Früher einmal wurden viele Denkmäler und historische Objekte aus deutscher Zeit des Ermlandes und Masurens als etwas Fremdes angesehen. Heute betrachten immer mehr Menschen dieses Erbe auch als unser eigenes und begegnen dem hier einst Erschaffenen mit Respekt.

 

 

Wadang – Waldhaus. Ansichtskarte 1925
Privates Archiv: Alfred Czesla

 

Unter den zahlreich vorkommenden interessanten Orten der deutschen Zivilisation sei diesmal das sieben Kilometer von Allenstein entfernte Dorf Wadang (Wadąg) den Wochenblatt-Lesern empfohlen. Es ist 16 Jahre älter als Allenstein. Mehr noch, es gehört zu den ältesten Ortschaften im südlichen Ermland. Gegründet wurde es im Jahr 1337 von Johannes und Paulus aus dem Schulzendorf Altwartenburg, dem heutigen Barczewko. Zu jener Zeit war es ein kleines Städtchen, das von Litauern restlos geplündert und niedergebrannt wurde. Wiederaufgebaut wurde es ein paar Kilometer weiter, aber bereits als Wartenburg (Barczewo).

 

1339 entstanden in Wadang ein Sägewerk und eine Mühle. Man baute eine Brücke über einen Fluss, auf dem entlang die wichtigste Route aus Allenstein nach Königsberg (Królewiec) über Guttstadt (Dobre Miasto), Heilsberg (Lidzbark Warmiński) und Bartenstein (Bartoszyce) führte. In das Dorf kam eine Vielzahl von Interessenten, um dort Holz und Mehl zu kaufen. Von dort holte man Bretter für den Bau von Häusern im neugegründeten Allenstein.

Während des Krieges zwischen Polen und dem Deutschen Orden in den Jahren 1519 bis 1521 wurde das Dorf zerstört. Doch bereits im 16. Jahrhundert wurde dort ein Wirtshaus gebaut und die Wiederbesiedlung des teilweise verlassenen Ortes kam nun in Schwung. Neben der Mühle entstand zudem eine Ölmühle.

 

1715 beschloss die Familie Hempel, die diese Anlagen besaß, die Mühle in Wadang um eine Papierherstellung auszubauen. Es sollte die zweite Papierschöpferei im Ermland nach dem 15 Jahre zuvor gegründeten Betrieb in Wusen (Osetnik) bei Mehlsack (Pieniężno) werden. Der erste Meister der weißen Kunst in der Wadanger Papiermühle war Johannes Andres Hempel. Das Papier war in ganz Preußen sowie im Königreich Polen bekannt. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählte die Papiermühle zu den führenden und modernsten Betrieben der Region. Man produzierte dort zehn verschiedene Papiersorten, darunter das hochwertige „Königspapier” für den Druck von Landkarten und das Pressen von Kupferstichen sowie Notenpapier. Letzteres war ein sehr seltenes Produkt in Ostpreußen. Nachdem 1843 eine moderne Papierfabrik in Tilsit (Tylża), heute Sowetsk in der russischen Oblast Kaliningrad, eröffnet wurde, verlor der Betrieb in Wadang nach und nach an Bedeutung.

 

 

In dem sich schnell entwickelnden Allenstein gab es zunehmend großen Bedarf an Strom, welcher anfänglich aus einem Kraftwerk an der Alle (Łyna) kam. In Wadang gab es alles. Eine Staustufe und Baulichkeiten. In den Räumlichkeiten der ehemaligen Papierfabrik wurde ein zweites Kraftwerk in Betrieb genommen. Dieses besitzt einen historischen wassertechnischen Komplex aus der Vorkriegszeit, bestehend aus einem Siemens-Generator und einer Kaplan-Voith-Turbine. Der Strom speiste eine Straßenbahntraktion und Laternen und der Überschuss wurde für die Beleuchtung exklusiver Wohnungen und für die sich entwickelnde Industrie verwendet.

 

1910 eröffnete Karol Oschinsky am Rande des Allensteiner Stadtwaldes das Waldhaus „Neu Wadang”, das sich bis zum heutigen Tag erhalten hat. Es befanden sich dort eine Gaststätte, Ferienzimmer, Wirtschaftsräume und Garagen für Motorisierte. Es war ein Ort der sonntäglichen Massenerholung für die Allensteiner. Es war berühmt für vorzüglichen Hefekuchen und Milch (von Kühen der norwegischen Rasse). Heute hat das ermländisch-masurische Zentrum für landwirtschaftliche Beratung in dem Waldhaus seinen Sitz.

 

In jenen Jahren lebten in dem Dorf etwa 70 Menschen, die vor allem in den dortigen Betrieben und den beiden Wirtshäusern arbeiteten. 1933 zählte das Dorf bereits 133 Einwohner und 1939 waren es 130.
Als ich in den Sechzigerjahren nach Allenstein kam, standen in Wadang damals nur einige weniger Häuser neben dem Kraftwerk am Fluss. In die benachbarten Dörfer Köslienen (Kieźlin), Stolpen (Słupów) und Micken (Myk) führten weitläufige Felder, die mehrheitlich von der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft Kieżliny bebaut wurden.

 

Die Ortschaft wird kontinuierlich ausgebaut. Es ist dort eine neue Wohnsiedlung entstanden und die Zahl der Bevölkerung hat sich verdreifacht. Die Allensteiner betrachten Wadang ebenso wie Allensteins Vorkriegsbewohner als Ferien- und Erholungsdorf. Man benutzt dabei einen über 100 Jahre alten Spazierweg, der von Jakobsberg (Jakubowo) über einen Wald bis nach Wadang führt. Man nimmt auch an Paddeltouren entlang der Wadang teil und fährt unterwegs unter einer schönen Bogenbrücke, die es auf der Landstraße von Allenstein nach Diwitten (Dywity) gibt. Nach wie vor dient ihnen das Spitzenwasserkraftwerk und das Abwasserpumpwerk. Nur die Holzbrücke wurde durch eine Betonbrücke ersetzt und das Sägewerk und die Ölmühle wurden stillgelegt. Von den Wirtshäusern fehlt inzwischen ebenfalls jede Spur.

Was das Dorf betrifft, so ist es jetzt eine große Schlafstätte für Allenstein.

Alfred Czesla