Es ist nur natürlich, dass man in der schweren Krise, die wir derzeit in der Weltwirtschaft erleben, wissen will, wie sie ausgehen wird. Allerdings sind die Prognosen darüber zurzeit meist wertlos und dabei großenteils „schwarze Visionen” für die kommenden Monate oder gar Jahre. Man kann sie deshalb nicht ganz ernst nehmen. Denn ein wenig ist es so wie mit Wettervoraussagen: Wenn ständig die Sonne scheint, interessiert sich keiner so richtig für die Wetterlage, aber wenn das Wetter mies ist, wollen alle wissen, wann es endlich besser wird.

 

Jakiekolwiek prognozy prezentownae dzisiaj, a dotyczące sytuacji ekonomicznej po zakończeniu pandemii koronowirusa, to jedynie wróżnie z fusów
Alle heutigen Prognosen zur Wirtschaftslage nach der Corona-Pandemie sind bloße Kaffeesatzleserei
Foto: www.fikaflavour.pl

 

Ähnlich ist es jetzt, in Zeiten von Corona, wo die Hälfte der Menschen auf der Erdkugel mit dem Verbot konfrontiert ist, ihre Häuser zu verlassen und die Wirtschaft weitgehend erstarrt ist. Was die Wirtschaft anbelangt, so sind die Computer von Ökonomen, Analysten und Wirtschaftsfachleuten mittlerweile so heiß gelaufen wie ein Hochofen in einem Hüttenwerk. Tagtäglich werden wir dabei mit Unmengen von Daten gefüttert, die kein Rechenmodell vorhersehen konnte. Denn mit so einer Situation hatte noch niemand zu tun. Nicht einmal eingefleischte Untergangspropheten. Dennoch beteuern Analysten einer nach dem anderen papageienartig: „Es kommt der Crash!“.

Daten, wie sie noch niemand gesehen hat

Ist es aber in einem solchen Moment ein Kunststück und überhaupt glaubhaft, unaufhörlich wirtschaftliche Probleme, Crash, Armut usw. zu prophezeien? Ein Kunststück ist das nicht und es ist auch gar nicht so offenkundig und sicher. Wer auch nur halbwegs ernst genommen werden will, muss zugeben, dass die Situation beispiellos ist – unzählige Charts führen das vor Augen. Tatsache ist gleichwohl, dass inzwischen gut 20 Millionen US-Amerikaner ihren Job verloren haben – und es werden immer mehr. Das konnte niemand vorhersehen – nicht zuletzt, weil es hierzu keine historischen Beispiele gibt. Auch die weltweite Finanzkrise von 2008/2009 kann nicht als Vorlage herhalten, ja nicht einmal die Große Depression zu Beginn der 1930er Jahre. Aber genau darin liegt ja der Kern: Die Rechenmodelle der Wirtschaftsgurus basieren derzeit einzig auf historischen Erfahrungen. Trotzdem versuchen sich allerlei Institute und Institutionen auf Biegen und Brechen in Prognosen und Szenarios, wobei diese meistens „schwarz” ausfallen. So ahnt beispielsweise die Welthandelsorganisation eine Verringerung des internationalen Handelsverkehrs um 13 bis 32 Prozent. Und das deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (ifo) in München schätzt den Rückgang der Industrieproduktion in der Bundesrepublik auf 7 bis 20 Prozent jährlich. Immerhin etwas konkreter ist der Internationale Währungsfonds (IWF) und prognostiziert eine Schrumpfung der Weltwirtschaft um drei Prozent, räumt dabei aber sofort ehrlich ein, dass sich diese Schätzung im Endeffekt als bloße Makulatur und ein Haufen Fehlurteile entpuppen könnte.

 

Alternativen gefragt

Klar, Zahlen sind wichtig, denn zum einen wollen die Menschen wissen, wie schlimm die Lage wirklich ist, um besser gerüstet zu sein, zum anderen müssen die Regierungen errechnen, wie viele Milliarden sie für ihre Hilfspakete brauchen. Das Problem dabei: Niemand weiß, wann es gelingt, das Coronavirus einzudämmen. Dieses Datum kann niemand nennen. Außerdem sind manche Zahlen heute noch kaum ermittelbar. So wird nach Daten zur Inflation ja nicht zuletzt in den Geschäften gefragt, von denen viele jedoch jetzt geschlossen sind. Fraglich ist auch, ob alle Unternehmen in Deutschland ganz brav ihre Auskunft zu dem wichtigen deutschen Geschäftsklimaindex beisteuern werden – viele mögen ja jetzt gerade Wichtigeres und Dringenderes am Hals haben. Die Analysten und Ökonomen müssen also nach Alternativen suchen, die möglicherweise weniger präzise ausfallen, dafür aber viele überzeugen und nicht erschrecken. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass noch immer mit Containern beladene Lastschiffe den Rhein befahren. Es sind zwar weniger als sonst, aber sie sind unterwegs… Demgegenüber ist ein dramatischer, hundertprozentiger Rückgang bei Tischreservierungen in Deutschlands Restaurants zu verzeichnen. Schaut man sich andererseits um, so kann man erfahren, dass die Luxuswarenhändler in China ihre Geschäfte inzwischen wieder geöffnet haben! Die Kunden kommen nun wieder und kaufen, zwar noch bei weitem nicht so viele wie vor dem Coronavirus, aber immerhin.

 

Man weiß so gut wie nichts

Erfreulicherweise gibt es in diesen Tagen auch aufrichtige Stimmen, die zugeben, dass ihre Voraussagen nicht sehr glaubhaft sind. Oftmals seien es Überinterpretationen, denen mangelnde Gewissheit und unzureichende Kenntnisse zugrunde liegen. So hat der New Yorker Deutsche-Bank-Prognostiker Torsten Slok eingeräumt, er habe schlicht und ergreifend nichts, was er in seinen Modellberechnungen in der Spalte „Variablen“ eintragen könnte. Sogar der Chef der US-Notenbank Federal Reserve Jerome Powell musste zugestehen, dass die Antwort auf alles, was mit der Corona-Seuche zusammenhängt, lautet: „Man weiß so gut wie nichts”. Das ist entwaffnend und tröstlich zugleich und lässt hoffen, dass es so schlimm, wie manche vermuten, nicht ist und auch nicht kommen wird. Da bleibt also nur eines: Wir müssen Ruhe bewahren und abwarten, bis der Sturm vorüber ist. Dass er einmal vorüber sein wird, zeigt sich daran, dass er in einigen Staaten bereit vorübergeht, auch wirtschaftlich, so dass die Wirtschaft dort schon langsam wieder zur Normalität zurückkehrt, wie etwa in China. Warten wir also noch ein wenig und wir werden dann sehen, welche Schäden das Virus tatsächlich angerichtet hat und was nur entsetzte menschliche Fantasie war. Eines steht allerdings schon heute fest: Nach der Corona-Krise erwartet uns eine Menge Arbeit, harte Arbeit in der Wirtschaft, im Gesundheitsschutz sowie daran, uns in Zukunft gegen derartige Gegebenheiten abzusichern. Mögen wir aus unseren Erfahrungen mit dem Coronavirus gestärkt hervorgehen und die richtigen Schlüsse ziehen.

 

Johann Engel