Wochenblatt – Gazeta Niemców w Rzeczypospolitej Polskiej

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Thursday, December 8, 2022

Vom Anhängen von Etiketten

Wie geht ein Mensch, der von einem Tag auf den anderen ein Etikett verpasst bekommt, das er nicht will und dadurch ein Bürger zweiter Klasse wird, mit dieser Situation um? Diese Frage behandelt der Allensteiner Autor Łukasz Staniszewski in seinem Ein-Personen-Theaterstück „Słoń“, das seit kurzem in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

 

 

 

Dariusz Siastacz in „Słoń“, Szenenbild aus der Aufführung in Stettin Foto: Łukasz Saniszewski

 

 

Łukasz Staniszewski arbeitet bei Radio Olsztyn, ist im Bereich PR tätig und schreibt Radio-Hörspiele. Mit dem Stück „Słoń“ ist er über den Radioäther hinausgegangen, das Ein-Personen-Stück mit dem Schauspieler Dariusz Siastacz vom Sewruk-Theater in Elbing wurde dort im Dezember 2018 erstmals gespielt. „Dank der Zusammenarbeit unter anderem mit der Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden in Polen sind wir inzwischen schon in Stettin, Breslau, Krakau und 2019 zum Jahrestag der Kristallnacht in Warschau aufgetreten“, freut sich Łukasz Staniszewski über den Erfolg seines Stück.

 

 

Grund für das Interesse der jüdischen Gemeinschaft an „Słoń“ ist der geschichtliche Hintergrund. Der Held ist Jude, er lässt am Abend vor seiner Hinrichtung sein Leben Revue passieren. Sein Verbrechen: Mord an einem deutschen Offizier. Das Jahr: 1938. „Es interessiert mich sehr, wie das ist, wenn man jemandem ein Etikett verpasst, um ihn schlechter behandeln und ausgrenzen zu können. Das Beispiel der Juden vor knapp 100 Jahren ist der krasseste Fall, deswegen habe ich die Geschichte dort angesiedelt“, erklärt Łukasz Staniszewski. „Die Mechanismen und die Werkzeuge aber sind bis heute die gleichen, egal in welchem Land. ´Elefant´ kann jeder von uns werden“, sagt er.

 

Die große Geschichte rollt über den Kopf der Hauptfigur hinweg, die schönen Menschen im Café, für die sie schwärmt und die sie dort belauscht, verschwinden und machen hässlicheren Menschen Platz. Dann machen diese aus ihm, einem durchschnittlichen Deutschen, einen Juden, einen Elefanten, er darf nicht mehr ins Café. Er will das nicht wahrhaben, erwägt, sich öffentlich zu entschuldigen, sich vom Elefant-Sein zu heilen, er will nicht abgestempelt sein. In einem Monolog in ironischer Distanz zu sich selber und mit trockenem Humor rollt er die Entwicklung bis hin zum finalen Schuss vor den Zuschauern auf, denen angesichts des Wissens, was nach 1938 noch passierte, das Lachen im Halse stecken bleibt.

 

„Die jüdischen Zuschauer haben das Stück sehr miterlebt, als eine andere Sicht auf den Holocaust. Aber auch Menschen aus der ukrainischen Minderheit haben sich darin wiedergefunden“, schildert Łukasz Staniszewski die Wirkung des Stücks und fügt hinzu: „Ich würde es gerne auch für Deutsche spielen und mit ihnen darüber diskutieren. Eine Übersetzung gibt es ja jetzt.“

 

Doch zunächst steht am 17. Juli um 20 Uhr ein Auftritt auf der Bühne in der Altstadt von Allenstein im Rahmen des „Allensteiner Kunstsommers“ an. Dank Corona unter freiem Himmel und mit Sicherheitsmaßnahmen – social distancing einer anderen Art als im Stück.

 

 

Uwe Hahnkamp

 

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