1230 mb - Carolina Schutti

 

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Einmal muss ich über weiches Gras gelaufen sein“ – eine Erzählung über eine verloren gegangene Identität erhielt in diesem Jahr den Literaturpreis der Europäischen Union. Die Autorin Carolina Schutti stellte ihr Buch am Dienstag in der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaft Breslau vor. Über den Verlust der Sprache sprach mit ihr Marie Baumgarten.

 

Sie erzählen die Geschichte von Maja, einem Mädchen, das seine Muttersprache vergisst, als es sein Heimatland verlassen muss. Ein Stück Ihrer eigenen Lebensgeschichte steckt darin. Wie war das bei Ihnen?

 

Bis zu meinem fünften Lebensjahr haben wir zu Hause nur Polnisch gesprochen – meine Eltern sind beide Polen, wobei mein Vater zweisprachig in Deutschland aufgewachsen ist, meine Mutter in Polen. Sie haben sich zufällig in Innsbruck kennengelernt und sind dort hängen geblieben. Bis ich in den Kindergarten kam, konnte ich kein Wort Deutsch. Dann haben meine Eltern aufgehört, Polnisch mit mir zu sprechen, ich sollte nun Deutsch lernen. Innerhalb eines Jahres habe ich die polnische Sprache komplett vergessen.

 

 

Können Sie Polnisch noch verstehen, auch wenn Sie es nicht aktiv sprechen?

 

Heute kann ich Polnisch weder sprechen noch verstehen. Ich habe die Sprache komplett verloren und sie kam nie zurück. Geblieben ist nur eine emotionale Bindung zu der Sprache.

 

 

Was löst der Klang der polnischen Sprache in Ihnen aus?

 

Ganz viel Wärme und Geborgenheit. Ich erinnere mich an Besuche bei meinen Großeltern im Nordosten Polens. Dazu gehören auch polnische Bilder: Landschaften, Gerüche, Essen, die Hand meiner Großmutter auf meinem Kopf und sie sagt „Moje dziewczynko, dobranoc!“ – Was ich im Nachhinein erst neu erlernt habe. Und der Klang ist mir noch immer so vertraut, dass ich Wörter ohne Schwierigkeiten nachsprechen kann, auch wenn ich nicht weiß, was sie bedeuten.

 

 

Kann man sagen, Majas Geschichte ist Ihre Geschichte?

 

Der Kern – der Sprachverlust und die Suche nach der Sprache – das ist meine Geschichte, der Rest ist erfunden. Es gibt in der Erzählung den polnischen Zwangsarbeiter Marek, der mit einem Akzent spricht, der Maja an früher erinnert. Dabei bekommt sie warme Gefühle. Über den Klang der Sprache versuche ich zu zeigen, dass unsere erste Sprache viel mit Emotion und Identität zu tun hat, auch wenn man sie später verliert, so wie es bei mir war.

 

Die eigene Lebensgeschichte steckt darin

 

 

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