie Polin ist oder ich Deutscher bin“, sagt Julian.

Ihm gefällt es in seiner Wahlheimat, in der er auch die Zukunft für sich und seine Frau sieht. Die Menschen in Polen bezeichnet er als „Improvisationskünstler“, von denen sich die Deutschen noch eine Scheibe abschneiden könnten. An den wilden Straßenverkehr hierzulande und den teils rücksichtslosen Fahrstil vor allem der männlichen Autofahrer könne er sich allerdings nicht gewöhnen. „Das ist eine absolute Katastrophe“, meint er.

Was ist ihm an der polnischen Mentalität sonst noch aufgefallen? „Viele Polen beschweren sich gern und oft“, sagt Julian mit einem Augenzwinkern. „Auf Polnisch gibt es ja diesen schönen Ausdruck ‚narzekać‘ – und diese ‚Vorliebe‘ der Einheimischen, sich über etwas zu beschweren, beobachte ich hier recht häufig.“ Oliwia hingegen findet, dass die Familienbeziehungen in Polen viel enger als in Deutschland seien. Vielleicht haben sich die beiden auch deshalb dazu entschlossen, ihr Leben vorerst in Polen zu verbringen.

 

Im Ruhrgebiet gestartet, in Schlesien gelandet

Als sich die Wege der Schlesierin Barbara und des Rheinländers Michael vor knapp neun Jahren in Essen kreuzten, hätten sie wohl nie gedacht, dass sie mal gemeinsam in Oppeln landen würden. Doch der Reihe nach:

Barbara war bereits im Jahr 2000 aus dem oberschlesischen Walzen (Walce) zum Studium ins Ruhrgebiet gekommen. Nach ihrem Abschluss blieb sie der Region treu und arbeitete als Projektmanagerin für eine NGO in Dortmund. Michael stammt aus Rheinberg am unteren Niederrhein und studierte zum damaligen Zeitpunkt noch Kommunikations- und Medienwissenschaften in Duisburg.
Und wie es das Schicksal offenbar wollte, besuchten die beiden an einem Februartag des Jahres 2013 dieselbe Geburtstagsparty – auf der sie sich dann auch kennenlernten. Aus dem verbalen Erstkontakt („Kannst du mir bitte auch ein Bier vom Balkon mitbringen?“) entwickelte sich im Laufe des Abends ein anregendes Gespräch über Gott und die Welt. Aneinander interessiert, verabredeten sie sich direkt für den nächsten Tag zum Spazierengehen, auf das weitere Treffen, Ausflüge und später sogar eine gemeinsame Reise nach Marokko folgen sollten. So wurde aus dem lockeren Partyflirt recht schnell eine ernsthafte Beziehung.

Barbara und Michael
Foto: privat

So ernsthaft, dass sie auch einige Phasen der räumlichen Trennung überstand, als es Barbara beruflich in die Türkei und nach Indonesien verschlug. Michael folgte ihr sogar für einige Zeit nach Südostasien, da er als inzwischen selbstständiger Berater für Onlinemarketing ortsungebunden arbeiten kann.
Nach einem Zwischenstopp in Berlin – wo die beiden schließlich heirateten und im Mai 2019 Tochter Amina geboren wurde – leben sie nun seit Herbst 2021 in Oppeln. Barbara ist hier für das Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) tätig, Michael arbeitet weiterhin im Homeoffice und pendelt einmal im Monat für Kundengespräche nach Berlin.

Obwohl er weder Polnisch noch Schlesisch spricht, bleibt ihm die Mentalität und Kultur der Menschen im Oppelner Schlesien nicht verborgen. „Man merkt sofort, dass die Kirche hier noch einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland hat“, sagt er. „Und im Berufsleben sind flache Hierarchien eher die Ausnahme. Das kenne ich von der deutschen Arbeitswelt auch anders“, fügt er hinzu. Im Ehealltag spielt ihre jeweilige Herkunft jedoch keine Rolle. „Das war bei uns nie ein Thema“, sagt Barbara. Ihre Tochter erziehen sie aber selbstverständlich zweisprachig.

Mit der „Landung“ in Oppeln ist die Reise der kleinen Familie natürlich noch lange nicht zu Ende. Mittelfristig wollen die drei wieder nach Deutschland zurückkehren, genauer gesagt nach Essen, also dorthin, wo vor neun Jahren Barbaras und Michaels Reise begann.

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