In Oberschlesien und in anderen Regionen des nördlichen und westlichen Polens hat die kommunistische Führung mehr als 40 Jahre lang mit großem Eifer gegen die Spuren deutscher Vergangenheit gekämpft. Diesem Kampf fielen auch deutschsprachige Informationsaufschriften, Ladenschilder, Wegweiser und Inschriften zum Opfer. Zum Glück war dieser Kampf nicht überall erfolgreich, wie die seit kurzem vorhandene Internet-Unterseite „Zapomniane napisy” (Vergessene Beschriftungen) des „Hauses der deutsch-polnischen Zusammenarbeit“ auf dem Portal www.zapomnianedziedzictwo.pl zeigt. Mehr noch: Dank jetziger Gebäudeverwalter erstrahlt ein Teil der Relikte nun sogar wieder im alten Glanz.

 

Diese gut erhaltene Häuserfassade trägt den Geist eines Lebensmittelladens in sich.
Foto: zapomnianedziedzictwo.pl

 

 

Auch wenn die Beschriftungen oft banal sind – gemeint sind ja vor allem Ladenschilder und Reklamen –, muten die unter dem Putz hervortretenden Schriftzüge aus kantigen gotischen Buchstaben doch ein wenig wie geheimnisvolle Nachrichten aus einer anderen Epoche an. In gewissem Sinne versetzt das Portal also in eine andere Zeit oder aber – aus einer etwas anderen Perspektive betrachtet – ermuntert zur Teilnahme an einer virtuellen archäologischen Expedition, deren Forschungsobjekte oberschlesische Bürgerhäuser und öffentliche Gebäude sind. Zwar sind Objekte dieser Art seit dem Niedergang der Volksrepublik Polen nicht mehr einer politisch motivierten Zerstörung ausgesetzt, man kann aber schwerlich sagen, dass sie durch nichts mehr bedroht sind. Nicht weniger gefährlich als das wachsame Auge sozialistischer Behörden, das deutschsprachige Beschriftungen auf „den uralten Gebieten der Piasten” nicht duldete, sind heute das mangelnde Verständnis für altes Kulturerbe und paradoxerweise auch modernisierende Initiativen von Gemeinden und Wohnungsgemeinschaften, bei denen Gebäude wärmegedämmt oder umfassend verputzt werden.

 

20 Objekte für den Anfang
Die Website präsentiert zurzeit 20 Objekte, an denen deutsche Beschriftungen sich entweder erhalten haben oder auch gezielt zum Vorschein gebracht worden sind. Hierbei erscheint die letztere Kategorie besonders interessant. In den letzten Jahren wurden in den Städten der Region zumindest mehrere historische deutschsprachige Reklameschilder und Inschriften gesichert. Erwähnt sei hierbei das Motto am Ceres-Springbrunngen in Oppeln bzw. das Gebäude der Chemischen Fakultät der Schlesischen Technischen Hochschule Gleiwitz oder – wie die Aufschrift informiert – der alten „Maschinenbau- und Hütten-Schule“. In derselben Stadt, im Treppenhaus eines Mietshauses an der ul. Daszyńskiego, wurde im Jahr 2013 aus Mitteln der Schlesischen Denkmalschutzbehörde eine Wandmalerei konserviert, die einen Psalm in deutscher Sprache beinhaltet. Ähnliche Initiativen werden auch im Teschener Schlesien verfolgt, z.B. in Bielitz-Biala, wo an der Fassade des Hauptbahnhofs die Aufschrift „K.K. Privilegierte Kais. Ferd. Nordbahn“ gut sichtbar gemacht worden ist.
Wohlgemerkt: Im einst österreichischen Teschener Schlesien sorgen deutschsprachige Inschriften im öffentlichen Raum schon lange für etwas weniger Emotionen als im ehemaligen preußischen Teil der Region. Erwähnenswert sind darüber hinaus die ebenfalls auf dem Portal präsentierten Initiativen der jetzigen Eigentümer des Gebäudes an der ul. Dworcowa in Hindenburg, wo mit einer Fensterscheibe Fragmente eines Ladenschildes des Spielzeuggeschäfts Max Schwerin aus den 1920er Jahren abgesichert wurden. Ebenso wird auf ein Mietshauses an der ul. Okopowa in Gleiwitz hingewiesen, wo man die Schilder eines dort einst vorhandenen Möbelgeschäfts und einer Kreditagentur erneuert hat. Zu den interessantesten Objekten, die auf dem Portal gezeigt werden, gehört die ehemalige Bäckerei und Konditorei von Karl Maier an der ul. Mickiewicza in Beuthen, die dank der jetzigen Benutzer der Räumlichkeiten gewissermaßen ein neues Leben erhalten hat.

 

Anfang 20. Jahrhundert entstanden

 

 

Zurück in die Vergangenheit
„Alles hat damit angefangen, dass eine Freundin von mir eine Bekleidungsmarke schaffen wollte“, erzählt Karolina Jakoweńko. „Ich beschloss, ihr zu helfen, und wir mieteten in der Straße, in der wie beide wohnen, von der Stadt ein kleines Lokal für unsere Geschäftstätigkeit. Als wir dann bei der Renovierung das Schild unserer Vorgängerin entfernten, die dort eine Lottostelle und einen Zigarettenverkauf betrieben hatte, erschien vor unseren Augen das auf der Mauer gemalte schöne deutsche Schild „Bäckerei und Conditorei“. Natürlich war uns von Anfang an klar, dass man es bewahren musste. Wir besorgten uns also eine kleine Förderung und beauftragten ein Denkmalpflege-Atelier mit der Renovierung des Schildes. Wir haben gehört, dass einige Menschen bei der Stadtverwaltung angerufen und sich beklagt haben, dass wir hier deutsche Geschichte pflegen, ja sogar der Name Hitler wurde in diesem Kontext genannt. Aber es waren ja nur vereinzelte Telefonate und die meisten Reaktionen sind sehr positiv. Das alte Schild hat uns zudem inspiriert, wenn es um unseren Firmennamen geht. „Bäckerei“ schien uns dabei etwas Selbstverständliches zu sein, etwas, das den Geist dieses Ortes in sich trägt. In Beuthen gibt es ja viele alte Schilder, denn die Armut konserviert. Das unsere aber ist das einzige erneuerte“, so Karolina Jakoweńko.

 

Heute das Modegeschäft “Bäckerei”

 

 

Das besondere Beuthen
Beuthen ist in dieser Hinsicht wirklich etwas Besonderes. Es ist wohl die großstädtischste, zugleich aber auch eine der am ärgsten vernachlässigten Städte Oberschlesiens. Alte Beschriftungen, wie man sie in Oppeln, Hindenburg oder Gleiwitz nur dann finden kann, wenn man sehr genau hinschaut und Bewohner ausfragt, finden sich in Beuthen eigentlich von selbst. Kleine Läden, Restaurants und angesehene Bekleidungssalons – auch wenn sie seit 80 und manchmal seit 100 Jahren nicht mehr existieren – werben an Beuthens Fassaden noch immer mit ihren Schildern für sich .
Neben der Innenstadt bringt die „Mauer-Archäologie” auch im Stadtteil Rossberg ganz gute Ergebnisse. In der Zwischenkriegszeit gab es dort nämlich viele größere und kleinere Geschäfte und Restaurants, die sich an Kunden aus dem polnischen Teil Oberschlesiens orientierten. Nach 1922 verlief die Staatsgrenze ca. 2 km von Rossberg entfernt, so dass dieses von den auf polnischer Seite liegenden Ortschaften aus bereits nach einem etwa 20- bis 30-minütigen Spaziergang zu erreichen war.
Doch nicht die Ladenschilder sind unter den auf dem Portal präsentierten Beuthener Relikten die spektakulärsten, sondern die an Schulgebäuden noch vorhandenen Aufschriften „Bezirksschule Nr. 5” und „Hier streb’ die Jugend zu Fleiss und Tugend“. Eine weniger typische Besonderheit, die ebenfalls auf dem Portal einen Platz gefunden hat, ist hingegen die Aufschrift „Für Männer“ an der Toilette einer ehemaligen Gaststätte in Hindenburg-Paulsdorf.
Außer Fotos für jedermann gibt es anhand der gezeigten Objekte auch kurze Kommentare zur jeweiligen Aufschrift oder zur Geschichte des betreffenden Gebäudes. Zurzeit umfasst die Sammlung ausgewählte Motive aus Beuthen, Gleiwitz, Myslowitz, Ratibor und Hindenburg, sie soll aber in Zukunft um weitere Objekte ergänzt werden.

 

 

Dawid Smolorz