Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Saturday, May 21, 2022

Keiner brennt für Hellmann

Gerd Schrammen, Bettina und Peter Hellmann und Hans-Albrecht Bittner (Freiwillige Feuerwehr Görlitz) unterhalten sich vor der Messe über die aktuellen Entwicklungen.  Foto: Johannes Rasim
Gerd Schrammen, Bettina und Peter Hellmann und Hans-Albrecht Bittner (Freiwillige Feuerwehr Görlitz) unterhalten sich vor der Messe über die aktuellen Entwicklungen.
Foto: Johannes Rasim

Die Euphorie der vergangenen Jahre nach der Wiederentdeckung des „Vaters der Schlesischen Feuerwehren“ scheint verflogen zu sein, denn gerade einmal zwei Dutzend Interessierte fanden sich am vergangenen Samstag auf dem Jerusalemer Friedhof in Neisse zusammen, um Johannes Hellmann zu seinem 175. Geburtstag die Ehre zu erweisen.

 

Johannes Rasim

 

„Es ist schon sehr enttäuschend, dass Johannes Hellmann heute so wenig wahrgenommen wird“, stellte Helmut Polewka von der Freiwilligen Feuerwehr in Roswadze (Rozwadza) fest. „Die schwache Resonanz bei den heutigen Feierlichkeiten ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass die Veranstalter keine Werbung in der Regionalpresse betrieben haben, andererseits ist das auch das Spiegelbild der mangelhaften Zusammenarbeit zwischen den Vorständen der Feuerwehren auf Woiwodschafts- und Kreisebene einerseits und den Feuerwehren auf Gemeindeebene, beziehungsweise in den jeweiligen Ortschaften. Bezeichnend ist auch, dass wir von der Historischen Kommission der Freiwilligen Feuerwehren in der Woiwodschaft Oppeln (Komisija historyczna przy zarządzie wojewódzkim Zwiazku Ochotniczej Straży Pożarnej w Opolu), über die  wir vor zwei Jahren beim Oppelner Feuerwehrverband angefragt haben, wie viele alte Feuerwehrgeräte in der Woiwodschaft Oppeln noch vorhanden sind, bis heute nur eine Rückmeldung aus Groß Strehlitz (Strzelce Opolskie) erhalten haben.“

 

Enttäuscht über wenig Interessierte

 
„Das tut sehr weh, dass so wenige Feuerwehrmänner heute nach Neisse gekommen sind. Es ist bedauerlich, dass die Strukturen der Deutschen Minderheit keinen Lokalpatriotismus zeigen. Warum kann zum Beispiel die Gemeinde Guttentag (Dobrodzień) oder Groß Stehlitz keine offizielle Abordnung nach Neisse schicken?“, fragte verbittert Rudolf Hyla aus Schemrowitz (Szemrowice), der Wiederentdecker Hellmanns. Hoch erfreut zeigte er sich dagegen über die Besucher aus Deutschland, denn neben dem Referenten Gerd Schrammen vom Deutschen Feuerwehr-Museum in Fulda und einer Abordnung von der Freiwilligen Feuerwehr aus Görlitz kamen auch Verwandte des Geehrten, Peter Hellmann und seine Frau Bettina.

 

Vor fünf Jahren startet Initiative

 
Das vor fünf Jahren groß angelegte Projekt „Johannes Hellmann – Vor dem Vergessen bewahren“ zeigte zunächst seine Wirkung: Vorangetrieben durch das Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit (HDPZ) fanden wissenschaftliche Konferenzen in Oppeln und Neisse statt. Zu Feierlichkeiten im Rahmen der Umbettung der sterblichen Überreste Hellmanns kamen zahlreiche Abordnungen, unter anderem aus seinem Geburtsort Zauditz (Sudice, Tschechische Republik) südlich von Ratibor und aus Gleiwitz (Gliwice), wo Hellmann seine Karriere begann. Auf meine Anfrage, ob die Gleiwitzer Berufsfeuerwehr eine Abordnung am 8. August nach Neisse entsenden wird, bekam ich nur eine zögerliche Antwort. Nach einer kurzen Internetrecherche hieß es lediglich, dass Johannes Hellman zweifellos eine sehr interessante Persönlichkeit sei, allerdings in erster Linie für die Oppelner Region und nur für die Freiwilligen Feuerwehren von Bedeutung. Beim Gleiwitzer Landratsamt hingegen sei die Person Johannes Hellmann durchaus bekannt, allerdings habe hier niemand etwas von einer Konferenz aus Anlass seines 175. Geburtstags gewusst – eine Abordnung nach Neisse zu entsenden sei aus Zeitgründen leider nicht mehr möglich.

 

Kein Geld für Publikation

 
Enttäuscht über die schwache Resonanz zeigte sich auch der Hauptorganisator der Feierlichkeiten Stanisław Kuszła vom 7. Kreis der emeritierten Feuerwehrmänner in Neisse (7. koło emerytów i rencistów z Nysy). Gleichzeitig zeigte sich Kuszła über Geldnöte besorgt, denn die für dieses Jahr geplante Herausgabe der Monographie über die Neisser Feuerwehr nach 1945 von Jan Boćwiński (Historia pożarnictwa ziemi Nyskiej) muss zunächst auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Und auch die weitestgehend fertige Abhandlung über die Neisser Feuerwehr von ihrer Gründung bis 1945 von Gerd Schrammen wartet auf einen Sponsor für den Druck. Die deutsche und polnische Seite wäre an einer gemeinsamen zweisprachigen Ausgabe interessiert, doch dies würde zusätzliche Kosten verursachen.

 

Forschungen gehen voran

 
Doch zumindest die Forschungen über Leben und Werk Johannes Hellmann konnten in den letzten zwei Jahren weiter vorangetrieben werden. Gerd Schrammen wertete die Berichte des Schlesischen Feuerwehrverbandes aus und konnte auch einige wichtige Informationen aus dem Archiv des Neisser Heimatblattes in Hildesheim gewinnen. Hinzu kam das Familienbuch der Hellmanns;  „Mein Großvater Oskar Hellmann aus Ratibor-Ostrog (Racibórz-Ostróg) und Johannes Hellmann waren Brüder. Oskar Hellmann hatte in den frühen 30er-Jahren ein Familienbuch veröffentlicht und hat dort alles, was er an Daten und Fakten erforschte, zusammengetragen. Meine Frau hatte übers Internet erfahren, dass Gerd Schrammen sich mit Johannes Hellmann beschäftigt. Eine Kontaktaufnahme misslang zunächst, aber dann haben wir uns vor zwei Jahren hier in Neisse getroffen, und zwar beim Treffen des Neisser Kultur- und Heimatbundes“, sagte Peter Hellmann.

 

Hellmann studierte Jura

 
Einige Ergebnisse seiner Nachforschungen gab Gerd Schrammen in seinem Referat wieder: Johannes Hellmann wurde am 12. August 1840 in Zauditz im Kreis Ratibor als elftes Kind des schon früh verstorbenen Landwirts Heinrich Hellmann geboren. Seine Kindheit und Jugend erlebte Johannes nach dem Tod des Vaters mit seiner Mutter in Ratibor, bei deren Tochter aus erster Ehe. Finanziell war Johannes dennoch gut gestellt. Sein Vater wurde als Sohn eines Kleinbauern unmittelbar hinter der Grenze im österreichischen Pittern geboren und war im Alter von 15 Jahren in das preußische Schlesien übergesiedelt. Dort hat er es als Rentmeister beim Fürsten von Lichnowsky und Gutsverwalter für mehrere andere Herrschaften zu einem bescheidenen und doch soliden Wohlstand gebracht. Zuletzt hatte er in Zauditz einen eigenen Hof besessen. Dieser Umstand ermöglichte Johannes Hellmann zunächst den Besuch des Gymnasiums in Ratibor und dann das Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Breslau (Wrocław).

 

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