Bettina Harnischfeger berichtet über ihre Kindheit in Schlesien

Wie kann man Jugendlichen die Vergangenheit verständlicher machen? Diese Frage stellen sich Geschichtslehrer oft. Eine Möglichkeit wären Zeitzeugengespräche, denn Geschichte sollte nicht nur etwas abstraktes aus dem Lehrbuch bleiben.

 

Martin Cichon ist Geschichtslehrer und Leiter der Freien Evangelischen Oberschule in Görlitz. Im Rahmen des Unterrichts hat er seine Schulklasse ins Schlesische Museum mitgenommen. Dort wartete auf die Jugendlichen Bettina Harnischfeger mit Geschichten aus ihrer Kindheit in Schlesien. „Geschichte bedeutet nicht immer nur große Schlachten, Kriege, große Zivilisationen, sondern Geschichte fängt immer erst bei persönlichen Erlebnissen an“, sagt Cichon.

 

Sulau ist überall

 

Die Schüler erwartete eine Überraschung, denn die Zeitzeugin erwies sich als junggebliebene, fröhliche und offene Person, die einen guten Draht zu Jugendlichen hat.

 

Bettina Harnischfeger wuchs in einem Pfarrhaus in Sulau (Sułów), im Bartschtal (Dolina Baryczy) auf. Ihr Vater, Pastor Axel Sommer, war ein Gegner des Nazi-Regimes. Deshalb musste er sein Kirchenamt abgeben und wurde an die Front geschickt. Er fiel im Krieg, als Bettina drei Jahre alt war. „Anfangs wurden die Pastoren in den Gemeinden gelassen, auch wenn die anderen Männer eingezogen waren oder sie wurden als Soldatenpastoren in den Krieg geschickt. Sie mussten jedoch nicht kämpfen. Aber diejenigen, die im Widerstand waren, die wurden als ‚Kanonenfutter‘ an die Front geschickt“, erklärte Harnischfeger wie es dazu kam, dass ihr Vater an der Front gefallen war.

 

Mit dem Ende des Kriegs hörte das Leid für Bettina Harnischfeger und ihre Familie nicht auf. Es folgte die Vertreibung aus der Heimat. Die Pfarrerstochter aus Sulau hat viele Erinnerungen an die Kindheit in Schlesien, auch viele schöne, die sie ebenfalls den Schülern erzählte. Dabei zeigte sie Bilder von Sulau, der Kirche, die heute katholisch ist, dem Pfarrhaus, der Umgebung. „Mein Beitrag ist kein umfassender Bericht über den Widerstand gegen Hitler, ich beschränke mich auf Regionales, versuche einen kleinen konkreten Ort als Schauplatz einer Geschichte herauszugreifen, die so oder ähnlich auch andereswo stattgefunden hat“, erklärt die Zeitzeugin.

 

70 Jahre unterm Dachbalken

 

Als Quelle ihrer Erinnerungen dient Harnischfeger ein besonderer Fund. Die heutigen Bewohner des Pfarrhauses in dem Bettina einst zu Hause war, entdeckten bei der Renovierung des Dachstuhls unter einem Dachbalken einen Knäuel aus alten Papieren voller Dreck, Mörtel und Spinnweben. „Voll Aufregung stellte ich fest, dass es sich um versteckte Papiere einer kirchlichen Organisation handelte, bei der mein Vater Mitglied war. Die Mitglieder dieses ‚Notbundes‘ waren sich sicher, dass das, was die Nazis in der Kirche durchsetzen wollten, nicht Gottes Wille sein konnte“, berichtet Harnischfeger. Der Teil der evangelischen Kirche, der hinter diesem Bund stand, hieß „Bekennende Kirche“. Unter den Papieren aus dem Fund war auch eine Liste von sämtlichen schlesischen Pastoren, die dem Notbündnis angehörten.

 

Bettina Harnischfeger machte aus diesem Fund erst eine Ausstellung und anschließend eine zweisprachige Broschüre. Und sie trifft Schüler, denen sie darüber erzählt. „Es geht mir nicht darum die Schuld der Alten auf die Schultern der Jungen abzuwälzen. Ich möchte erklären, wo nebelhaft Bekanntes eher belastender, verwirrender ist, als gewissenhaft Erzähltes. Ich sehe mich als Brücke zwischen den Generationen und Nationen. Der eine Fuß steht in deutscher Geschichte und Tradition, der andere in polnischer Gegenwart“, so Harnischfeger, die sich selbst als „Bumerangschlesierin“ bezeichnet, da sie seit 1996 wieder in ihrem Heimatkreis lebt.

 

Erbe und Verpflichtung

 

1979 reiste Bettina zum ersten Mal nach der Flucht ins Bartschtal und kehrte immer wieder zurück, bis sie sich zusammen mit ihrem Ehemann Hans in Protsch (Pracze) bei Militsch ganz niederließen. Sie kauften und renovierten einen Glockenturm und eine Scheune im sogenannten Froscheck. Darin schufen sie einen Aktivraum, ein naturbelassenes Gelände als Begegnungsort für Menschen mit Ideen. Dort organisiert der Landfrauenverein ihre Veranstaltungen, Jugendliche treffen sich zum Tanze, es finden Konzerte und Ausstellungen statt. „2007 verstarb mein Mann. Seitdem führe ich fort, was wir gemeinsam begonnen haben“, so Bettina. Bei Harnischfeger kommen deutsche und polnische Jugendliche zusammen und diskutieren über die nun gemeinsame schlesische Geschichte.

 

Zeitzeugin Bettina Harnischfeger – die Pastorentochter aus Sulau erzählt Kindern von ihrer Kindheit und beim Erzählen begegnet die alte Frau dem Kind, das sie einmal selbst war und irgendwo immer noch ist. Sie sagt selbst: „Dieses Kind von damals möchte heute mit anderen Kindern zusammentreffen. Deshalb erzähle ich das alles“.

 

Klaudia Kandzia